Die Ewigkeit dauert auch nicht mehr so lang wie früher.

IMG_6157

Dieser Schatz hat viel zu lange unberührt in meinem Regal gestanden, und als ich ihn dann endlich entdeckt habe, habe ich ihn förmlich verschlungen. In Ganz normale Helden sind viele wichtige Geschichten zu einer großen vereint, ohne den Leser zu erschlagen. Wohl aber, um ihm zu erzählen über das Leid, welches einen ereilen kann und wie es vielleicht zu heilen ist.

Das Ehepaar Delpe hat den jüngeren der beiden Söhne verloren. Jeff, achtzehn Jahre, versucht diese Lücke zu füllen, ahnend, dass die Familie droht auseinanderzubrechen. Da kein Mensch solch einer Aufgabe gewachsen ist, zieht er sich schließlich zurück und entgleitet den Eltern. Für die Mutter ist das ein Schock, immer wieder befürchtet sie, Jeff ebenso zu verlieren. Ihre Trauer kippt in einen Wahn; ein Strudel, der sie nach unten zerrt, und der alles droht mitzureißen; ihre Ehe, ihre Familie, ihr gesellschaftliches Leben, ihre Gesundheit. Der Leser taucht ein in die Abgründe einer Ehe, er sieht zu, zu was Menschen fähig sind; Menschen, die sich einmal geliebt haben, und sich nun gegenseitig verletzen, nur um sich noch spüren zu können. Der Autor Anthony McCarten schlägt sich eindeutig auf die Seite des Vaters, der sich in einer eher ruhigen Art mit seiner keifenden und nicht zufriedengebenden Frau konfrontiert sieht. Auch aus ihm holt der unfassbare Schicksalsschlag alles vermeintlich Schlechte heraus: Das Pragmatische wandelt sich in ein Nichtstun, in ein Aussitzen. Erst als Jeff verschwindet, reagieren die Eltern, und nicht mehr als Paar, sondern jeder von ihnen auf seine eigene Weise, die sich aufgrund ihrer geschundenen Seelen als eher ineffektiv bis sinnlos beschreiben lässt.

Diese schwere Kost kommt ganz ohne Pathos und Klischees aus, der Roman kommt sogar sehr erfrischend daher, und diese Tatsache möchte ich doch als ein Meistergelingen bezeichnen. Das menschliche Leid wird an Aktualität niemals verlieren, und da das Internet hier einen großen Teil des Schauplatzes darstellt, wird diese Aktualität noch verstärkt. Unabhängig voneinander suchen nämlich beide Eheleute Hilfe im Netz, Renata redet in einem Kirchenforum mit Gott, und Jim sucht in dem größten virtuellen Rollenspiel weltweit nach seinem verbliebenen Sohn. Stellen, an denen man lacht und dann wieder weint, wechseln sich rasant ab, und in vielen Monologen und Dialogen sind Perlen versteckt, Wahrheiten über das Leben, über die man lange nachdenken und philosophieren kann. Ganz normale Helden möchte ich sofort noch einmal lesen!

Warum erzählen wir Geschichten? Damit wir nicht vergessen, dass es unser Ziel ist, über uns hinauszuwachsen.

(Überschrift und letzter Satz: Zitat aus Ganz normale Helden von Anthony McCarten)