Verdrängung, Schutz und Wahrheit – Im Gespräch mit Kayseeatwe.

Anna

 

 

Anna-Katharina Banike

kayseeatwe.wordpress.com

@kayseeatwe

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Anna! Deine Geschichte spielt in einem Spiegelkabinett …

Ich hasse Spiegelkabinette. Einmal drin gewesen, nie wieder.

Oh, so schlimm?

Nein. Also doch. Ein Spiegel zeigt prinzipiell deine Reflexion. Aber eben nicht immer die Wahrheit. Da werden Tricks angewandt mit Beleuchtung, Krümmung und Form, dass es die Wahrnehmung verzerrt. Das mag ich nicht. Ich mag es, die Kontrolle zu haben und zu wissen, worauf ich mich einlasse. Das habe ich in einem Spiegelkabinett nicht. Es gibt einen vorgefertigten Weg und im Zweifelsfall muss ich mich mit mir selbst in der tausendfachen Ausführung beschäftigen und schlimmstenfalls auch noch mit Reflexionen von anderen Mutigen in dem Raum.

In gewisser Weise haben wir in deiner Geschichte genau diese … Furcht ganz klar vor Augen geführt. Der Protagonist schaut in den Spiegel, und was er da sieht, nennt er nicht Ich sondern Er.

Ja, weil der Spiegel ihm eine Wahrheit zeigt, die er selbst verdrängt hat.

Du hast dies als Thema gewählt – denkst du, dass die Menschen sich vor dem vorgehaltenen Spiegel fürchten?

Ja, ich glaube, viele Menschen kommen mit der Wahrheit nicht zurecht. Und viele nehmen sich nur noch einen Bruchteil von der eigentlichen weg und arbeiten mit ihr, blenden quasi die anderen Bestandteile der Wahrheit aus. Vielleicht sind wir nicht konzipiert, alles um uns herum wahrzunehmen, aber etwas mehr Aufmerksamkeit auch untereinander wäre im Allgemeinen auch für die Gesellschaft förderlicher. Sagt man den Menschen dann genau dies – man solle reflektieren – stößt man auf Abneigung. Wir sind alle nicht perfekt, aber wir sollten zumindest uns selbst reflektieren.

Selbstreflektion und Verdrängung. Zwei große Begriffe, die auch in der Anthologie wichtige Rollen spielen. Herzlich willkommen, liebe Anna, an Bord der Sehnsuchtsfluchten!

Danke, darüber freue ich mich auch sehr. Es war eine großartige Zusammenarbeit mit sehr viel konstruktiver Kritik und auch Aufbauarbeit, wenn man verzweifelt war. Ich für meinen Teil hätte vor allem während des Überarbeitungsprozesses die Geschichte gerne gegen die Wand geschmissen. Aber welcher Autor kennt das nicht?

Kommen wir noch mal zum Spiegel. Du sprichst von gern und bewusst nicht wahrgenommener Wahrheit. Welche Wahrheit meinst du damit?

Ich glaube, dahinter steckt Selbstschutz. Wir versuchen uns das Leben so zu gestalten, wie wir es ertragen können. Das ist nicht verwerflich, wenn man unangenehme Dinge an den Rand drängt, aber gefährlich, wenn sie einen dann doch einholen und man nicht gewappnet ist. Die gern gesehene Wahrheit ist wohl die, mit der wir umgehen können. Sind wir ehrlich, wenn man jemanden kennenlernt, wer ist dann sofort offen und gibt alles von sich preis? Wir zeigen das, was gesehen werden will. Das entspricht einem Ideal und der Wahrheit, die wir gerne zeigen. Die bewusst nicht wahrgenommene Wahrheit wäre in diesem Fall dann das, was sich uns entzieht oder unser Weltbild ins Straucheln bringt. Es würde uns Arbeit machen damit umzugehen, also verdrängen wir.

Was denkst du, muss der Leser mitbringen, um in dein Labyrinth Einblick zu bekommen? Was würdest du dir von ihm wünschen?

Er sollte offen sein für Neues und ein gutes Urteilsvermögen besitzen. Vielleicht sollte er seine Gedanken auch mal losmachen von allen Normen, die er kennt. Vielleicht lernt er sich selbst dadurch etwas mehr kennen? Ich habe mich während des Schreibens auch selbst besser kennengelernt. Zum Guten wie zum Schlechten.

Kannst du ein Beispiel geben?

Die Kurzgeschichte ist in der Grundform relativ alt und wurde als Gedankenexperiment angefertigt. Ich wollte wissen, wie tief ich selbst sinken kann. Ob ich tun könnte, was der Protagonist tut. Lange konnte ich es nicht, was wohl eher daran liegt, dass das, was ich schreibe, und von was ich selbst überzeugt bin, zwei paar Schuhe sind. Es geht in Geschichten nicht immer nur um das Offensichtliche. (Ich weiß, das wollten wir im Deutschunterricht nie wahrhaben, wenn es um das Interpretieren ging), sondern um das, was zwischen den Zeilen gesagt wird. Was uns mitgeteilt werden will. Ich habe für mich eine Grenze festgestellt. Ich besitze die Lust, jemandem Schaden zuzufügen, nicht. Egal auf welcher Ebene.

Ein sehr großes, tiefes und mutiges Experiment. Glaubst du, dass andere Autoren ebenfalls sich selbst und ihre Grenzen in den Geschichten suchen, die sie schreiben?

Nicht immer, aber ich glaube, viele versuchen Grenzen auszutesten. Autoren setzen doch dauernd Regeln außer Kraft, sobald sie ihre Fantasie einbringen. Wie sonst wären wir an so viele Genres gekommen? Irgendwelche Regeln werden immer gebrochen.

Viele großartige Geschichten gäbe es nicht ohne den Mut der Autoren, auch moralische und ethische Regeln zu brechen. Wir sind ja nicht nur da um zu unterhalten, wir haben auch einen Auftrag. Menschen lesen, sie denken unweigerlich darüber nach und wenn sie nur einen Funken davon behalten, ist es in ihrem Kopf und dort bleibt es. Eine Idee stirbt, wenn man sie nicht teilt. Und sie wird unsterblich, je mehr Menschen sie teilen.

Eine Idee stirbt, wenn man sie nicht teilt. Fabelhaft! Wie sieht es mit der lesenden Anna aus? Welche Ansprüche stellst du, wenn du liest?

Wenn ich lese, kommt es auf meinen Gemütszustand an. Ich kann nicht immer anspruchsvolle Literatur lesen. Ich greife gerne mal zu den Dingen, die nicht alle meine grauen Zellen fordern. Aber eigentlich steh ich auf Literatur, die zum Nachdenken anregt, die mir was beibringt und Emotionen hervorruft. Ich lasse mich gern auf Experimente ein. Ich bin sehr schnell empathisch, auch für die Antagonisten. Und ich bin ein Angsthase.

… und Emotionen hervorruft … Was muss ein Text haben, um Emotionen bei dir zu wecken?

Ich glaube, um mich ködern zu können, muss er nur existieren. Wie gesagt, ich bin ein emotionaler Mensch, der dazu steht, in allen Situationen Gefühle zu haben. Was bringt es mir, sie zu unterdrücken, wenn mich vor allem das Bauchgefühl leitet. (Und das bisher ganz gut.) Ist ein Text schlecht, rege ich mich natürlich auf. Ist er gut, rege ich mich mit dem Protagonisten auf. Lachen, weinen, fluchen. Kann ich alles, wenn ich lese. Genauso wie die Umwelt oder die Zeit vergessen. (Ganz gefährlich, wenn es dann schon 2-3 Uhr in der Nacht ist und der Tag um 6 Uhr beginnt.)

Guter Punkt! Dass man immer Emotionen findet, selbst wenn der Text schlecht ist. Da habe ich noch gar nicht dran gedacht! Denkst du, dass es bestimmte Kniffe gibt beim Schreiben, um Emotionen beim Leser rauszukitzeln?

Emotionen äußern sich in körperlichen Reaktionen. Wenn man diese glaubhaft beschreibt, wird der Leser sie zumindest verstehen. Ansonsten kommt es natürlich auf den Leser an, ob der empathisch ist oder die Situation schon einmal erlebt hat.

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Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Es war für mich auf jeden Fall neu und aufregend. Ich bin gespannt, wie sich alles entwickelt.

Liebe Anna, vielen Dank für deine Offenheit und die sehr interessanten Ansätze!

Danke, hat mir Spaß gemacht!

Atmosphäre, Witz und Drachen – Im Gespräch mit Andreas Hagemann.

Und weiter geht’s mit der Autoren-im-Interview-Reihe. Andreas Hagemann spricht gern mit Drachen (auch mal Dialekt), heute redet er mit mir …

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Andreas Hagemann

ANDREASHAGEMANN.COM

@Xerubian

 

 

 

 

 

 

 

Zuerst begrüße ich dich recht herzlich an Bord der Sehnsuchtsfluchten, lieber Andreas! Witz ist deine Stärke, sagen deine Leser.

Zumindest gebe ich mir Mühe, unterhaltsam zu sein.

Kommen wir damit zum Erzählen an sich. Das Thema der Anthologie ist ja ein großes: Emotionen. Wie hoch ist dein Anspruch, Emotionen beim Leser zu wecken? Und hast du bestimmte Kniffe, auf die du beim Schreiben zurückgreifst?

Emotionen sind für mich der Schlüsselfaktor einer guten Geschichte. Schaffe ich es als Autor nicht, etwas beim Leser auszulösen, gerät mein Text in Vergessenheit. Sympathie oder Abneigung für die Charaktere, die Atmosphäre in einem Raum, das Getöse in einer Stadt, all das zieht den Leser in meine Welt. Nur dann habe ich ihn in der Hand.

Ich bin von Haus aus sehr emotional und nehme die Dinge anders und vielschichtiger wahr als andere. Das hilft mir, auf Umstände und Dinge zu achten, die ich einbaue. Ich nutze dafür gerne bildliche Vergleiche, weil es die intensivsten Reaktionen hervorruft, bzw. auf Erfahrungen zurückgreift, die jeder assoziieren kann. Meist lasse ich den Text dann liegen und lese ihn später erneut. Packt mich die Stimmung genau wie beabsichtigt, dann habe ich es richtig gemacht.

Getöse in einer Stadt. Da bin ich gleich ganz hingerissen! Du kontrollierst später noch einmal, ob die Emotionen noch da sind? Das finde ich sehr interessant.

Wenn ich einen Text schreibe, begebe ich mich in die Emotion, die ich hervorrufen möchte. Bei einer finsteren Szene höre ich zum Beispiel dunkle, atmosphärische Musik. Habe ich dadurch die richtigen Worte gewählt, erreiche ich später emotional den gleichen Zustand. Lächle ich anschließend sogar: bin ich auch ein bisschen stolz 🙂

Wie wichtig ist es für dich als Leser, Gefühle in Geschichten zu finden? Wie erreichen sie dich? Gibt es Unterschiede zwischen dem lesenden und dem schreibenden Andreas?

Beim Lesen ist für mich Gefühl nicht, dass jemand traurig oder wütend ist, sondern was an Atmosphäre geschaffen wird. Genau wie bei meinen eigenen Texten, ist das für mich sehr wichtig. Denn es kommt darauf an, was ich beim Lesen fühle, dass ich abtauche und alles um mich herum vergesse.
Als Autor bin ich glaube ich anspruchsvoller als als Leser. Das Lesen anderer Texte zeigt mir aber, wie vielschichtig man Gefühle einbinden, aufbauen und manipulieren kann. Das ist jedes Mal eine interessante Erfahrung.

Atmosphäre. Ein sehr gutes Wort! … Wenn ich einen Text schreibe, begebe ich mich in die Emotion, die ich hervorrufen möchte … Wie viel Einfluss von Biografischem ist hier vonnöten, was denkst du?

Als Autor ist man immer in Teilen die Geschichte selbst. Man ist gut, man ist böse, man ist das Opfer, mal verliebt, mal wütend. Bei solchen Szenen denkt man oft an das eigene Leben, lässt sich von den Momenten beeinflussen und verarbeitet die damit verbundene Emotion in seinem Text. Oft für den Leser verborgen, manchmal sehr unverblümt.

Kommt es vor, dass du dich mit einem Protagonisten ganz unverblümt identifizierst?

Oh ja, wer meinen Drachen Nerol kennt, das bin ich. Aber auch die gute Elenor aus einer der Geschichten hat sehr viel von mir.

In beiden Geschichten, die du für die Anthologie beigesteuert hast, ist die Hauptfigur eine Frau. Hast du die Geschichte extra für die Sammlung geschrieben?

Ja, beides habe ich für die Anthologie geschrieben. Die Idee zu „Elenor“ hatte ich bereits eine ganze Weile, doch dieser Anstoß hat daraus ein Ganzes gemacht. „Rastlos“ war ein kurzer Gedanke, der mir beim Schreiben einer anderen Geschichte gekommen ist. Beide sind völlig unterschiedlich und haben mich aus meinem Fantasy Schneckenhaus herausgelockt.

Wo führt dich der Weg aus dem Schneckenhaus nun hin? Planst du weitere Ausflüge in andere Genres?

Ich muss gestehen, dass ich bereits zwei fertige Plots für Psychothriller in der Schublade habe, bei denen sogar die ersten beiden Kapitel geschrieben sind. Da mein Steckenpferd aber der Humor ist, fällt mir dieses Genre sehr schwer. Kurzgeschichten eignen sich hervorragend, um sich da näher ranzutasten.

Thema rantasten. Deine beiden Kurzgeschichten sind ja extreme Gegensätze, die eine zaubert Gänsehaut, die andere Lachtränen. Siehst du diese Form des Erzählens auch als eine Art Ausprobieren?

Ja, durchaus. Was ich in meinen bisherigen Büchern gelernt habe ist, dass nur Humor bedingt funktioniert. Ohne Spannung funktioniert eine Geschichte einfach nicht. Beide Extreme zu erkennen und sich an ihnen in kleineren Geschichten auszuprobieren, bedeutet damit zu wachsen, um sie in späteren Projekten miteinander zu kombinieren. Pointiert, so dass sie sich spielerisch ergänzen.

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Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Als außerordentlich inspirierend! Die Harmonie zwischen den Autoren und der Austausch zu den Themen hat sogar meine Geschichte Elenor beeinflusst. Ich sage nur Pangasius Doluptas.

Haha, genau!

Ich habe sehr viel dazugelernt und mich mit weiteren Schreibkollegen vernetzen können. Zudem kenne ich nun weitere Eckpfeiler, die für Geschichten, Formatierung, Gestaltung und Aufbereitung wichtig sind. Handwerkszeug, das nie perfektionistisch genug sein kann. Dafür kann ich gar nicht genug danken.

Lieber Andreas! Ich danke dir für dieses sehr schöne Gespräch!

Es hat mir auch sehr viel Freude gemacht!

 

Sehnsucht, Fernweh und Kontraste – Im Gespräch mit Vanessa Glau.

Die Veröffentlichung der Anthologie rückt immer näher! Wir sind alle sehr aufgeregt und irgendwie in panischer Freude versunken. Hier spreche ich mit Vanessa Glau über ihre Kurzgeschichte und das Schreiben.

 

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Vanessa Glau

Das Papierstudio

@VanessaGlau

 

 

 

 

 

 

Herzlich Willkommen in den Sehnsuchtsfluchten, liebe Vanessa!

Dankeschön! Ich freue mich sehr, dass ich dabei bin.

Das Thema der Anthologie ist ein großes: Emotionen. In deiner Geschichte „Gespräche mit Bergen“ findet sich einiges, das Emotionen auslöst. Hast du die Geschichte extra für die Sammlung geschrieben?

Ja, habe ich. Wenn ich mich richtig erinnere, bin ich zu einer Zeit auf Nikas Aufruf gestoßen, als es langsam wieder warm wurde und ich ziemlich heftiges Fernweh bekam. Das hat sich möglicherweise in der Geschichte niedergeschlagen.

Fernweh. Eine Sehnsucht, die viele Regungen in Menschen weckt. Du schickst deinen Protagonisten auf eine Reise in die Wildnis. Inwieweit suchst du in ihm dich selbst? Und in deinen Protagonisten allgemein?

Auf jeden Fall teile ich seine Sehnsucht nach den Bergen, dem Alleinsein. Hier in Österreich gibt es wunderbare Berge, aber Wanderwege sind auch gut besucht. Ich hoffe, dass ich mal ein paar ruhige Tage allein mit mir und der Natur verbringen kann. Natürlich gebe ich jedem meiner Protagonisten etwas von mir mit, um ihn gut schreiben zu können, aber ich versuche auch, mich nie auf denselben Aspekt zu konzentrieren. Das ist ein schöner Effekt beim Schreiben, dass man sich selbst sozusagen von verschiedenen Seiten betrachten kann.

Auf denselben Aspekt. Du meinst, den Fokus zu sehr auf einer bestimmten Charaktereigenschaft zu haben?

Ja, zum Teil. Aber ich achte auch darauf, dass meine Protagonisten sich untereinander nicht zu sehr ähneln. Klar, ich kann nur aus mir selbst heraus schreiben. Aber wenn ich nicht variiere, könnt ich genauso gut immer dieselbe Geschichte wiederholen und würde schreibtechnisch nie vom Fleck kommen.

Du sprachst die Einsamkeit an. Dein Protagonist sucht sie. Er scheint verschwinden zu wollen, er ist auf der Suche nach dem Nichtsein. Ist es beabsichtigt, dass im Gegenzug seine Freunde für die gesellschaftlichen Pflichten stehen, die an ihm zerren?

Ja. Ursprünglich waren diese Szenen nicht geplant, aber beim Schreiben habe ich schnell gemerkt, dass ich einen Kontrast zu seiner Zeit auf dem Berg brauche. Es sind nicht einmal gesellschaftliche Pflichten, sondern wohltätige und Protestaktivitäten, zu denen seine Freunde ihn überreden wollen. Sie meinen, wenn er nichts Besseres zu tun hat, kann er ebenso gut dabei helfen, die Welt zu verbessern. Dabei kann es genauso wertvoll, wenn nicht sogar wertvoller sein, zunächst an sich selbst zu arbeiten.

Der Kontrast war nötig? Magst du das erläutern?

Wenn ich diese Szenen nicht hinzugefügt hätte, wäre weniger klar gewesen, warum er unbedingt auf den Berg steigen wollte. Außerdem konnte ich seinen Hintergrund ein wenig beleuchten, etwa dass seine Freunde ihn als leidenschaftlichen Bergsteiger kennen oder dass er nicht sehr sozial ist – vielleicht auch kein Interesse daran hat, sich vor anderen zu erklären. Ohne diese Szenen wäre die Geschichte weniger interessant geworden, denke ich.

Du wählst als Rückzugsort, als Entschleuniger, den Berg. Überhaupt liest man bei Dir sehr liebevolle Worte zu Wiese, Grün und Blatt. Wie wichtig ist Dir die Natur in Deinen Erzählungen?

Es ist witzig, in letzter Zeit schleicht sie sich fast von selbst in so gut wie jede Geschichte hinein. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und in letzter Zeit ist mir noch stärker aufgefallen, wie sehr ich die Wiesen und Felder liebe, die ich so gut kenne. Auch die Berge, die ich im Sommer oft besuche. Vielleicht dient das Schreiben über die Natur auch als kleiner Ausgleich, da ich im Alltag gezwungenermaßen sehr viel vor dem Computer sitze.

Ich nehme sozusagen vorweg, was ich an freien Tagen bei schönem Wetter unternehmen möchte.

Oh, da klingt ordentlich Sehnsucht raus.

Dennoch haben wir auch Bedrohliches in der Geschichte: Die Klettertour, der Sturm, der Hunger.

Ja, da sind auch kleine Schnipsel aus meiner Erfahrung drin. Etwa wenn man beim Wandern einen Bach überquert und abwägen muss, ob man den Sprung schafft oder nicht. Fußstellung, Winkel, Kraft hinter dem Absprung. Dort, wo ich bisher unterwegs war, besteht zwar keine Gefahr, aber was ist, wenn man sich in einem unbewohnten Gebiet den Knöchel verstaucht?

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Wir haben jetzt die Emotionen als wichtigen Zusatz erörtert. Wie sieht es aus, wenn Du liest? Wie wichtig ist es Dir, Gefühle in Texten zu finden? Wie erreichen sie Dich?

Das ergibt sich zum Teil aus den Genres, die ich gerne lese, besonders bei romantischer Fantasy. Meist sind es die Gefühle zwischen Charakteren, ihre Beziehung, die durch fantastische Aspekte oft vor neue Herausforderungen gestellt wird. Magie verleiht der Handlung oft zusätzlich Farbe und ich lese immer wieder gerne darüber, wie Charaktere mit scheinbar unmöglichen Phänomenen umgehen.

Natürlich finden sich auch in realistischen Geschichten intensive Gefühle … aber ich gebe zu, dass ich mich am meisten zu Unerklärlichem hingezogen fühle, über das die Charaktere staunen oder vor dem sie sich vielleicht fürchten

Eine sehr schöne Antwort! Dann suchst Du in einer Geschichte neben Dir selbst auch ein wenig Abenteuer?

Ja, wie gesagt liebe ich Fantasy und die bunten Welten, die dabei entworfen werden. Nicht zuletzt als Übung für die Vorstellungskraft. Maggie Stiefvater, die ich sehr bewundere, hat einmal gesagt, dass gute Bücher sie in eine andere Welt entführen müssen. Der Meinung bin ich auch. Es kann etwas ganz Kleines sein wie ein exotisches Land oder eine revolutionäre neue Sichtweise auf Altbekanntes, aber eben auch etwas Großes wie eine Fantasywelt.

Wenn wir über das Handwerk beim Schreiben reden: Denkst Du, dass es bestimmte Kniffe gibt, wie man Emotionen beim Leser wecken kann?

Ich bin sogar sicher, dass es viele Kniffe gibt. Allerdings schreibe ich selbst eher instinktiv und habe gerade erst begonnen, den Prozess etwas überlegter anzugehen. Bisher habe ich Gefühle immer an Charakteren festgemacht. Sie sind es, die ich zum Leben erwecken will, damit der Leser intensiv mit ihnen mitfühlt.

Da ist er doch, der Kniff! Das gelingt dir übrigens sehr gut!

Danke!

Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Jedenfalls nicht wie Arbeit. 😉 Zunächst habe ich schon lange nicht mehr so konstruktive Kritik zu einer Kurzgeschichte bekommen und noch nie so viel überarbeitet. Außerdem hatte ich Spaß bei dem Austausch mit unserer Lektorin und den anderen Autoren – vor allem auch bei Diskussionen über Sprache und darüber, was geht und was nicht.

Und ein angenehmer Nebeneffekt war die Entdeckung so vieler interessanter Werke anderer Autoren (wie etwa von dir, Julia!), die ich teils schon gelesen und teils noch auf meiner Liste habe.

Das freut mich sehr! Und mir ging es ganz genauso! Es ist wahnsinnig toll, schreibende Menschen ganz ohne Neid und Missgunst zu erleben. Und gelernt habe ich ebenfalls eine Menge in diesen Monaten.

Liebe Vanessa! Wir danken dir von Herzen für dieses wunderbare Interview!

Ich bedanke mich für die spannenden Fragen!

Johnny Cash, Eva und Marylin Manson – Im Gespräch mit June Is.

Hier präsentiere ich euch das dritte Interview im Rahmen unserer Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“, die im August erscheinen wird! Diesmal habe ich June Is ausgefragt, die zwei sehr unterschiedliche Geschichten für die Sammlung geschrieben hat.

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June Is

http://www.cluewriting.de/autorin-june-is/

@ypical_writer

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe June! Wir begrüßen dich recht herzlich an Bord der Sehnsuchtsfluchten!

Danke, liebe Julia!

Das erste, was an deiner Geschichte ins Auge sticht, ist tatsächlich der Name der Autorin. Magst du uns etwas darüber erzählen?

Im Studium begannen meine Studienkollegen, mich June zu nennen. Denn im Lateinischen bedeutet das „Die Blühende“ – ich sprühte immer vor Ideen (im Studium sowieso und auch hobbymäßig) und manchmal schüttelten alle den Kopf und waren dann erstaunt, dass ich es schaffte, manche durchzusetzen. Das hat allerdings nicht immer was mit der Schreiberei zu tun gehabt. Die Krönung war dann, dass ich Jahre nach dieser Namensgebung einen Freund hatte, der sich Johnny Cash modisch und musikalisch als Vorbild nahm und naja, der hatte doch auch eine June … und dann das „is“, das kam erst für die Veröffentlichungen, da man immer oder oft einen Vor- und Zunamen braucht. Ich finde die Vorstellung von „June ist“ in der Übersetzung sehr schön. Hat etwas Buddhistisches. Einfach sein. Aber man kann dann auch mit den Titeln spielen. Zum Beispiel schreibe ich mal irgendwann ein Buch namens „Liebe“, steht da auf dem Cover „June is – Love“.

Das gefällt mir sehr gut! Eine deiner Geschichten, die du für die Anthologie geschrieben hast, trägt dadurch ebenfalls solch eine „kombinierte Überschrift“: June is Eve. Spielst du hier mit der Identifikation zum Protagonisten?

Ja, die Identifikation ist nicht abzustreiten. Auch, wenn mir nicht passiert ist, was der Protagonistin passiert ist, so gefällt mir doch die Vorstellung, dass gerade in uns Menschen viel „Eve“ steckt. Den Namen wählte ich nicht ohne Grund. Wir würden doch (fast) alle von der verbotenen Frucht essen, um uns weiterzuentwickeln. Unterstelle ich mal 😉

Der Feminismus darin ist allerdings nicht gewollt, Eve ist geschuldet dessen, dass ich eine Frau bin. Wobei „June is Adam“ hätte auch irgendwas Interessantes. June is die Emiliafrage – das verbündet sich mit dem Theater-Protagonisten und leidet mit allen Deportierten (Emilia). Also es passt auch hier.

Allein mit der Wahl deines Künstlernamens hast du ja einen sehr großen emotionalen Bezug zu den Figuren und den Geschichten, die sie erleben. Emotionen ist auch das Thema der Anthologie. Könntest du dir vorstellen, dass es an irgendeinem Punkt mal schwierig sein könnte, dich selbst mit einzubringen? In einer Erzählung zu sehen?

Wenn man beispielsweise über Themen schreibt, die man selbst nicht erlebt hat (z.B. gewalttätige Eltern), gerät man schnell an seine (emotionalen) Grenzen. Ich nehme mir dann die Wut im Bauch vor, ein mir bekanntes Gefühl in anderen Gebieten, und übertrage es auf den/die Peiniger. So eine Art persönlicher Trick für Grenzgebiete. Und dann ist der Bezug zum Protagonisten hergestellt.

Wie sieht es aus mit den „eigenen Dingen in einer Geschichte sehen“? Thema mutiges/exhibitionistisches Schreiben. Bist du dahingehend schon mal an deine Grenzen gestoßen?

Daran will ich mich demnächst mal wagen. Das Experiment startet also noch.

Du hast jedenfalls schon mal Lust auf diese Reise.

Ja, aber ich fürchte mich auch. Zugegeben.

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Wie wichtig ist es dir als Leser, dich mit dem Protagonisten identifizieren zu können?

Oh das ist romanabhängig. Zum Beispiel kann ich Biographien lesen von Männern, denen ich nie nacheifern würde. Zum Beispiel Marylin Manson. Dessen Tagebuch war ultrainteressant, aber Identifikation gleich Null. Und auch diese Lektüre bietet viel Platz für Emotionen, eben die weniger schönen: Ekel, Widerwillen. Ansonsten sprechen mich traurige Märchen an, weil man Mitgefühl entwickelt und sich vorstellt, wie man wohl selbst reagieren würde. Da ist die Identifikation höher.

Denkst du, es gibt gewisse Kniffe, also Handwerkliches, mit dem man Emotionen beim Leser hervorrufen kann?

Ich glaube, das Geheimnis ist, über Dinge zu schreiben, die einem selber nahegehen. Das ist der Kniff an sich. Wenn den Autor etwas nicht berührt, wird er es vielleicht nicht wiedergeben können.

Die Anthologie war ja auch ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie fandest du diesen Prozess?

Obwohl alles virtuell stattfand, war es ergiebig und vor allem unser „Wortknecht“ sehr verständnisvoll und hilfreich. Mit einigen anderen hatte ich nicht so viel zu tun. Ihr Herausgeberinnen habt jede Frage beantwortet und uns immer motiviert. Das war schön. Sonst wird man ja eher allein gelassen.

Liebe June, ich danke dir für dieses sehr interessante Interview!

Ich danke euch! Für das interessante Projekt, die vielen netten Menschen, die ich dadurch kennenlernen durfte und natürlich eure Arbeit, die ihr neben allem anderen in diese Anthologie investiert habt und noch werdet.

Orangen, Schreibtisch und Verlust – Magret Kindermann im Gespräch.

 

 

Im Rahmen der Veröffentlichung der Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“ interviewen Nika Sachs und ich die Autoren und machen uns mit ihnen auf die Suche nach großen Gefühlen in Texten. Ich freue mich, heute das erste Interview präsentieren zu dürfen, welches ich mit der wundervollen Magret Kindermann geführt habe.

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Magret Kindermann,

Autorin des Romans Zwei Königinnen

themagret.com

@magretkind

 

 

 

 

Hallo liebe Magret! Wir freuen uns sehr, dich an Bord der Sehnsuchtsfluchten willkommen zu heißen!

Und ich freue mich, dabei sein zu können. Es ist mir eine Ehre mit so vielen tollen Autoren zusammenarbeiten zu können.

Emotionen. Ein großes Wort.

Vor allem etwas, das uns in jeder Minute unseres Lebens beeinflusst, selbst im Schlaf. Mich mehr als andere, denke ich manchmal. Ich gestalte selbst mein Essen emotional.

Moment. Du gestaltest dein Essen emotional? Erzähl!

Ich esse fast immer nach Gelüsten. Beim Aufwachen denke ich schon: Ich will eine Orange! Und ich bin verliebt in den Gedanken bis ich endlich eine bekomme und befriedigt die Schalen wegwerfe.

Oder auch andersherum. Wenn es mir nicht gutgeht, habe ich oft das Bedürfnis, Mist zu essen. Fettiges, mit viel Chemie. Weil ich möchte, dass ich meinen Körper genauso herabsetze wie sich mein Geist fühl. Dagegen kann ich aber auch steuern. Etwa mit Orangen! Dann trickse ich und zwangsläufig geht es auch meinem Geist besser.

Das verwende ich übrigens auch beim Schreiben viel, ist mir aufgefallen. Ständig kriegen Leser bei meinen Geschichten Appetit.

Das ist mir auch aufgefallen. Würdest du das als eine Verbindung zwischen dir und deinem Protagonisten beschreiben?

Puh. Du meinst, ob ich mich dadurch mit meinem Protagonisten identifiziere?

Nein.

Aber sie sind ein Produkt meiner Fantasie, meiner Weltanschauung. Dadurch entspringen sie natürlich meinen Vorstellungen von Menschen.

In meiner neuen Novelle etwa versuche ich die Protagonistin nichts mit Essen anfangen zu lassen. Hat nicht geklappt. Ich habe jetzt alles umgeschrieben und jetzt gibt es eine Schlüsselszene mit Pommes im Schwimmbad.

Das mit dem Gleichsetzen von Körper und Geist finde ich höchst interessant. Dieses Thema findet sich auch in deiner Geschichte „Ein Taschentuch aus dem nächsten Jahr“.

Ja. Weil Emotionen nie vom Körper zu trennen sind.

Kommen wir nochmal zur Identifikation zum Protagonisten. Welche Rolle spielt sie für dich? Gibt es hier einen Unterschied zwischen dir als Leser und dir als Autor?

Ich glaube, im Grunde kann sich jeder Mensch mit jedem Menschen grundsätzlich identifizieren. Denn irgendwo in unserem Erfahrungsschatz und Emotionschaos gibt es immer Überschneidungen. Die Kunst ist es für einen Autor, so zu schreiben, dass man sich als Leser mit jedem identifizieren kann. Mit einer Schickimickitussi mit YouTube-Kanal, mit Trump, mit einem Terroristen, mit Alice Schwarzer. Bestes Beispiel: Das Parfum von Patrick Süßkind. Da geht es um einen Mörder und jeder Leser identifiziert sich mit ihm.

Wenn ich also eine Geschichte lese, berührt sie mich, weil ich mich identifizieren kann. Weil ich auf emotionaler Ebene verstehe: Das könnte mir auch passieren. Wenn ein Autor das nicht schafft, lege ich als Leser das Buch weg.

Welch wunderbare Antwort! Du setzt allerdings hohe empathische Fähigkeiten voraus. Denkst du tatsächlich, dass jeder Mensch dazu in der Lage ist, eine gewisse Ebene zu finden, auf der er sich mit einem anderen Menschen identifizieren kann?

Nein. Aber jeder auf anderen Leveln. Deswegen sind manche Geschichten (vor allem Gedichte) nichts für mich oder erst viel später im Leben, wenn ich einen Zugang gefunden habe.

Dazu möchte ich noch einmal die Fähigkeiten des Autors hervorstellen.

Man kann es schaffen, heimlich den Leser etwas fühlen zu lassen, ohne dass er es beim Lesen merkt. Er wollte sich unterhalten lassen und beim Beenden merkt er: „Shit, was war das denn?“ Das sind die besten Bücher.

Das sagt uns viel über deinen Anspruch an einen Text. Hast du diesen Anspruch auch an dich selbst als Autor?

Oh ja. Und er steigt mit jedem Text. Meine Hauptansprüche sind eine fiktive Wahrheit zu erschaffen, dazu meine eigene Message zu finden und nicht zu kopieren. Ich interessiere mich sehr dafür, den Leser den Wahnsinn in ihm selbst entdecken zu lassen und diesen zu lieben. Und das ist nur der semantische Anspruch, dann kommt ja noch die Sprache!

Ein hoher Anspruch! Bringt er dich manchmal zum Hadern?

Nein, im Gegenteil. Er beflügelt mich. Weil ich damit Ziele habe, etwas zum Wachsen. Ich gebe mir damit als Autor selbst eine Bedeutung.

Ohne diesen Anspruch hätte ich keinen Stolz gegenüber meinen Texten. Denn warum auch? Worte aneinanderreihen kann jeder.

Du schreibst hauptberuflich?

Nein und ja. Ich habe es mir selbst ausgesucht, Autor zu sein und das kommt bei mir an erster Stelle. Geld verdiene ich damit bei Weitem nicht genug. Also arbeite ich als redaktionelle PR-Bloggerin, Lektorin, sogar Event-Planerin oder im besten Fall kreative Texterin.

Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Am schönsten war für mich, so viele Menschen kennenzulernen, die alle aus diesem fusseligen Begriff Autorenholz geschnitzt sind. Wir alle kennen wohl das Gefühl, der einzige Mensch unserer seltsamen Art zu sein. Gleichzeitig zeigte mir die Zusammenarbeit aber auch, wo ich selbst stehe. Ich begriff, woran ich noch arbeiten kann, weil ich von anderen inspiriert wurde. Vor allem von unserer Lektorin Michaela Stadelmann. Aber habe auch gelernt, dass ich in Vielem schon sehr gut bin. Die Anthologie wird dazu führen, dass wir als Autoren mehr Selbstbewusstsein haben werden. Gerade die jungen unter uns, die bisher noch nichts veröffentlicht hatten. Das ist für einen Autor Gold und ich bin mir sicher, jeder von uns wird dadurch beflügelt bald seine eigenen Sachen reißen.

In deiner Geschichte wählst du die Form des Ich-Erzählers und sprichst den Leser auch direkt an. Hast du dies bewusst gewählt oder war es eher ein Ausprobieren?

Das war bewusst. Denn der Ich-Erzähler ist nicht derjenige, der die Emotionen erlebt, sondern diese beobachtet und noch schlimmer: sie verdrängt, sie nicht begreift. Dadurch erreichen die Emotionen den Leser durch einen Filter, einen Transmitter. Dazu haben wir die befremdliche Reaktion des Ich-Erzählers, die dadurch beim Leser eine noch stärkere Empathie durch Trotz hervorrufen.

Unabhängig davon ist der Ich-Erzähler immer ein emotionaler Erzähler, da er diese direkt vermittelt. Oder direkter. Während es in der dritten Person immer mit mehr Abstand passiert. Das ging bei so einem wichtigen Thema wie Emotionen natürlich nicht!

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Eine sehr kluge und auch psychologische „Technik“. Diese setzt wiederum voraus, dass der Leser gewillt ist, sich darauf einzulassen. Man könnte es auch dahingehend ausweiten, dass es für den Autor auch eine Möglichkeit ist, sich vom Geschehen zu distanzieren. Symbole von Distanz schaffen, findet man einige in deiner Geschichte.

Du meinst den Erzähler.

Ich meine z.B. den Schreibtisch.

Der Schreibtisch ist die symbolische Grenze, die der Ich-Erzähler zwischen sich und den Gefühlen zieht, ja.

Darum geht es ja auch eigentlich im Text, nicht um Liebeskummer. Das macht das Ich natürlich noch deutlicher. DARUM GEHT ES. Und nicht um beide auf der gleichen Ebene.

Wobei das Ich auch einfach ein Bedürfnis vom anderen überlagern zu versuchen könnte. Es gibt sich einem blutigen Steak hin, als sich mit dem Schmerz des Verlustes auseinanderzusetzen. Beides ist vielleicht Selbstquälerei, eines mehr, das andere weniger.

Ich finde eher, die Frau stellt sich ihrem Liebeskummer direkt. Sie erlebt aktuell Qualen, aber nur dadurch wird sie sie überwinden. Während der Ich-Erzähler sich mit der Auseinandersetzung drückt. Er geht mit Emotionen so um, wie es von der Gesellschaft gelehrt und verlangt wird: weitermachen, nicht wichtig nehmen. Dadurch wird er ewig hängenbleiben, nie damit zurecht kommen, immer hinter seinem Schreibtisch stecken bleiben. Das ist für mich die viel größere Selbstquälerei.

Er geht mit den Emotionen rational um, fast klinisch. Während sie Emotionen unerklärt für das nimmt, was sie sind.

Das klingt enorm reflektiert.

Ja, aber Reflexion kommt durch Auseinandersetzung und Bewusstsein. Dazu braucht man eben diesen Mut.

Mut braucht es. Richtig! Nur so erreicht man Authentizität.

Liebe Magret. Ich danke dir für diese Reise in deine Gedanken. Du hast mich begeistert! Und den Lesern wird es sicher ganz genauso gehen.

Danke dir für das beflügelnde Gespräch!

 

 

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Wonach sehnst du dich?

… hat die wundervolle Nika Sachs in ihrer Ausschreibung für eine Anthologie gefragt. Das Thema: große Emotionen. Natürlich war ich sofort Feuer und Flamme! Und als ich gefragt wurde, ob ich als Herausgeberin mit an Bord kommen wolle, hätte ich nicht lauter „Ja!“ rufen können.titelbild_2

Monate liegen hinter uns, in denen wir Texte gesichtet und Profis an unsere Seite geholt haben. Für Lektorat und Satz konnten wir Michaela Stadelmann gewinnen, worüber wir ganz besonders froh sind, auch wenn es einiges an Zickerein und Fast-Tränen gekostet hat. (Ich gehe hier mal vornehmlich von mir aus.) Blut und Schweiß und Tränen, nicht wahr? Doch inzwischen kann besonders ich sagen, dass allein durch diese Zusammenarbeit mein Schreiben einen enormen … Schub bekommen hat. Vieles kann ich für mein zukünftiges Arbeiten als Autorin nutzen, und einiges werde ich für immer anwenden können! Ich hoffe, dass es den anderen Autoren ebenso geht. Auch wenn unsere Herz-Lektorin auch mal Namen wie „Wortknecht“ bekommen hat 😉

Die Anthologie war auch etwas wie ein Experiment. In einer Chatgruppe wurden, unabhängig von den jeweilgen Geschichten, Gedanken zusammengetragen und Schreibübungen durchgeführt. Bei der Entstehung des wundervollen Werkes waren also alle Autoren beteiligt, und zwar auf allen Ebenen.

Und nun ist es bald soweit: Im August erscheint Sehnsuchtsfluchten. Ich bin ziemlich aufgeregt und sehr glücklich. So nahe habe ich mich dem Schreiben und dem Leben damit noch nie gefühlt. Um das Buch den Lesern schmackhaft zu machen, haben wir uns etwas ganz besonderes ausgedacht: Wir laden die Autoren zu einem Gespräch ein, in dem wir sie ganz dreist über ihr Schreiben und die Geschichte zur Anthologie mit diesem besonderen Thema ausfragen. Die Interviews werden abwechselnd auf meinem und auf Nikas Blog veröffentlicht. Juhu!

Freut euch mit uns …

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