Mein Herz …

… schlägt Karo.

Meine lieben, lieben Leser, Mitblogger und Autorenkollegen. Wer diesem Blog bereits länger folgt, weiß, dass mir im letzten Sommer etwas ganz Außergewöhnliches widerfahren ist. Ich nenne es so, weil ich mir bis dahin nicht vorstellen konnte, wie dies geschehen kann; wie es sich anfühlt. Fernweh. Bis es schmerzt.

Allein, auf welche Art und Weise ich zu dem Ort an der schottischen Ostküste gelangt bin, ist eine Geschichte wert. Und was er mit mir gemacht hat. Die Landschaft, steinige Küste, Felder, die unter Nebel liegen. Und natürlich das Meer. Zwei Weiten, die sich treffen.

Stonehaven. Jener Ort, über den ich schon einige Male versucht habe, zu schreiben. Doch nie ist es mir gelungen, nie konnte ich jener Sehnsucht gerecht werden. Manche Geister sollte man vielleicht nicht einfangen, was sagt ihr?

20150820_070430

… Mit der aufgehenden Sonne, die sich zwar nicht blicken lässt, sondern zwischen Wolkenbergen emporsteigt, sehe ich immer mehr, und als sich die Gebäude aus der Dämmerung schälen, ist es tatsächlich so, dass ich für einige Augenblicke die Luft anhalte.

Es ist eine Kulisse. Sie können gar nicht echt sein, diese gestochen scharfen Umrisse der alten Häuser, die sich an der Promenade drängen. Ich bin mir sicher, wenn ich mich in Bewegung setze und zu ihnen hingehe und sie antippe, werden sie nach hinten fallen. Das Bild ist trist, das ist das Erste, was mir einfällt. Es ist eine im Nebel stehende, triste Kulisse, scharfe Umrisse im Dunst. Es ist wundervoll.

Mit dem Licht kommt auch das Leben, mit einem Mal sind sie überall, die Stimmen, noch verhaltend, nicht lärmend. Da sind die Möwen, die typische Hintergrundmusik eines Hafenstädtchens. Sie kreischen und schreien …

Nun werde ich mich wieder auf die Reise machen, Stonehaven mit seiner unbeschreiblichen Magie erneut aufsuchen. Burgen, Schlösser, Geister, Kunst, Gelassenheit; Abenteuer und Seelenfrieden gleichsam; das ist es, was Schottland bedeutet, und ich kann es kaum glauben, dass es nun endlich wieder so weit ist. Dass es echt ist.

20150822_164120.jpg

So verabschiede ich mich von euch in die Sommer-Blogpause und möchte mich auf diesem Weg auch ganz herzlich bedanken; bei all meinen langjährigen, treuen Lesern; den stillen Mitlesern, und bei allen neuen Followern. Ich wünsche euch einen wundervollen Spätsommer, Inspiration und Freude. Hier geht es Mitte September weiter …

20160825_084710.jpg

Ganz liebe Grüße, Julia!

Die Ewigkeit dauert auch nicht mehr so lang wie früher.

IMG_6157

Dieser Schatz hat viel zu lange unberührt in meinem Regal gestanden, und als ich ihn dann endlich entdeckt habe, habe ich ihn förmlich verschlungen. In Ganz normale Helden sind viele wichtige Geschichten zu einer großen vereint, ohne den Leser zu erschlagen. Wohl aber, um ihm zu erzählen über das Leid, welches einen ereilen kann und wie es vielleicht zu heilen ist.

Das Ehepaar Delpe hat den jüngeren der beiden Söhne verloren. Jeff, achtzehn Jahre, versucht diese Lücke zu füllen, ahnend, dass die Familie droht auseinanderzubrechen. Da kein Mensch solch einer Aufgabe gewachsen ist, zieht er sich schließlich zurück und entgleitet den Eltern. Für die Mutter ist das ein Schock, immer wieder befürchtet sie, Jeff ebenso zu verlieren. Ihre Trauer kippt in einen Wahn; ein Strudel, der sie nach unten zerrt, und der alles droht mitzureißen; ihre Ehe, ihre Familie, ihr gesellschaftliches Leben, ihre Gesundheit. Der Leser taucht ein in die Abgründe einer Ehe, er sieht zu, zu was Menschen fähig sind; Menschen, die sich einmal geliebt haben, und sich nun gegenseitig verletzen, nur um sich noch spüren zu können. Der Autor Anthony McCarten schlägt sich eindeutig auf die Seite des Vaters, der sich in einer eher ruhigen Art mit seiner keifenden und nicht zufriedengebenden Frau konfrontiert sieht. Auch aus ihm holt der unfassbare Schicksalsschlag alles vermeintlich Schlechte heraus: Das Pragmatische wandelt sich in ein Nichtstun, in ein Aussitzen. Erst als Jeff verschwindet, reagieren die Eltern, und nicht mehr als Paar, sondern jeder von ihnen auf seine eigene Weise, die sich aufgrund ihrer geschundenen Seelen als eher ineffektiv bis sinnlos beschreiben lässt.

Diese schwere Kost kommt ganz ohne Pathos und Klischees aus, der Roman kommt sogar sehr erfrischend daher, und diese Tatsache möchte ich doch als ein Meistergelingen bezeichnen. Das menschliche Leid wird an Aktualität niemals verlieren, und da das Internet hier einen großen Teil des Schauplatzes darstellt, wird diese Aktualität noch verstärkt. Unabhängig voneinander suchen nämlich beide Eheleute Hilfe im Netz, Renata redet in einem Kirchenforum mit Gott, und Jim sucht in dem größten virtuellen Rollenspiel weltweit nach seinem verbliebenen Sohn. Stellen, an denen man lacht und dann wieder weint, wechseln sich rasant ab, und in vielen Monologen und Dialogen sind Perlen versteckt, Wahrheiten über das Leben, über die man lange nachdenken und philosophieren kann. Ganz normale Helden möchte ich sofort noch einmal lesen!

Warum erzählen wir Geschichten? Damit wir nicht vergessen, dass es unser Ziel ist, über uns hinauszuwachsen.

(Überschrift und letzter Satz: Zitat aus Ganz normale Helden von Anthony McCarten)