Die Ewigkeit dauert auch nicht mehr so lang wie früher.

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Dieser Schatz hat viel zu lange unberührt in meinem Regal gestanden, und als ich ihn dann endlich entdeckt habe, habe ich ihn förmlich verschlungen. In Ganz normale Helden sind viele wichtige Geschichten zu einer großen vereint, ohne den Leser zu erschlagen. Wohl aber, um ihm zu erzählen über das Leid, welches einen ereilen kann und wie es vielleicht zu heilen ist.

Das Ehepaar Delpe hat den jüngeren der beiden Söhne verloren. Jeff, achtzehn Jahre, versucht diese Lücke zu füllen, ahnend, dass die Familie droht auseinanderzubrechen. Da kein Mensch solch einer Aufgabe gewachsen ist, zieht er sich schließlich zurück und entgleitet den Eltern. Für die Mutter ist das ein Schock, immer wieder befürchtet sie, Jeff ebenso zu verlieren. Ihre Trauer kippt in einen Wahn; ein Strudel, der sie nach unten zerrt, und der alles droht mitzureißen; ihre Ehe, ihre Familie, ihr gesellschaftliches Leben, ihre Gesundheit. Der Leser taucht ein in die Abgründe einer Ehe, er sieht zu, zu was Menschen fähig sind; Menschen, die sich einmal geliebt haben, und sich nun gegenseitig verletzen, nur um sich noch spüren zu können. Der Autor Anthony McCarten schlägt sich eindeutig auf die Seite des Vaters, der sich in einer eher ruhigen Art mit seiner keifenden und nicht zufriedengebenden Frau konfrontiert sieht. Auch aus ihm holt der unfassbare Schicksalsschlag alles vermeintlich Schlechte heraus: Das Pragmatische wandelt sich in ein Nichtstun, in ein Aussitzen. Erst als Jeff verschwindet, reagieren die Eltern, und nicht mehr als Paar, sondern jeder von ihnen auf seine eigene Weise, die sich aufgrund ihrer geschundenen Seelen als eher ineffektiv bis sinnlos beschreiben lässt.

Diese schwere Kost kommt ganz ohne Pathos und Klischees aus, der Roman kommt sogar sehr erfrischend daher, und diese Tatsache möchte ich doch als ein Meistergelingen bezeichnen. Das menschliche Leid wird an Aktualität niemals verlieren, und da das Internet hier einen großen Teil des Schauplatzes darstellt, wird diese Aktualität noch verstärkt. Unabhängig voneinander suchen nämlich beide Eheleute Hilfe im Netz, Renata redet in einem Kirchenforum mit Gott, und Jim sucht in dem größten virtuellen Rollenspiel weltweit nach seinem verbliebenen Sohn. Stellen, an denen man lacht und dann wieder weint, wechseln sich rasant ab, und in vielen Monologen und Dialogen sind Perlen versteckt, Wahrheiten über das Leben, über die man lange nachdenken und philosophieren kann. Ganz normale Helden möchte ich sofort noch einmal lesen!

Warum erzählen wir Geschichten? Damit wir nicht vergessen, dass es unser Ziel ist, über uns hinauszuwachsen.

(Überschrift und letzter Satz: Zitat aus Ganz normale Helden von Anthony McCarten)

Wen könnten wir denn erschießen?

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Nach einem Jahr des Bloggens und dem hundertsten Follower beschloss ich zur Feier dieses Jubiläums mich endlich dem Roman von John Steinbeck zu widmen. Das war vor einigen Wochen. Der Grund für das niedrige Lesetempo lag keinesfalls an Nichtgefallen. Vielmehr fühlte ich mich kaum in der Lage, mehr als zehn bis zwanzig Seiten am Stück zu lesen, dann verlangte die Erzählung eine Ruhepause, ein Sackenlassen.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ein Buch in den Händen gehalten habe, welches mich dermaßen vereinnahmt hat. Die Geschichte um die Familie Joad, die ihre Farm in Oklahoma verlassen muss und sich auf den Weg nach Kalifornien macht, ist so dicht geschrieben, dass man nur unter einer ständigen Anspannung lesen kann. In dem Text, der aus der Sicht des einfachen Mannes geschrieben ist, halten sich so viele Überraschungen und Schätze bereit, dass ich immer wieder nachgelesen habe. Es braucht keine Schachtelsätze oder irgendwelche handwerklichen Kunststücke, das ist mir einmal mehr bewusst geworden. Knapp gehaltene Hauptsätze, Wiederholungen und massenweise Sätze, die mit und beginnen, würde einem heute jedes Lektorat um die Ohren knallen. Doch gerade darin steckt diese Zauberei – Das Gefühl der Nähe, dieses unbedingte Dabeisein inmitten der Erzählung, da man durch innere Monologe und sehr viele Dialoge direkt in die Gedanken der Menschen reinzuhören scheint. Und dann, nach einer Weile, wenn man sich an diese Art des Lesens gewöhnt hat, erkennt man das, was die Faszination und das Staunen über diesen Roman ausmacht: Die absolute Wahrheit. Alles, was man über die Menschen und das, was sie sich selbst anzutun in der Lage sind, sagen könnte, steckt in dem Meisterwerk von John Steinbeck. Dazu braucht es keine wortreichen Höhenflüge, sondern Sätze wie: Wie sollen wir denn Leben ohne unsere Leben? Woher sollen wir wissen, dass wir’s sind-ohne unsere Vergangenheit?

Der große Dämon, der über der Geschichte, die in Früchte des Zorns erzählt wird, schwebt, heißt Industrialisierung. Der Mensch beugt sich unter dem, was er selbst geschaffen hat. Und die Abwärtsspirale, der Teufelskreis, bringt nichts außer großem Leid über das Land und kriecht tief in die Herzen der Menschen, von wo aus sich Trauer und schließlich Wut ausbreitet. Und ebenfalls aus dem Hunger entsteht Wut. Mir hat der Roman gefallen, wären dementsprechend die falschen Worte. Doch er hat mich so tief berührt, wie es bisher nur Hesse geschafft hat.

Scheint so, als hätten wir alle unser Herz verloren.

Vielen Dank, liebe Buechermaniac, für diesen Tip!

(Überschrift: Zitat aus Früchte des Zorns von John Steinbeck. Alle anderen Zitate sind gekennzeichnet)

Go, German, Go!

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Wenn ihr mal in Ingolstadt seid, müsst ihr trotz der berechtigten Innenstadtkritiken die Theresienstraße aufsuchen. Dort gibt es nämlich den einzig empfehlenswerten Buchladen und schräg gegenüber davon das schönste Café in ganz Ingolstadt.

Als ich Amerika oder Alle Toten fliegen hoch von Joachim Meyerhoff gekauft habe, wusste ich weder, worum es in dem Roman geht, noch, dass es der Vorgänger von Wann wird es endlich wieder, wie es nie war? ist. Ich habe es rein wegen des Covers und des Titels gekauft. Ja, so oberflächlich muss man manchmal sein.

Die Erzählung beginnt rasant, und schon auf Seite zehn, noch bevor meine Freundin mit ihrem Kaffee zurück war, habe ich bereits laut gelacht. Ein Roman, der einen in einem Café zum Lachen bringt, ist den Kauf auf jeden Fall wert, dachte ich mir. Sätze mit ungewöhnlichem Wortwitz und mit erfrischenden Adjedktiven. Darauf stehe ich.

Joachim, siebzehn Jahre jung, verlässt für ein Jahr im Ausland sein beschauliches Leben in Deutschland. Da er bereits beim Ausfüllen des Fragebogens einen nicht erklärlichen Blackout hat und Dinge wie Ich bevorzuge das ländliche Leben oder Ich bin sehr religiös ankreuzt, deuten natürlich darauf hin, dass ihn sein Trip in wohl nicht in eine Metropole voll von Feiern und Mädchen führen wird. Tatsächlich landet er in Laramie in Wyoming, in einer Gastfamilie, die in der scheinbar unendlichen Weite eines Landes lebt, in der der Titelheld sich mit allerlei skurilen Dingen konfrontiert sieht, die das alltägliche amerikanische Leben ausmachen. Aufbruch, Reise und Ankunft sind detailliert und bildhaft beschrieben, dann verliert sich der Roman leider in Längen, was mich dazu gebracht hat, ihn beiseite zu legen und etwas anderes zu lesen. Nur meinem sporadisch auftretenden Pflichtgefühl ist zu danken, dass ich Amerika noch eine Chance gegeben habe. Ich bin ganz ehrlich, der Mittelteil war kein Genuß für mich. Kurze Sätze, die wie ein Auslandstagebuch den Tagesablauf abhaken. Doch dann nimmt das ganze wieder Schwung auf, der Wortwitz kehrt zurück, und es machte wieder Spaß, Joachim zu folgen. Dieser hatte sich von seiner Reise versprochen, als ein anderer nach Deutschland zurückzukehren, als ein erfolgreicher Basketballer, durchtrainiert und mit jenem gelösten Rätsel über das Erwachsenenseins. Und während er am Anfang diesem Mystikum hinterher hechelt, hat er ab der zweiten Hälfte schlicht keine Zeit mehr dazu, denn einmal auf das fremde Leben eingelassen, passiert das, worauf er so sehnsüchtig gewartet hat: Er findet zu sich selbt. Manchmal ist dafür ein Blick von der Ferne nötig.

Mit Coming of Age Romanen ist das so eine Sache, vermutlich gibt es inzwischen zu viele davon, doch Amerika ist trotz der Längen eine Reise wert, besonders da der Held sich nicht in schlwustigen Reden über den Sinns des Lebens ergeht, sondern eher lakonisch daherkommt, zeitweilen wie ein Holden Caufield.

(Überschrift: Zitat aus Amerika oder Alle Toten fliegen hoch von Joachim Meyerhoff)

…wie ein Tanz des Lebens auf einem Leichnam.

Er wollte nicht gerettet werden.

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Auf der einen Seite habe ich noch laut geschluchzt, auf der nächsten schon schallend gelacht. Stoner hat ja die Herzen aller Leser im Sturm erobert. Da ich mich gezwungen hatte, keine Kritiken und sonstiges zu lesen, wusste ich nicht, worum es in dem Roman geht, als ich die ersten Seite aufgeschlagen habe.

Stoner von John Williams erzählt uns vom Leben. Und er schildert es anhand des Lebens eines Mannes – William Stoner. Eine Biographie, gekennzeichnet von Kälte und Krieg. Wir lernen Stoner schon als Kind kennen, und bis er dreißig Jahre alt ist, macht er den Eindruck, als tue er alles, weil es jemand verlangt, erwartet, und nicht aus eigenem Bedürfnis. Er arbeitet auf der Farm seiner Eltern, und rein aus der Begebenheit, dass jemand seine Klugheit und Begabung entdeckt, wird er auf eine höhere Schule geschickt, und von dort aus weiter auf die Universität, bis wieder jemand da ist, der ihm sagt, dass er zum Unterrichten geboren ist. Und erst ab diesem Zeitpunkt scheint sich Stoner dem Leser zu öffnen, bisher kam er nüchtern, verstockt und lieblos daher. Etwas anderes hat er auch nie gelernt, und seine mitunter schroff wirkende Persönlichkeit darf ihm so wahrscheinlich nicht zum Vorwurf gemacht werden. Es ist trotzdem schwer zu beschreiben, wie weh mir dieses Buch getan hat. Das Leben ist schwer, hart und lieblos. Es ist gebeutelt von den zwei Weltkriegen, und auch wenn diese nicht näher beschreiben werden, schweben sie doch wie ein Dämon über der Geschichte und färben das Land und das Leben schwarz.

Der Umstand oder der Auslöser, der Stoner letztlich und endlich zum Erblühen bringt, ist die Kunst. Erst nun, zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er die vage Bedeutung eines Sinnes seines Daseins. Es ist die Liebe zur Literatur, die ihn schließlich vor der Tristesse des Dahinsiechens zu retten scheint. Und nun offenbart der Autor Wünsche und Bedürfnisse, er gewährt uns Einblick in Stoners Persönlichkeit; und der Eindruck, dass der Roman autobiographische Züge enthält, erklärt vielleicht, warum der Leser im ersten Drittel eher auf Distanz gehalten wird.

Man könnte meinen, es geht nun bergauf mit der Titelfigur, doch dem Leser wird nichts gegönnt: Die Frau, die Stoner in sehr jungen Jahren ehelicht, ist zu keinem Gefühl, was man auch nur annähernd als Liebe bezeichnen könnte fähig, und es entbrennt etwas zwischen den beiden, was der Autor als Kalten Krieg beschreibt. Man wünscht Stoner von ganzem Herzen etwas Glück, da er sich als ein guter und warmherziger Mensch entpuppt, und es ist ihm erst vergönnt, als er eine junge Dozentin kennenlernt. Doch auch hier lauert das Schicksal in Form eines rachsüchtigen Kollegen, und natürlich wird es zuschlagen…

Es fällt mir schwer zu erklären, wie dieser neutral wirkende oder ruhig bleibende Roman solche Wellen schlagen kann. Es gibt keine typischen Höhepunkte, eher eingewebte Szenen, die sich erst nach einiger Zeit auszubreiten scheinen. Der Roman ist so dicht geschrieben, dass er trotz des Schmerzes, den er hervorruft, jenes Lesegefühl erweckt, welches ich schon vermisst habe. Dieses unbedingte Eintauchen in eine Erzählung, das Weiterlesenwollen.

Stoner wird lange nachwirken. Da ist es endlich wieder: Das Nachhallen.

(Überschrift und erster Satz: Zitat aus Stoner von John Williams.)

 

Das Leid einer kalten Sonne

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Ich habe lange kein Buch mehr geschenkt bekommen, welches ich mir nicht explizit gewünscht habe. Tinkers von Paul Harding ist so ein seltener Fall, geschehen zu Weihnachten. Ich möchte versuchen, in ein paar Worte zu fassen, wie das Buch auf mich eingewirkt hat, doch ich weiß jetzt schon, dass das schwierig werden wird.

Tinker-ein Kesselflicker, ist Howard Crosby, der mit seinem Karren voller seltsam anmutender Dinge übers Land zieht und mit dem Verkauf scheinbarem Krimskrams sein spärliches Geld verdient und gleichzeitig das Leben von Menschen rettet, die im Wald oder sonstwo irgendwo in der Wildnis leben und den Winter überstehen müssen. Tinkers ist ein Buch der stillen Töne, es erzählt uns Geschichten aus Flora und Fauna aus der Weite der Welt und beleuchtet so alles Ursprüngliche, alle Fragen, die zu einer zusammenführen: Wer sind wir, und warum sind wir, wie leben wir und warum leben wir? Mit dem Leben befasst sich dieser Roman, mit dem Leben und Sterben. Wenn es um Weite geht, kommen wir um den Norden von Amerika scheinbar nicht herum, und die bildhaften Schilderungen der Landschaften, die Howard druchstreift, lassen vor unserem Auge eiskalte Flüsse entspringen und riesenhafte Bäume in den Himmel schießen, durch deren Krone die Strahlen der Sonne tasten. Howard selbst ist diese Welt, die Natur an sich, das größte Gut überhaupt, und er fragt sich, warum sie da ist, und wie wir Menschen diese Schönheit durch reines Nichtstun verdient haben. Ich persönlich fühlte mich gefangen in diesen Beschreibungen der faszinierenden und ebenfalls beängstigenden Wildnis, auch ich vertue oft Stunden, in denen ich eigentlich nichts tue, als mich an der Natur zu erfreuen.

Howard erlebt Abenteuer auf seiner Route, die für ihn natürlich keine sind, für mich als Leser schon. Es sind Geschichten in der Geschichte, sei es die über eine Familie, die in ihrem Haus unter der Schneedecke begraben wurde, oder die gruselig anmutende einer Frau, die mit ihren beiden Kindern ebenfalls in ihrem Haus aufgefunden wurde-nach dem Winter, erfroren, scheinbar friedlich schlummernd aneinandergekuschelt in ihren Betten, und nach einem Brand nicht mehr zu identifizieren, was umso rätselhafter scheint, nachdem die vermeintlich tote Hausbesitzerin mit ihren Kindern putzmunter auftaucht. Es mögen viele solcher Geschichten geben in der Weite eines Landes, und obwohl die meisten nur angeschnitten oder wie nebenbei erwähnt werden, zerren die so doch irgendwie an einem.

Zu guter Letzt rückt doch der Mensch wieder in den Vordergrund, es geht um die Beziehung dreier Menschen untereinander-Vater, Mutter, Sohn, und wie jeder von ihnen mit einer Krankheit, die wie ein unberechenbares Monster plötzlich mitten in der Familie steht, umgeht, und wie jeder von ihnen seine Konsequenz daraus zieht.

Tinkers-ausgezeichnet mit dem Pulitzerpreis, und von mir als eines der Bücher, die in der Lage sind, mit Stille einen Sturm zu entfachen.

(Überschrift: Zitat aus Tinkers von Paul Harding)

Manche Bücher erzählen Geschichten, von denen der Autor nichts ahnte.

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Eines der besten Bücher, die ich seit langem gelesen habe.

Die Leinwand von Benjamin Stein erzählt uns eine Geschichte in zwei Strängen, was allein nicht ungewöhnlich ist. Doch hier geht es um zwei völlig eigenständige Bücher, jedenfalls was die Aufmachung betrifft: Von beiden Seiten geschrieben, treffen sie sich in der Mitte und überlassen so dem Leser, wo er anfängt, in die Geschichte einzutauchen. Ist in Romanen mit verschiedenen Erzählsträngen streng vorgegeben, mit welchem Protagonisten oder welchem Schicksal es weitergeht, ist es hier dem Leser selbst überlassen, wann er mit dem jeweiligen Buch pausiert und in dem anderen wieder einsteigt. Es wird ausdrücklich dazu geraten, so seine eigene Erkundung zu gestalten, und in diesem Fall geht es um nichts weniger als ein Abenteuer.

Ich habe rein nach Zufall mit Jan Wechsler begonnen, und wurde bereits nach wenigen Seiten für diese Auswahl belohnt-Es geht um einen in Berlin lebenden Autor, der sich der Literatur verschrieben hat und sich von seiner Kindheit in der DDR geprägt sieht. Beides Themen also, die mich mehr als interessieren. Wechsler lebt streng nach jüdischer Religion, die so lebensnah und informativ beschrieben wird, dass auch dieser Teil des Autors mein Interesse weckt, obwohl ich mich, wenn ich ehrlich bin, sonst weniger mit Religion beschäftige. Wechsler hat einen eigenen kleinen Verlag, eine Familie, und seinen Glauben; mehr hat man von ihm noch nicht erfahren; außer, dass er einen Koffer erhalten hat, der nicht ihm gehört, obwohl er, beschriftet mit seinem Namen und seiner Adresse, an einem Flughafen gefunden wurde. Jener Koffer steht nun in einer Ecke von Wechslers Büro, da er nix mit ihm zu tun haben und so auch nicht öffnen will. Ein Krimi?, fragen wir uns. Ich bin kein Fan von Krimis, und der Umstand, dass ich nicht aufhören kann, weiterzulesen, zeugt vielleicht davon, dass es keiner ist, wohl aber, ein Buch, welches es versteht, Genres zu vermischen und uns aus unserem Schubladendenken zu befreien.

Ich wechselte bald zu Amnon Zichroni, einfach aus purer Neugierde und der Frage, ob und wie die beiden Geschichten miteinander verwoben sind. Amnon, geboren in Israel und streng religiös erzogen, sieht sich konfrontiert mit einer Gabe Gottes, dem Ewigen, von der er nicht weiß, ob er sie als ein Geschenk oder eine Bürde betrachten soll-Er kann die Erinnerungen anderer Menschen erleben. In diesem Buch erfahren wir sehr viel über die jüdische Kultur, was ich nur als Bereicherung bezeichnen kann, denn ich habe mich noch nie dabei ertappt, mitten in einer Lektüre selbst zu recherchieren. Grob gesagt könnte man es wohl als die oft auftauchende Gegenüberstellung von Wissenschaft und Glaube beschreiben, das würde aber dem Roman bei weitem nicht gerecht werden. Amnon sucht schon als Kind fiebrig nach Fragen neben seiner Religion, ohne seinen Glauben selbst in Frage zu stellen; und als er, weil ein als Verbrechen geltendes „weltliches“ Buch gelesen, verstoßen wird; landet er bei seinem Onkel in der Schweiz, in der er weiterhin streng gläubig unterrichtet und erzogen wird, sich jedoch auch mit der Welt außerhalb des Jüdischen konfrontiert sieht. Dies erreicht seinen Höhepunkt natürlich, als er beginnt, in New York Medizin zu studieren-aus der Motivation heraus, die menschliche Psyche zu erkunden und so seine Gabe verstehen zu lernen und nutzen zu können.

Beide Stränge sind in der Ich-Form geschrieben, und während man Schauplätze überall in der Welt bereist, fühlt man sich bald eins mit dem Protagonisten, was einem nach einiger Zeit einen Schauer über den Rücken jagt, denn als Wechsler den Koffer doch öffnet, findet er unter anderem ein Buch, welches er nicht kennt, doch auf dem er als Autor genannt ist. Nach einigen Nachforschungen stellt sich heraus, dass es keinen Zweifel gibt-Er ist der Jan Wechsler, der dieses Buch geschrieben hat. Und noch während er fast schon krank darüber grübelt, warum er sich nicht an jenen Roman erinnern kann, tun sich immer weitere Abgründe auf, die sein bisheriges Leben ins Wanken bringen. Es stellt sich nämlich heraus, dass er ganz und gar nicht in Berlin geboren und aufgewachsen ist, sondern in Israel…

Das Buch Die Leinwand hat einen einzigen Mangel: Es ist zu schnell zu Ende.

(Überschrift:Zitat aus Die Leinwand-Jan Wechsler von Benjamin Stein)

Die Meisterleistung des Bürgerkriegs.

Ambrose Bierce

Nachdem ich mir den Kopf darüber zerbrochen hatte, welche der umstrittenen Werke, die nach Meinung nicht weniger Leser die diesjährige sehr fragwürdige Auszeichnung des Buchpreises oder die Nominierung hierfür erhalten haben, ich mir zulegen soll; beschloss ich, mich erstmal zurückzulehnen und vorerst den Schriften zu widmen, die bereits im Regal stehen.

Meistererzählungen von Ambrose Bierce locken -zumindest mich- mit jenem abgegriffenen Design, Kurzgeschichten und eines der besten Vorworte, die ich je gelesen habe. Heutzutage ist es ja immer mal so, dass jeder Experte, der zu Wort kommen darf, den Anschein erweckt, er möchte sich selbst lobpreisen, und nicht den Autor, dessen Werk er einleitet. Ganz anders ist es hier bei Mary Hottinger, die es schafft, knapp und doch präzise zu erläutern, mit wem wir es zu tun haben. Es scheint beinahe mystisch, mit welchem visionären Blick Bierce lange vor 1914 die Gräul und Sinnlosigkeit des Krieges deutet; ebenso sein eigenes Leben, dessen Ende nicht bekannt ist, denn Bierce ging verschollen.

Im Vorwort wird auch die Entstehung der Kurzgeschichte erwähnt, die nicht unbedingt Amerikas Liebling war, und an deren wachsendem Ansehen Bierce nicht unbeteiligt war.

Die Geschichten selbst zeichnen einer eher skizzenhaftes Bild, welches immer mit landschaftlichen Beschreibungen einhergeht. Der Mensch selbst genießt dieses nähere Beleuchten nicht, eher erhalten wir Einblick in seine Seele durch das, was er träumt, und natürlich durch das, was er tut. Man darf annehmen, dass die Erlebnisse, die der Autor während des Bürgerkrieges hatte, ihn nachhaltend geprägt und auf beängstigende Weise inspiriert haben. Er bedient sich sozusagen zweier wichtiger Anhaltspunkte: 1. Je kürzer man schreibt, umso mehr wird man gelesen. 2. Schreib über das, was du kennst. Die Geschichten sind knapp gehalten, und wenn man bedenkt, was Bierce alles reinpackt, kann man sich beinahe wundern, wie viel trotzdem beim Leser ankommt und sich in ihn hineinfrisst.

(Überschrift: Zitat aus Die Spottdrossel von Ambrose Bierce)