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Atmosphäre, Witz und Drachen – Im Gespräch mit Andreas Hagemann.

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Und weiter geht’s mit der Autoren-im-Interview-Reihe. Andreas Hagemann spricht gern mit Drachen (auch mal Dialekt), heute redet er mit mir …

Andi Bild

 

 

Andreas Hagemann

ANDREASHAGEMANN.COM

@Xerubian

 

 

 

 

 

 

 

Zuerst begrüße ich dich recht herzlich an Bord der Sehnsuchtsfluchten, lieber Andreas! Witz ist deine Stärke, sagen deine Leser.

Zumindest gebe ich mir Mühe, unterhaltsam zu sein.

Kommen wir damit zum Erzählen an sich. Das Thema der Anthologie ist ja ein großes: Emotionen. Wie hoch ist dein Anspruch, Emotionen beim Leser zu wecken? Und hast du bestimmte Kniffe, auf die du beim Schreiben zurückgreifst?

Emotionen sind für mich der Schlüsselfaktor einer guten Geschichte. Schaffe ich es als Autor nicht, etwas beim Leser auszulösen, gerät mein Text in Vergessenheit. Sympathie oder Abneigung für die Charaktere, die Atmosphäre in einem Raum, das Getöse in einer Stadt, all das zieht den Leser in meine Welt. Nur dann habe ich ihn in der Hand.

Ich bin von Haus aus sehr emotional und nehme die Dinge anders und vielschichtiger wahr als andere. Das hilft mir, auf Umstände und Dinge zu achten, die ich einbaue. Ich nutze dafür gerne bildliche Vergleiche, weil es die intensivsten Reaktionen hervorruft, bzw. auf Erfahrungen zurückgreift, die jeder assoziieren kann. Meist lasse ich den Text dann liegen und lese ihn später erneut. Packt mich die Stimmung genau wie beabsichtigt, dann habe ich es richtig gemacht.

Getöse in einer Stadt. Da bin ich gleich ganz hingerissen! Du kontrollierst später noch einmal, ob die Emotionen noch da sind? Das finde ich sehr interessant.

Wenn ich einen Text schreibe, begebe ich mich in die Emotion, die ich hervorrufen möchte. Bei einer finsteren Szene höre ich zum Beispiel dunkle, atmosphärische Musik. Habe ich dadurch die richtigen Worte gewählt, erreiche ich später emotional den gleichen Zustand. Lächle ich anschließend sogar: bin ich auch ein bisschen stolz 🙂

Wie wichtig ist es für dich als Leser, Gefühle in Geschichten zu finden? Wie erreichen sie dich? Gibt es Unterschiede zwischen dem lesenden und dem schreibenden Andreas?

Beim Lesen ist für mich Gefühl nicht, dass jemand traurig oder wütend ist, sondern was an Atmosphäre geschaffen wird. Genau wie bei meinen eigenen Texten, ist das für mich sehr wichtig. Denn es kommt darauf an, was ich beim Lesen fühle, dass ich abtauche und alles um mich herum vergesse.
Als Autor bin ich glaube ich anspruchsvoller als als Leser. Das Lesen anderer Texte zeigt mir aber, wie vielschichtig man Gefühle einbinden, aufbauen und manipulieren kann. Das ist jedes Mal eine interessante Erfahrung.

Atmosphäre. Ein sehr gutes Wort! … Wenn ich einen Text schreibe, begebe ich mich in die Emotion, die ich hervorrufen möchte … Wie viel Einfluss von Biografischem ist hier vonnöten, was denkst du?

Als Autor ist man immer in Teilen die Geschichte selbst. Man ist gut, man ist böse, man ist das Opfer, mal verliebt, mal wütend. Bei solchen Szenen denkt man oft an das eigene Leben, lässt sich von den Momenten beeinflussen und verarbeitet die damit verbundene Emotion in seinem Text. Oft für den Leser verborgen, manchmal sehr unverblümt.

Kommt es vor, dass du dich mit einem Protagonisten ganz unverblümt identifizierst?

Oh ja, wer meinen Drachen Nerol kennt, das bin ich. Aber auch die gute Elenor aus einer der Geschichten hat sehr viel von mir.

In beiden Geschichten, die du für die Anthologie beigesteuert hast, ist die Hauptfigur eine Frau. Hast du die Geschichte extra für die Sammlung geschrieben?

Ja, beides habe ich für die Anthologie geschrieben. Die Idee zu „Elenor“ hatte ich bereits eine ganze Weile, doch dieser Anstoß hat daraus ein Ganzes gemacht. „Rastlos“ war ein kurzer Gedanke, der mir beim Schreiben einer anderen Geschichte gekommen ist. Beide sind völlig unterschiedlich und haben mich aus meinem Fantasy Schneckenhaus herausgelockt.

Wo führt dich der Weg aus dem Schneckenhaus nun hin? Planst du weitere Ausflüge in andere Genres?

Ich muss gestehen, dass ich bereits zwei fertige Plots für Psychothriller in der Schublade habe, bei denen sogar die ersten beiden Kapitel geschrieben sind. Da mein Steckenpferd aber der Humor ist, fällt mir dieses Genre sehr schwer. Kurzgeschichten eignen sich hervorragend, um sich da näher ranzutasten.

Thema rantasten. Deine beiden Kurzgeschichten sind ja extreme Gegensätze, die eine zaubert Gänsehaut, die andere Lachtränen. Siehst du diese Form des Erzählens auch als eine Art Ausprobieren?

Ja, durchaus. Was ich in meinen bisherigen Büchern gelernt habe ist, dass nur Humor bedingt funktioniert. Ohne Spannung funktioniert eine Geschichte einfach nicht. Beide Extreme zu erkennen und sich an ihnen in kleineren Geschichten auszuprobieren, bedeutet damit zu wachsen, um sie in späteren Projekten miteinander zu kombinieren. Pointiert, so dass sie sich spielerisch ergänzen.

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Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Als außerordentlich inspirierend! Die Harmonie zwischen den Autoren und der Austausch zu den Themen hat sogar meine Geschichte Elenor beeinflusst. Ich sage nur Pangasius Doluptas.

Haha, genau!

Ich habe sehr viel dazugelernt und mich mit weiteren Schreibkollegen vernetzen können. Zudem kenne ich nun weitere Eckpfeiler, die für Geschichten, Formatierung, Gestaltung und Aufbereitung wichtig sind. Handwerkszeug, das nie perfektionistisch genug sein kann. Dafür kann ich gar nicht genug danken.

Lieber Andreas! Ich danke dir für dieses sehr schöne Gespräch!

Es hat mir auch sehr viel Freude gemacht!

 

Johnny Cash, Eva und Marylin Manson – Im Gespräch mit June Is.

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Hier präsentiere ich euch das dritte Interview im Rahmen unserer Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“, die im August erscheinen wird! Diesmal habe ich June Is ausgefragt, die zwei sehr unterschiedliche Geschichten für die Sammlung geschrieben hat.

June Bild

 

June Is

http://www.cluewriting.de/autorin-june-is/

@ypical_writer

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe June! Wir begrüßen dich recht herzlich an Bord der Sehnsuchtsfluchten!

Danke, liebe Julia!

Das erste, was an deiner Geschichte ins Auge sticht, ist tatsächlich der Name der Autorin. Magst du uns etwas darüber erzählen?

Im Studium begannen meine Studienkollegen, mich June zu nennen. Denn im Lateinischen bedeutet das „Die Blühende“ – ich sprühte immer vor Ideen (im Studium sowieso und auch hobbymäßig) und manchmal schüttelten alle den Kopf und waren dann erstaunt, dass ich es schaffte, manche durchzusetzen. Das hat allerdings nicht immer was mit der Schreiberei zu tun gehabt. Die Krönung war dann, dass ich Jahre nach dieser Namensgebung einen Freund hatte, der sich Johnny Cash modisch und musikalisch als Vorbild nahm und naja, der hatte doch auch eine June … und dann das „is“, das kam erst für die Veröffentlichungen, da man immer oder oft einen Vor- und Zunamen braucht. Ich finde die Vorstellung von „June ist“ in der Übersetzung sehr schön. Hat etwas Buddhistisches. Einfach sein. Aber man kann dann auch mit den Titeln spielen. Zum Beispiel schreibe ich mal irgendwann ein Buch namens „Liebe“, steht da auf dem Cover „June is – Love“.

Das gefällt mir sehr gut! Eine deiner Geschichten, die du für die Anthologie geschrieben hast, trägt dadurch ebenfalls solch eine „kombinierte Überschrift“: June is Eve. Spielst du hier mit der Identifikation zum Protagonisten?

Ja, die Identifikation ist nicht abzustreiten. Auch, wenn mir nicht passiert ist, was der Protagonistin passiert ist, so gefällt mir doch die Vorstellung, dass gerade in uns Menschen viel „Eve“ steckt. Den Namen wählte ich nicht ohne Grund. Wir würden doch (fast) alle von der verbotenen Frucht essen, um uns weiterzuentwickeln. Unterstelle ich mal 😉

Der Feminismus darin ist allerdings nicht gewollt, Eve ist geschuldet dessen, dass ich eine Frau bin. Wobei „June is Adam“ hätte auch irgendwas Interessantes. June is die Emiliafrage – das verbündet sich mit dem Theater-Protagonisten und leidet mit allen Deportierten (Emilia). Also es passt auch hier.

Allein mit der Wahl deines Künstlernamens hast du ja einen sehr großen emotionalen Bezug zu den Figuren und den Geschichten, die sie erleben. Emotionen ist auch das Thema der Anthologie. Könntest du dir vorstellen, dass es an irgendeinem Punkt mal schwierig sein könnte, dich selbst mit einzubringen? In einer Erzählung zu sehen?

Wenn man beispielsweise über Themen schreibt, die man selbst nicht erlebt hat (z.B. gewalttätige Eltern), gerät man schnell an seine (emotionalen) Grenzen. Ich nehme mir dann die Wut im Bauch vor, ein mir bekanntes Gefühl in anderen Gebieten, und übertrage es auf den/die Peiniger. So eine Art persönlicher Trick für Grenzgebiete. Und dann ist der Bezug zum Protagonisten hergestellt.

Wie sieht es aus mit den „eigenen Dingen in einer Geschichte sehen“? Thema mutiges/exhibitionistisches Schreiben. Bist du dahingehend schon mal an deine Grenzen gestoßen?

Daran will ich mich demnächst mal wagen. Das Experiment startet also noch.

Du hast jedenfalls schon mal Lust auf diese Reise.

Ja, aber ich fürchte mich auch. Zugegeben.

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Wie wichtig ist es dir als Leser, dich mit dem Protagonisten identifizieren zu können?

Oh das ist romanabhängig. Zum Beispiel kann ich Biographien lesen von Männern, denen ich nie nacheifern würde. Zum Beispiel Marylin Manson. Dessen Tagebuch war ultrainteressant, aber Identifikation gleich Null. Und auch diese Lektüre bietet viel Platz für Emotionen, eben die weniger schönen: Ekel, Widerwillen. Ansonsten sprechen mich traurige Märchen an, weil man Mitgefühl entwickelt und sich vorstellt, wie man wohl selbst reagieren würde. Da ist die Identifikation höher.

Denkst du, es gibt gewisse Kniffe, also Handwerkliches, mit dem man Emotionen beim Leser hervorrufen kann?

Ich glaube, das Geheimnis ist, über Dinge zu schreiben, die einem selber nahegehen. Das ist der Kniff an sich. Wenn den Autor etwas nicht berührt, wird er es vielleicht nicht wiedergeben können.

Die Anthologie war ja auch ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie fandest du diesen Prozess?

Obwohl alles virtuell stattfand, war es ergiebig und vor allem unser „Wortknecht“ sehr verständnisvoll und hilfreich. Mit einigen anderen hatte ich nicht so viel zu tun. Ihr Herausgeberinnen habt jede Frage beantwortet und uns immer motiviert. Das war schön. Sonst wird man ja eher allein gelassen.

Liebe June, ich danke dir für dieses sehr interessante Interview!

Ich danke euch! Für das interessante Projekt, die vielen netten Menschen, die ich dadurch kennenlernen durfte und natürlich eure Arbeit, die ihr neben allem anderen in diese Anthologie investiert habt und noch werdet.

Wonach sehnst du dich?

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… hat die wundervolle Nika Sachs in ihrer Ausschreibung für eine Anthologie gefragt. Das Thema: große Emotionen. Natürlich war ich sofort Feuer und Flamme! Und als ich gefragt wurde, ob ich als Herausgeberin mit an Bord kommen wolle, hätte ich nicht lauter „Ja!“ rufen können.titelbild_2

Monate liegen hinter uns, in denen wir Texte gesichtet und Profis an unsere Seite geholt haben. Für Lektorat und Satz konnten wir Michaela Stadelmann gewinnen, worüber wir ganz besonders froh sind, auch wenn es einiges an Zickerein und Fast-Tränen gekostet hat. (Ich gehe hier mal vornehmlich von mir aus.) Blut und Schweiß und Tränen, nicht wahr? Doch inzwischen kann besonders ich sagen, dass allein durch diese Zusammenarbeit mein Schreiben einen enormen … Schub bekommen hat. Vieles kann ich für mein zukünftiges Arbeiten als Autorin nutzen, und einiges werde ich für immer anwenden können! Ich hoffe, dass es den anderen Autoren ebenso geht. Auch wenn unsere Herz-Lektorin auch mal Namen wie „Wortknecht“ bekommen hat 😉

Die Anthologie war auch etwas wie ein Experiment. In einer Chatgruppe wurden, unabhängig von den jeweilgen Geschichten, Gedanken zusammengetragen und Schreibübungen durchgeführt. Bei der Entstehung des wundervollen Werkes waren also alle Autoren beteiligt, und zwar auf allen Ebenen.

Und nun ist es bald soweit: Im August erscheint Sehnsuchtsfluchten. Ich bin ziemlich aufgeregt und sehr glücklich. So nahe habe ich mich dem Schreiben und dem Leben damit noch nie gefühlt. Um das Buch den Lesern schmackhaft zu machen, haben wir uns etwas ganz besonderes ausgedacht: Wir laden die Autoren zu einem Gespräch ein, in dem wir sie ganz dreist über ihr Schreiben und die Geschichte zur Anthologie mit diesem besonderen Thema ausfragen. Die Interviews werden abwechselnd auf meinem und auf Nikas Blog veröffentlicht. Juhu!

Freut euch mit uns …

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Blut und Honig – You Foolish Girl

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Sie wartete, bis er fertig war mit seinem Mahl. Manchmal ging sie in die Knie, hockte sich neben ihn, manchmal setzte sie sich auch auf einen Baumstumpf oder auf den bloßen Boden. Heute blieb sie stehen. Es war ein klarer Abend, und das Licht des Mondes hatte Mühe, sich zwischen dem dichten Wald durchzukämpfen, doch ab und zu erkannte Anne ihren Wolf. Sah sein struppiges Fell, seine großen Pfoten, die Augen, die sich hin und wieder schlossen und sich dann wieder öffneten, um sie anzusehen. Er war schmutzig, ihr Wolf. Gezeichnet vom Garten und der Zeit.

Ganz hinten, dort wo der Affenbaum stand, verfolgte der Garten seine eigenen Gesetze, so schien es. In jenen wenigen Momenten, in denen Anne sich daran erinnerte, wusste sie, dass hier die Zeit keine Rolle spielte. Ganz hinten, dort wo immer Dunkelheit herrschte, hatten Stunden und Tage keinen Zugang. Vielleicht fürchteten sie sich. Anne tat es. Sie hatte ihn gesehen, an jenem Platz zwischen noch riesigeren Bäumen, von denen Lianen herab – und das Efeu hinaufkroch. Und war er dort nicht auf zwei Beinen erschienen, ihr Wolf?

Er war fertig. Wenn das Blut noch nicht gestockt war, brauchte er länger. Er musste es dann aufschlecken, zusammen mit dem Honig zog es lange dunkle Fäden, die von seiner Zunge und aus seinem Maul hingen. Zum Schluss steckte sein ganzer großer Kopf in dem Eimer.

Anne hatte es nur ein einziges Mal gewagt, in mit der Hand zu füttern. Es war eine seltsame Zeit gewesen, sie war vielleicht sechzehn Jahre alt, eine Zeit, in der Dinge in ihr erwachten, die sie nicht benennen hatte können. Zu jener Zeit war sie zu ihm gekommen, nur mit einem weißen Nachthemd und ohne Schuhe, und sie hatte ihre Hand in den Eimer getaucht, in dem das Blut stockte. Warm und weich hatte es sich auf ihrer Haut angefühlt, wie ein Pudding, der noch nicht lange genug gestanden hatte.

Ihr Wolf hatte sie angesehen und sich dann auf die Hinterläufe gesetzt. So als würde er abwarten wollen, bis sie diese törichte Idee aufgeben würde. Doch sie tat es nicht. Vielleicht hatte sie noch einen Schritt auf ihn zu gemacht. Wer wusste das schon? Nur der Garten wusste es.

Und dann, nach einer langen Zeit, hatte sich der Wolf erhoben. Er war näher gekommen, und er senkte langsam den Kopf, ohne sie aus den Augen zu lassen. Und während er seinen Pudding aus Blut und Honig von ihrer Hand fraß, beäugte er sie. Seine Zunge war fest und rau, und ab und zu hielt er inne und zog die Lefzen zurück. Sie fürchtete sich vor ihm, fürchtete sich vor seinen langen Zähnen. Und gleichzeitig wünschte sie sich, dass er sie mit sich nehmen würde.

Nun waren über dreißig Jahre vergangen, und es war noch immer wie damals. Das stimmte nicht, doch sie wollte nichts davon wissen. Sie und ihr Wolf, sie würden immer da sein. Und der Garten. Auch wenn er noch dunkler werden würde, noch mehr verwildern und verwachsen. Auch, wenn der Teich inzwischen nur noch Sumpf war, und alle einst hübschen kleinen Bänke verrottet.

Doch es war anders. Ihr Wolf wusste es. Vielleicht hatte es ihm der Garten gesagt. Vielleicht konnte er seine Sprache sprechen, nach dieser langen Zeit, in der er in ihm wohnte.

Er sah sie an, und sie runzelte die Stirn. Was war es? Vielleicht sollte sie die Hand ausstrecken und ihn berühren. Vielleicht würde sie dann wissen, was er wusste. Doch der Wolf drehte sich um und ging davon. Nach einem Wimpernschlag war er nicht mehr zu sehen. Er verschmolz mit der Dunkelheit, so wie er es immer tat. Und sie sah ihm nach.

Am nächsten Tag wusste sie es. Als sie mit dem Eimer voll von geronnenem Blut am Eingang des Gartens stand und auf ihn wartete, wusste sie, dass er nicht kommen würde. Sie hatte das Blut ganz früh am Morgen geholt, dass es genug Zeit hatte, fest zu werden. So wie er es mochte. Doch ihr Wolf erschien nicht.

Sie wartete eine halbe Stunde, dann ging sie zögernd los. Sie wollte es nicht, doch es musste sein.

Ganz hinten, dort wo der Affenbaum stand und die Lianen von den Bäumen krochen, war es finster und still. So still, dass sie es kaum ertragen konnte. Vielleicht war es so, dass es an einem Ort ohne Zeit keine Geräusche gab. Anne hörte nicht einmal ihre eigenen Schritte. Und das fürchtete sie mehr als alles andere.

Vor dem Affenbaum, auf dem kleinen Hügel, sah sie ihn liegen. Ein schwarzer Berg inmitten von Schwärze.

„Nein“, schluchzte sie, dann lief sie los. Ihre Schritte waren still, doch das Herz schlug ihr in der Brust, dass es jeder hören musste. Neben ihm ließ sie sich nieder. Sie wagte es nicht, ihn zu berühren, doch sie war ihm ganz nahe.

Eine lange schwarze Schlange kroch unter dem leblosen Körper hervor. Es war Blut. Ihr Wolf war tot.

„Nein“, schluchzte Anne wieder, und das Wort verblasste in der lautlosen Umgebung. Anne streckte langsam die Hand aus. Sie berührte ihren Wolf an der Brust, kurz über der klaffenden Wunde. Dann sah sie sich um. Während sie über sein Fell strich, das sich fest und nach Stacheln anfühlte, tastete sie mit den Augen die schwarzen Schatten ab. Und dann sah sie es. Ein abgeknickter dünner Stamm, der wie ein Schwert emporragte. Vermutlich war der junge Baum einem Unwetter zum Opfer gefallen. Und ihr Wolf hatte sich in das Schwert gestürzt.

Annes Augen wanderten zurück, dann verschwand die Güte aus ihren Augen. Ihr Blick wurde finster, so wie der Garten. Und dann stemmte sie sich hoch. Bevor sie das tat, was sie eben beschlossen hatte, schluckte sie und holte tief Luft. Und dann ging sie in die Knie und umschloss mit den Armen den toten Körper ihres Wolfes.

Er war leicht, viel leichter, als sie es angenommen hatte. Als Anne den Wolf durch den Garten trug, sah es aus, als würden sie miteinander tanzen. Und während sie ihn durch die Dunkelheit zerrte, unterdrückte sie den Gedanken, dass sie den Wolf nicht alleine trug. Der Garten half ihr. Sie unterdrückte den Gedanken so lange, bis sie ihn vergessen hatte.

Bis sie den Ausgang erreicht hatte, war es auch außerhalb des Grundstückes finster geworden. Sie hatte den Wolf umklammert, bald schleiften seine Läufe auf dem Boden, dann versuchte sie ihn über der Schulter zu tragen. Ihre Arme wurden steif und schwer, doch ihre Gedanken immer klarer, ihr Wille immer fester. Sie würde es nicht erlauben, dass er sie verließ. Er war ihr Gefährte. Und es dauerte nicht lange, bis sie vergessen hatte, dass ihre Empfindungen von purem Egoismus getränkt waren.

Es waren einige Meilen, die sie zurücklegen musste, doch sie hatte vor, bis Mitternacht ihr Ziel zu erreichen. Und sie wusste, dass ihr das gelingen würde. Der Garten würde ihr helfen.

Es hieß, dass man in dem inneren Kreis auferstehen würde. Jedoch wusste sie nicht, wie sie dort hinein gelangen sollte. Die Steine waren geschützt. Vielleicht sollte sie Michael fragen. Doch den Gedanken verwarf sie. Er mochte sie, schon immer. Vielleicht liebte er sie sogar, doch sie wollte nicht, dass er ihren Wolf sah. Michael wusste genug, schon beinahe zu viel, seit dem Tag, als sie ihn nach dem Blut gefragt hatte. Damals waren sie Kinder gewesen, und als er die Metzgerei seines Vaters übernommen hatte, stellte er ihr stets einen Eimer in das geheime Versteck hinter dem Schuppen.

Sie musste es allein schaffen.

Als Anne den Steinkreis erreicht hatte, war es kurz vor Mitternacht. Und es war ein leichtes, die Absperrung zu überwinden. Einer der Blausteine war gekippt, er lag zwar nicht direkt auf dem dicken Tau, durch das der Strom kroch, doch es reichte aus, um ihn zu überwinden. Anne hievte den Wolf den Stein hinauf, doch die meiste Anstrengung kostete es sie, die Gedanken zu vergessen. Einer der Blausteine hatte sich bewegt. – Das tun sie die ganze Zeit. Die Steine fallen und kippen. – Ja, aber er hat sich bewegt.

Sie hob nicht einmal den Kopf, um die Steine anzusehen, jahrtausend alte Monumente, einer an die 30 Tonnen schwer.

 

In der Mitte des inneren Kreises legte sie den Wolf ab. In ihren Schultern stach ein Schmerz, den sie zu vergessen versuchte.

Sie kniete sich neben ihn. An ihre Trauer konnte sie sich nicht mehr erinnern. Und als sie den Kopf neigte und ihn auf dem toten Körper ihres Wolfes ablegte, floss ihr Haar in sein Fell. Sie waren vereint. Anne schlief ein.

Als die Sonne den Horizont erhellte, öffnete Anne die Augen. Unter sich spürte sie den warmen, pulsierenden Körper. Sie richtete sich auf.

Es dauerte eine Weile, bis der Wolf erwachte. Vielleicht brauchte er Zeit, um sich an das Leben zu erinnern. Und vielleicht …

Mit einem Satz war er auf. Er warf Anne mühelos zur Seite. Und dann standen sie sich in der Mitte des Steinkreises gegenüber.

Ihr Wolf sah sie an, wütendes Funkeln aus gelben Augen. Er zog die Lefzen zurück und entblößte riesige Zähne. „You foolish Girl“, wisperte er. Die Worte waren Flüstern und wütendes Gebrüll gleichsam.

Als ihr Wolf sich auf sie stürzte, verschwamm die Umgebung, und Anne blickte in eine Zeit, in der er ein Mensch gewesen war. Und seine erste Auferstehung hatte ihn zu dem gemacht, was er nun war. Zu dem Wesen, welches sie kannte und liebte. Und sie würde es immer tun.

***

Jack zog sich seine Mütze zurecht. Er wippte aufgeregt mit den Füßen und reckte und streckte sich, um etwas erkennen zu können. Sie hatten in den Bus einsteigen müssen, um zu den Steinen zu gelangen. Zu Fuß hätten sie gehen können, doch sein Vater war zu müde. Er war die ganze Nacht gefahren, und Jack hatte lange betteln müssen, um ihn zu dieser Rast zu überreden. Da erschien es. Die riesigen Steine mitten auf weitem Feld. Jack riss die Augen auf.

Sie waren die ersten Besucher an diesem Morgen, der Bus war nur halbvoll, und Jack riss sich von der Hand seines Vaters los, um loszulaufen.

Um den Kreis herum war ein dickes Seil gespannt, das war schade. Jack wäre zu gern hineingelaufen und hätte die Steine berührt.

Er umkreiste das Henge, immer und immer wieder. Und er konnte nicht aufhören, zu staunen.

„Jack!“

Er wandte sich um. Sein Vater kam auf ihn zu.

„Bitte, nimmst du mich auf deine Schultern?“, fragte Jack. „Nur ganz kurz?“

Sein Vater seufzte. „Jack, ich bin so geschafft nach dieser …“ Dann drehte er den Kopf und blickte auf die Steine. „Okay, aber nur eine Minute.“

Jack reckte den Kopf und versuchte, dabei stillzuhalten. Er konnte tatsächlich etwas mehr erkennen von hier oben. Und dann zog sich seine Stirn in Falten. „Ganz in der Mitte, Dad. Da liegt ein großer Stein. Und er ist voller … Blut. Dad?“ Seine Stimme zitterte etwas.

„Das ist kein Blut, Jack. Das ist das Regenwasser, welches mit dem Eisen des Steines reagiert. Aus diesem Grund heißen diese Steine auch Opfersteine; eine Bezeichnung die theatralisch klingt, aber faktisch einfach nicht stimmt. Das habe ich dir doch erzählt, Junge.“

„Aber …“ Jack reckte den Kopf mehr und mehr. Das war kein Wasser, dessen war er sich sicher. Und neben dem Stein, in dem nassen Gras, konnte er Fußabdrücke sehen. War das … Hätte er doch nur seinen Feldstecher dabei!

Sein Vater ließ ihn hinab. Er rieb sich über die Augen, und Jack beschloss, ihn nicht nach den Abdrücken im Gras zu fragen. Sie sahen aus wie Pfoten. Und daneben waren Menschenspuren.

Als Jack zusammen mit seinem Vater den Steinkreis verließ, drehte er immer wieder den Kopf, doch er war zu weit entfernt, um zu sehen, dass es sich tatsächlich um Spuren handelte. Und der Bus kam heran und spuckte immer mehr Menschen aus; Touristen, die die Abdrücke niedertrampeln würden. Sie würden bald nicht mehr zu erkennen sein, die Abdrücke eines Menschen. Es waren die Spuren einer Frau; und diese Spuren führten nach Norden, wurden immer kleiner, schrumpften Meile um Meile, bis sie die Größe eines Mädchens hatten.

Er dachte noch immer an die Steine und die Spuren zwischen ihnen, als sie im Auto saßen und nach Norden fuhren. Es war kalt hier, kalt und regnerisch, und Jack mochte es.

Er dachte an das Blut, welches er gesehen hatte, als etwas seinen Blick fing und er den Kopf zurückriss. „Dad?“

„Hm.“

„Da war ein Schild an dem Tor.“

„An welchem Tor?“

„Na da, an dem Garten! Der ist riesig, ein richtiger Urwald, schau mal.“

„Jack, ich muss mich konzentrieren. Ich bin müde, und die Straße nimmt zu viele Kurven.“

„Da stand Warning auf dem Schild, warum?“

Sein Vater seufzte. „Ich weiß es nicht, Junge. Aus Sicherheitsgründen. Oder archäologischen. Du weißt, dieser gesamte Landtstrich hier ist geschichtlich sehr wertvoll.“

Jack stellte das nicht zufrieden.

„Wir können das rausfinden, wenn wir bei Tante Mechthild sind, okay? Oder wir fragen sie selbst. Sie wohnt ja schon sehr lange hier, ihr ganzes Leben lang.“

Jack riss die Augen auf. „Heißt das, wir sind bald da?“

„Da vorn“, antwortete sein Vater mit einem Nicken.

Sie bogen in einen großen Hof ein, und als sie ausstiegen, reckten und streckten sie sich und grinsten sich an. „Wir sind da, Jack, alter Hund“, sagte sein Vater, wie er es immer tat, und dann umarmte er ihn.

„Darf ich ein wenig spazieren gehen, Dad?“, fragte Jack, als sie die Taschen aus dem Auto zogen. Sein Vater hielt inne. „Jetzt? Hast du denn keinen Hunger?“

„Nur ganz kurz, bitte. Ich muss mir ein wenig die Füße vertreten.“Jack wusste, welchen Blick er dafür ernten würde, und er wurde nicht enttäuscht. Normalerweise hätte er keine Chance, aus der Verpflichtung von Essen und Familie herauszukommen, doch sein Dad war sehr müde, und er freute sich sehr darauf, seine Schwester wiederzusehen, dass Jack eine winzige Gelegenheit witterte.

„Hast du deinen Kompass dabei?“, fragte sein Vater, und Jack nickte heftig. Er drückte ihm einen Kuss auf die Wange und drehte sich um. „Bin in einer Stunde zurück!“, rief er über die Schulter und rannte los, bevor es sich sein Dad anders überlegen würde.

Nach der Einfahrt gleich rechts, und wenn er das Tempo beibehalten würde, würde er den Garten mit dem Warning-Schild bald erreichen. „Au!“, rief Jack und zog die Hand zurück. An der Hausmauer zog sich eine Rose empor, und Jack war ihr in seinem Eifer zu nahe gekommen. Er betrachtete, wie das Blut an dem Finger hinablief. Dann wühlte er in seiner Hosentasche und fand neben seinem Kompass eine Serviette, die er beim Frühstück im Motel hatte mitgehen lassen. Ein dickes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. Etwas anderes hatte er noch ertastet, ebenfalls ein Mitbringsel aus dem ParkHouse-Motel.

Es war eine kleine Packung Honig.

Ende

stonehenge

Paul T. -Teil 6-

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Theo sagt nichts. Sie starrt nur zu der Stelle, an der der Koffer steht. Herr Tehmann kennt das schon, er kennt diesen Ausdruck im Gesicht der Menschen: Es ist das zu Bild gewordene Gerangel zwischen Realität und Traum; zwischen dem, was sie wissen, was sie gelernt haben und dem, was sie sehen. Dem, was da ist. Unwiderruflich ist es da, obwohl es doch nicht sein kann.

Tehmann kennt diesen Ausdruck gut, er kennt ihn besonders von sich selbst, und doch ist es immer wieder ein neues Grauen. Etwas, was man lieber nur einmal sieht, wenn überhaupt. Er hat schon einige Male gehört, dass es ein wundervolles Erlebnis ist, die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung zu überschreiten, doch das ist Unsinn. Es ist nicht wundervoll.

Tehmann starrt den Koffer an, ein monströses Ding mit goldenen Zähnen und einem Rachen, der die Welt schluckt. Und vermutlich ist das noch milde ausgedrückt, vermutlich will das Ding die Welt erst ein bisschen jagen, bevor es sie verschlingt. Ein bisschen mit ihr spielen.

„Ein guter Trick“, sagt Theo neben ihm. Ihre Stimme klingt blass und hohl, wie einer der ausgetrockneten Halme, die sich unter der Sonne winden.

„Ja, aber er ist nicht von mir“, erwidert Tehmann. Und nun blickt Theo ihn an, seltsam gequält, als würde sie sich wünschen, dass er lügt.

„Diesmal nicht“, sagt Tehmann nochmal, und Theo schluckt.

„Was …“, fängt sie an, ohne zu wissen, was sie sagen wird.

Wie soll man das auch wissen, fragt sich Tehmann. Wenn mir je einer begegnen wird, der weiß, was er in solch einem Moment sagen soll, dann kann ich mir sicher sein, dass ich tot bin.

„Der Koffer“, fängt Tehmann an, nur ein kläglicher Versuch seinerseits, „Das ist nicht der, den du willst. Also verschwindest du besser auf der Stelle.“

„Was ist da dr…“, will sie sagen, doch sie wird von seinem Blick unterbrochen. Tehmanns Augen sind dunkle Schlitze, und Theo hat für einen Augenblick lang das Gefühl, dass zwischen ihm und dem Koffer etwas geschieht. Für einen winzigen Augenblick könnte sie schwören, dass es so ist. Doch dieser Moment geht vorüber, und sie will gar nichts mehr beschwören. Ihr Verstand zieht die Reißlinie, mehr kann er nicht fassen, vorerst nicht.

„Nichts, was dich interessiert“, sagt Tehmann. „Nimm deine Gang und verschwinde. Ganz, ganz schnell.“ Und die letzten Worte spricht er langsam, und seine Augen sind dunkel.

Sie blicken sich an, schweigend, und dann hören sie ein Klacken.

Tehmann reißt den Kopf rum, und Theo reißt etwas aus ihrer Gesäßtasche. Sie richtet die Waffe auf den Koffer, es ist eine Schlagbolzenschlosspistole, klein und schwarz. Und doch macht sie mächtig Eindruck.

Tehmann reißt den Kopf zurück und starrt Theo an. „Bist du wahnsinnig?“, schreit er und wirft die Arme über den Kopf. „Nimm das Ding runter!“

Theo starrt noch immer auf den Koffer, ihre Augen sind nur noch weiße Kugeln mit blutigen Rändern und einer winzigen Pupille. Er hatte recht. Sie ist wahnsinnig. Ihr Verstand hat die Reißleine gezogen, doch nicht rechtzeitig genug.

„Theo!“, brüllt Tehmann. „Die Waffe runter! Sofort!“

Und dann klackt der Koffer wieder, es sind die Schnallen, und es sieht aus, als öffnen sie sich.

 

Auf der Straße, etwas weiter hinten, stehen vier weitere Personen, doch es ist nur Nika, die es sehen kann. Die anderen sehen es auch, ebenso die Polizisten die eben eintreffen, doch sie erblicken es nur, die Weiterleitung zum Gehirn wird von ihrem Verstand unterbunden.

Es ist Teer, der aus dem Koffer fließt, er fließt träge und behänd zugleich. Er färbt alles ein, mit dem er in Berührung kommt; Gräser und Halme, Asphalt und Erde, sogar die Luft, den Himmel; doch ganz besonders Menschen. Der Teer fließt in Theos Augen, er frisst sich in ihre Haut, in jede einzelne Pore. Rasend schnell geht das, und dennoch wie in Zeitlupe langsam.

Nika sieht das alles, und obwohl sie dachte, dass es nichts Schlimmeres gäbe, als das, was sie bereits gesehen hat, wird ihr klar, dass das falsch war. Es war ein Trugschluss. Es ist nicht ihr Verstand, der anfängt zu schreien, es ist das Kind in ihr: Kindliches Urvertrauen, welches zwar erschüttert ist und gebrochen, aber nicht bereit zu sterben.

„Nein!“, schreit Nika, als der Teer in Tehmanns Augen fließen will, es ist ein langgezogener Schrei, und die Polizisten hinter ihnen beginnen zu laufen und ihre Waffen zu ziehen.

Themann erschrickt, und er hat es nicht als seinen Reflexen zu verdanken, dass er Theo beiseite stößt und sich auf den Koffer wirft.

Das Klacken verstummt, und der Teer kriecht zurück in den Koffer.

 

Und Nika weiß, wie es ausgehen wird. Es scheint, als wüsste sie es vor Tehmann selbst, doch dem ist nicht so. Es ist eher so, dass Tehmann einen Entschluss fällt, von dem  niemand etwas erfahren darf, nicht einmal er selbst. Zumindest der Teil in ihm, der von der Vernunft gesteuert wird.

„Nein“, sagt Nika noch einmal, dieses Mal leise, und sie wünschte, dass er es hören kann. Sie würde sich gern verabschieden.

 

Tehmann liegt auf dem Koffer, er liegt auf der Seite, und dann dreht er sich um. Er hat keinen blassen Schimmer, wie er es anstellen soll, doch er nimmt an, dass das, was in dem Koffer ist, ihm diese Entscheidung abnehmen wird. So war es immer mit dem Teer. Mit der Schwärze, die aus den Menschen fließt. Sie ist das Böse, doch anders, als er am Anfang – ganz am Anfang – angenommen hatte, ist es nicht das eigene Böse. Nicht immer.

Bei Nikas Schwester hat er es ganz deutlich gesehen. Es war aus ihr herausgeflossen, als sie geredet haben. Nicht viel, und sicherlich bei weitem nicht alles, doch es war etwas da. Der Teer kam aus ihr herausgekrochen; aus den Augen, aus den Poren. Er erhob sich in die Luft, wo er sich auflöste, ein seltsam anzuschauendes Verpuffen war das. Und ein kleiner Teil kroch in ihn herein.

Eine Weile schon hatte Herr Tehmann das bemerkt. Doch er hatte es verdrängt. Dieser Riese war stärker; war es vielleicht die ganzen Jahre schon gewesen.

 

Der Koffer wartet nicht lange. Das Böse wartet nie lange, denkt Herr Tehmann noch, bevor die Schwärze ihn einsaugt.

Die Schnallen springen mit einem lauten Knacken auf, der Koffer öffnet seinen tiefschwarzen Schlund, der die ganze Welt für einen halben Wimpernschlag lang dunkel färbt, und dann ist Herr Tehmann verschwunden. Und der Koffer auch.

 

Nika schluchzt. Sie versucht, es zu unterdrücken, doch es gelingt ihr nicht. Es schmerzt in der Kehle, so wie es das immer tut, wenn man das Weinen zurückhalten will.

Sie sieht nicht, was passiert, es scheint, als würden der Koffer und Herr Tehmann verschmelzen und dann in der flimmernden Luft verpuffen wie bei einem billigen Zaubertrick.

Sie hätte sich gern verabschiedet von ihm. Das hätte sie wirklich gern. Sie hätte gern mit ihm geredet. Und sie hätte ihm Fragen gestellt.

Am meisten hätte sie ihn fragen gewollt, warum er sie so angesehen hat. So, als würde er sie auf die andere Seite holen wollen.

Denn dort war sie ja schon längst.

Oder?

 Ende

Paul T. -Teil 5-

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Nika sieht ihn an, ihr Blick ist müde, doch Tehmann erkennt den Funken in den Augen. Vielleicht ist er der Rest des Feuers eines jungen Menschen, vielleicht ist er auch eben wieder neu entzündet. Das Feuer muss nicht lodern, doch es muss brennen. Sonst ist sie innerlich tot. Das denkt Tehmann, und er blickt sie an, versucht in das Innere ihrer Seele zu schwimmen, während ihm klar ist, dass er seine spezielle Fähigkeit hier nicht anwenden kann.

„Du … hast sie doch nicht mehr alle“, sagt Nika, doch sie tut es zögerlich. Auch sie hat den Funken entdeckt, vielleicht spürt sie ein erstes Tropfen in ihrem Inneren; Seelenwasser, das von einem Eis-Stalaktit fällt. Sie führt die Zigarette zum Mund, doch Tehmann nimmt sie ihr aus der Hand. „Was denkst du, hat deine Schwester getan, Nika? Was denkst du?“

Sie hört ihm zu, auch wenn sie nicht will; der Funken bringt sie dazu, ihm zuzuhören, und nun schluckt sie. Und schüttelt den Kopf. Sie kann nichts sagen, es schmerzt zu sehr.

„Ich weiß“, sagt Tehmann. „Aber so unglaublich es auch klingen mag, Nika, ich muss an diesen Koffer gelangen, bevor es jemand tut, der …“ Und er hebt den Blick und betrachtet die Bande aus mittelmäßigen bis professionellen Gaunern, die durch das Feld stakt. Nika nutzt diesen Moment, um in seinem Gesicht zu lesen, um es abzutasten, auf der Suche irgendetwas, was ihr Angst macht. Doch da ist nichts.

Tehmann blickt sie wieder an. „Was denkst du, Nika, was passiert, wenn der Koffer von jemand anderem gefunden wird?“

„Was“, flüstert sie mit großen Augen. „Was ist denn drin in dem Koffer?“ Und dann zuckt sie zurück. Tehmanns Augen sind mit einem Mal dunkel. Kleine, dunkle Schlitze. „Nika“, sagt er, als wolle er sie auf seine Seite ziehen. Auf die andere Seite. Sie versteht das nicht, auf dieser Seite ist sie doch schon längst.

Sie weicht zurück, dann bewegt Tehmann seine Hand, um die glühende Asche der Zigarette von der Haut zu schütteln, und als er erneut aufsieht, sind seine Augen wieder klar.

„Weiter geht’s!“, ruft jemand neben dem Wagen, und Nika und Tehmann sehen sich an und schweigen. Es gibt nichts mehr zu sagen. Nicht in diesem Augenblick.

 

Als der Jeep ein weiteres Mal stoppt, springt Tehmann von seinem Sitz, genauso wie es Theo tut. Er muss sie abpassen, jetzt.

„Hey!“, ruft sie, als er nach ihrem Arm greift.

„Wir müssen uns unterhalten“, sagt er, dann dreht er den Kopf und blickt die anderen an. Sie alle sind stehengeblieben, es gibt absolut keinen Zweifel, wer ihre Anführerin ist. Nur Nika steht etwas außerhalb, auch sie wartet ab, auch wenn sie nicht weiß, was es ist.

„Sucht ihr weiter“, sagt Tehmann laut, dann zerrt er Theo mit sich.

Erst, als sie ein paar Schritte gegangen sind, lässt er sie los.

„Was wird da, Paul? Ich suche diesen verdammten Koffer, das hatten wir doch schon.“

„Ja, das hatten wir schon. Und ich sage dir noch einmal, dass du deine Zeit vergeudest. Mehr noch, du gefährdest dein Leben.“

Sie sieht ihn verwundert an, beinahe lächelt sie. „Echt? So eine Nummer jetzt? Na, ich bin ganz Ohr.“

Tehmann grübelt. Soll er ihr die Geschichte erzählen? Von dem Koffer und dem Bösen und all dem? Die Chancen stehen nicht schlecht, dass sie sich am Boden wälzen wird vor Lachen. Was also soll er tun?

Zuerst hebt er die Hände, als müsse er sie besänftigen, und sie schaut noch verwunderter. „Es ist dir Ernst, was? Gott, es muss echt eine Menge Schotter sein, dass du dich so reinhängst.“

„Nein, hör zu, Theo, das ist es nicht. Du musst mir glauben, der Koffer, den du suchst, der ist nicht hier. Er ist irgendwo, aber sicher nicht …“

„Na wenn du dich da mal nicht täuschst“, unterbricht sie ihn und bleibt stehen. Ihre Augen sind nach vorn gerichtet, und ein seliges Lächeln liegt auf ihren Lippen.

Tehmann bleibt ebenfalls stehen, und es braucht nur diesen kurzen Moment, in dem er seinen Kopf wendet, um Theos Blick zu folgen, um zu wissen, was er sehen wird. Es ist kaum ein Wimpernschlag, und trotzdem weiß er es. „Das kann nicht sein“, sagt er tonlos.

„Oh doch“, flötet Theo. „Ich wusste es. Du verarschst mich! Da liegt er, in seiner vollen Pracht.“ Und dann fängt sie an zu laufen.

Und das ist der Augenblick, in dem sich Tehmanns Geist vom Körper löst. Seine Beine bewegen sich, um Theo nachzurennen, doch sein Geist bleibt stehen, er hält inne und setzt sich auf den heißen Boden der sandigen Straße.

„Das kann nicht sein“, sagt der Geist und hilft Tehmann beim Grübeln. Er weiß genau, wo er den Koffer entdeckt hat, heute Morgen. Er hat sich den Abschnitt der Straße genau eingeprägt – ein schmaler Graben neben dem Asphalt, mehrere Meter lang. Hier steht kniehohes Gras, gelbes dürres Gras, und es steht auch dort vorn. Neben dem Koffer.

Die Stelle von heute Morgen liegt viel weiter hinten, viel weiter entfernt.

Wie also …

Er muss näher gekommen sein.

Der Geist von Paul Tehmann trommelt mit den Fäusten auf den Asphalt, weil er es nicht glauben will. Er kann es einfach nicht.

Und Tehmanns Beine laufen und laufen und haben Theo beinahe eingeholt. Er ist gut in Form, und als er den Arm nach ihr ausstreckt, ist das der Moment, in dem sich Geist und Körper wieder vereinen. „Das Bild, Theo“, schnauft er. Der Koffer ist noch etwa 150 Meter von ihnen entfernt, liegt wie ein Tier in der flimmernden Hitze und wartet. Er wartet auf sie. Zwischendurch war er wohl etwas ungeduldig und ist irgendwie, auf eine gespenstische Art und Weise, nähergekommen.

„Das Bild von  dem Koffer, Theo“, ruft Tehmann. „Hast du eines?“

Sie schüttelt seine Hand weg, als wäre sie eine lästige Fliege. „Zisch ab, Tehmann.“

„Du hast doch sicher ein Bild!“, ruft er. „Eine Beschreibung, wie er aussieht. Komm schon, haben die nichts im Funk gesagt?“

Er spürt ihr Zögern, und er merkt, wie sie langsamer wird. Jetzt muss er die letzte Dosis setzen. Und er hat nur diese eine Chance. „Die Beschreibung des Koffers, Theo. Es ist nicht der, den die Ballas verloren haben. Es ist ein anderer. Sieh dir die Beschreibung an!“

Jetzt bleibt sie stehen, und er tut es auch. Sie atmen die heiße Luft ein, stoßweise, prustend. Und genauso stoßen sie sie wieder aus. Es ist noch immer nicht kühler geworden, obwohl der Abend naht.

„Theo“, sagt Tehmann und stützt die Arme auf die Knie. „Du wirst doch nicht deine wertvolle Zeit damit vergeuden, nach einem Koffer zu suchen, in dem sich nichts befindet außer Dinge … die einem Spinner wie mir am Herzen liegen.“

Sie beäugt ihn misstrauisch, und dann beugt auch sie sich etwas nach unten, um sich auf die Knie zu stützen. „Was?“, fragt sie schließlich, und das wird die einzig vernünftige Frage sein, die je ihre Lippen verlassen hat, dessen ist sich Tehmann sicher. „Was ist in dem scheiß Koffer drin?“

Er hebt den Kopf, und als sie seine Augen sieht, zuckt sie nicht zusammen wie Nika vorhin, doch es reicht aus, um dem Zweifel weiter zu nähren. Langsam richtet sie sich auf und zieht ein Handy aus der Tasche ihrer kurzen Jeans. Noch einmal wirft sie Tehmann einen abschätzenden Blick zu, dann widmet sie sich ihrem Telefon.

 

„Schnappverschluss“ liest sie laut. „Silbern. Handelsübliches Schloss. Schwarzes Glattleder.“ Dann sieht sie Tehmann an, und der muss kurz die Augen schließen. „Das ist er nicht“, sagt er schließlich und dreht den Kopf. Der Koffer ist …

… nahe. Näher als eben. Oder?

Oder spielt ihm die Hitze einen Streich?

„Dieser hier hat einen goldenen Verschluss. Und es ist Krokodilleder. Dicke, goldene Schnallen …“

„Das sehe ich mir an!“, ruft sie.

Tehmann seufzt. „Gut. Aber geh nicht so nah ran. Am besten, du machst nur einen Schritt. Am besten, du bewegst dich gar nicht.“ Er ist matt, und es wird im ein bisschen schwarz vor Augen, was nicht weiter verwunderlich ist, weil es dahinter ebenfalls schwarz ist. Wenn innen kein Platz mehr ist …

„Was zur …“, sagt Theo, und der Ton ihrer Stimme ist mit Fragen gefärbt, mit Dutzenden von Fragen. Und hinter diesen Fragen steht etwas, was sich sicher einen Platz ganz vorn erkämpfen wird. Es ist nur eine Frage der Zeit …

Angst.

Und Tehmann weiß, was es ist, bevor er es sieht. Der Koffer steht direkt vor ihnen.

 

 

Paul T. -Teil 4-

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Die Uhr schmerzt. Sie scheuert sich wund. Und seine Haut gleichermaßen. Es ist ein Erinnerungsschmerz. Verdrängung und Erinnerung; zwei Riesen, die ein Tau in den Händen halten und daran ziehen. Mal ist es mehr auf der einen, mal mehr auf der anderen Seite; denn die Riesen haben gleichviel Kraft. Und das, was zwischen ihnen entsteht, die Reibung in der Mitte, ist das Leben.

Tehmann ist ein wenig verwundert über jene philosophische Gedanken. Vielleicht sind sie immer so, wenn er an sie denkt.

Er senkt den Kopf und betrachtet die Uhr. Er trägt sie links, auf der Herzseite. Und das Band schnürte er extra eng, weil er wollte, dass es seinen Puls spürt. Er dachte, so konnte er ihr nahe sein. Und das war nichts als Ironie – pechschwarze Ironie würde sie es nennen – denn es war immer er gewesen, der sich von ihr entfernt hatte.

Die Staubwolke vor ihm auf der Straße hat sich gelegt. Zeit, sich wieder den Dingen der Wirklichkeit zu widmen.

Tehmann beginnt mit dem Laufschritt, er ist gut in Form, und doch bilden sich auf dem Hemd Flecken, in Schweiß getränkter Stoff, der die winzigen, beinah unsichtbaren schwarzen Karos schärfer zeichnet. Seine Brille rutscht stets ein kleines Stück nach unten, und er schiebt sie stets wieder nach oben.

Er beginnt zu schnaufen, dann wedelt er mit den Armen, um das Hemd zu lüften, danach ist die Brille dran. Ein gleichmäßiger Rhythmus ist das, ganz anders als der, dem er heute, am gleichen Tag, nur zu einer früheren Uhrzeit, gefolgt war.

Es dauert eine ganze Weile, doch dann hat er Theo und den Geländewagen so weit eingeholt hat, dass er erkennen kann, was sie dort treibt. Sie geht das Gelände ab, und mit ihr drei weitere Personen. Rasterfahndung, das macht sie. Vermutlich eine gute Idee, doch sonst nichts. Denn der Koffer ist nicht hier. Er hätte ihn gesehen.

Warum er sich in den Polizeifunk gehackt hat, ist ein anderer Grund als der, den Theo hat. Sie will das Geld. Vielleicht hat sie nicht einmal Interesse an der Kohle an sich, sie tut die Dinge einfach nur, weil sie gut darin ist. Und darin sind sie sich wieder zwillingshaft gleich.

Als er mitbekommen hat, dass die Balla-Bande einen Koffer verloren oder vergraben oder was auch immer haben muss, fragte er sich nach dem Warum. Und er hatte nur diese eine Antwort.

„Hey!“, schreit er nun, doch Theo und ihre Compagnons sind noch zu weit entfernt. Tehmann steckt sich zwei Finger in den Mund und pfeift, und das kommt an. Es kommt immer am Ziel an, auch wenn das über 2 Kilometer weit entfernt ist. Weil auch er gut darin ist, was er tut.

 

Die vier Personen dort vorn an der Straße halten inne, er sieht sie sich aufrichten wie Erdmännchen.

Und es dauert weitere 12 Minuten, bis er sie eingeholt hat.

 

„Er ist da“, sagt Chrissie, und der Ton in ihrer Stimme lässt Theo aufhorchen.

„Bis er hier ist, sagst du mir, worum es hier geht. Was sein Geheimnis ist.“ Sie starrt Theo an, und diese fährt sich mit der Zunge über die Zähne. Ihr ist klar, dass Chrissie nicht locker lassen wird. Sie hat genug in der Hand, um sie für eine lange, eine sehr lange Zeit hinter Gitter zu bringen, doch so dumm würde sie nicht sein. Doch sie will etwas wissen, sie will es unbedingt, und sie wird nicht eher loslassen. Wenn Theo etwas mehr auf den Sack geht als aufdringliche Typen im Knast so sind es Weiber, die nicht locker lassen, weil sie unbedingt etwas wissen müssen.

Also stemmt sie die Arme in die Hüften, kneift die Augen zusammen und starrt auf den Punkt in der Straße, der sich bewegt. „Keine Ahnung, wie ich das erklären soll, ohne dass du mich für gaga hältst.“

„Versuch es.“

Theo atmet einmal tief aus, dann sieht sie Chrissie an. „Ich sag dir mal, was er gemacht hat, um mich aus dem Knast zu holen. Das erklärt es vielleicht am ehesten.“

Chrissie wartet ein paar Sekunden, doch es kommt nichts. „Ja?“, fragt sie schließlich.

Wieder macht Theo einen tiefen Atemzug. „Es war … Er hat nichts gemacht. Okay?“

Chrissie runzelt die Stirn, und Theo zuckt mit den Schultern. „Er hat nichts gesagt, das meinte ich. Er hat einfach nur den Typ angestarrt, und dann hat der die Akte zerrissen und eine neue geschrieben. Und dann bin ich da raus marschiert, einfach so.“

„Hä? Ich check’s nicht.“

„Ich auch nicht! Aber es ist mir egal. Als wir raus sind, standen da noch ein paar Bullen, einige von denen, die mich zuhause so nett abgeholt haben. Und die sind so losgerannt, die wollten mich gleich wieder einbuchten, verstehst du? Und dann, auf einmal sind sie stehengeblieben, als wären sie vor eine Wand gerannt oder so. Dann war ich draußen.“

Chrissie betrachtet sie grübelnd. Dann schüttelt sie den Kopf. „Du meinst, sie haben Paul gekannt?“

„Nein, das meine ich nicht.“

„Was dann?“

Theo wirft die Arme zur Seite. „Was dann, was dann? Keine Ahnung! Er hat sie einfach angestarrt, okay? Und wenn die Bullen hier antanzen sollten, während wir den Koffer suchen, hätte ich sehr gern jemanden dabei, der sie einfach … wegzaubert. Okay?“

Chrissie schüttelt wieder den Kopf. „Du meinst, dass …“

„Hey!“

Sie drehen sich um. Tehmann steht vor ihnen.

 

Theo hält sich nicht lange daran auf, alle miteinander bekannt zu machen. „Paul, Freddie, Marie, Chrissie“, sagt sie und zeigt in die Runde.

„Hm“, macht Tehmann nur. „Gehen wir ein paar Schritte. Nur du und ich.“

 

Die Sonne wankt ein bisschen, so scheint es. Doch es ist nur die Hitze, die flimmert und alle Bilder flimmern lässt.

„Das hier ist unnötig. Du und deine Bande könnt abmaschieren.“, sagt Tehmann, als die beiden die Straße entlanggehen.

„Ach, ist das so?“, erwidert Theo.

„Allerdings.“

„Um mir das zu sagen, hast du aber eine Menge auf dich genommen. Ein bisschen zu viel Aufwand, wenn du mich fragst.“

Tehmann nickt leicht. Mit diesem Argument hat er rechnen müssen. „Dann ist es eben so“, sagt er. „Und trotzdem müsst ihr verschwinden.“

Theo bleibt stehen. „Ich bin ganz Ohr.“

Er sieht sie fragend an. Ihr amüsierter Ton macht ihm zu schaffen. Und dann wendet sie den Blick.

„Was soll das?“

Sie hebt langsam die Schultern. „Ich will dich nur nicht ansehen.“

„Das sehe ich. Und deswegen die Frage.“

Wieder das Schulterheben. „Ich will nicht, dass du die Nummer bei mir abziehst. Dass du mich manipulierst. Oder so. Du weißt schon, diese Spiralen in den Augen.“

Tehmann begreift, wovon sie redet. Er lässt kurz bden Blick über das Land schweifen. Heißer Sand, vertrocknete Weite. Ihm gefällt das irgendwie. „Mind Control“, sagt er schließlich. „Und keine Sorge, ich werde es nicht anwenden. Wenn uns hier jemand besuchen kommt, werde ich alle Energie brauchen. Das meinstest du doch mit Du brauchst mich, oder?“

Theo sieht ihn an, im Blick Faszination und Neugierde. „Ist das sowas wie Telepathie?“

Jetzt zuckt er mit den Schultern. „Wie du es nennst, ist völlig egal.“

„Aber … wie machst du das?“

„Das ist nur Training, nichts weiter. Und im Moment ist das wirklich nicht die Frage, die du dir stellen musst.“

„Sondern?“ Sofort ist sie wieder pampig. Herausfordernd.

„Sondern die, dass du hier umsonst nach dem Koffer suchst. Und die, dass ich vielleicht gar nichts tun werde, wenn die lieben Menschen von Gesetz und Ordnung hier auftauchen.“

„Dann bist du aber mit dran.“

Tehmann lächelt. „Aber im Gegensatz zu dir werde ich schnell wieder draußen sein, falls sie uns ein schönes Zimmer in der Betaniusstraße anbieten werden. Nicht wahr? Und es ist nicht so, dass wir eine Wahl haben werden. Wir werden einchecken müssen, ob wir nun wollen oder nicht, ist es nicht so?“ Er grinst süffisant, und sie kneift die Augen zusammen.

 

Theo schweigt. Sie ist wütend, verdammt wütend, aber sie weiß, dass er recht hat. „Was willst du dann hier?“, stößt sie schließlich aus.

„Ich will den Koffer.“

Sie starrt ihn an, und Tehmann hebt die Hände. „Nicht den, nach dem du auf der Suche bist, Theodora. Der Koffer, der hier ist, hier auf der Straße, das ist ein anderer.“

Sie blickt ihn an, dann macht sie ein abwertendes Geräusch. „Na klar.“

 

Hinter ihnen schlagen Autotüren zu, und sie drehen sich um. Chrissie sitzt am Steuer des Wagens, und Theo und Herr Tehmann müssen zur Seite treten, um die vorbeizulassen. „Wir fahren schon mal weiter“, ruft sie ihnen durch das Fenster zu.

Theo nickt.

Und dann, als sie hinter dem Jeep wieder gemeinsam auf der Straße stehen, sagt sie: „Erzähl keinen Scheiß, Paul. Dann such ich halt weiter. Und ich werde ihn finden.“

Tehmann seufzt, dann setzt er sich in Bewegung, genauso wie sie es tut. „Und das ist deine Crew? Mit denen da willst du einen Koffer voll Diamanten finden?“

„Ja.“

„Na ganz toll“, sagt Tehmann. „Dann wird es im Hotel in der Betaniusstraße heute Abend vier Idioten mehr geben.“

„Interessiert mich nicht, was du denkst“, erwidert Theo. „Und wir sind zu fünft. Nika sitzt im Kofferaum.“

Tehmann wirft ihr einen Blick zu. „Wer ist das?“

Schulterzucken. „Ein Mädchen.“

„Wie alt ist sie?“

„Siebzehn.“

Tehmann bleibt stehen. „Siebzehn? Du zerrst eine Minderjährige da mit rein?“

Theo bleibt ebenfalls stehen. „Sie ist sechzig, okay? Was interessiert dich der Scheiß?“

Er schüttelt mit dem Kopf, dann setzen sie sich wieder in Bewegung. Weiter vorn ist der Wagen zum Stehen gekommen, und drei Gestalten kommen raus und fallen über das ausgedörrte Feld her.

„Die hat sie nicht mehr alle, okay? Ich hab sie mal in der Nacht von einer Brücke aufgelesen und mitgenommen, seitdem folgt sie mir überall hin. Wie ein Hund. Was denkst du, wie oft ich sie schon versucht habe, loszukriegen!“

Tehmann schweigt, doch er schüttelt noch immer den Kopf.

„Entschuldige mich“, sagt Theo. „Ich werde mit suchen helfen. Vor dir scheint ja nichts zu kommen.“ Und dann erhöht sie das Tempo und schließt sich den drei anderen an.

 

Herr Tehmann betrachtet sie eine Weile, dann sieht er, wie sich der Kofferraum des Geländewagens öffnet und geht darauf zu.

Das Mädchen ist mit den Schnürsenkeln ihrer Chucks beschäftigt, sie bindet sie gewissenhaft und in einem bestimmten Muster. Danach steckt sie die Ende unter die Zunge. Es sieht aus, als wäre sie nicht zufrieden mit dem Ergebnis, denn sie öffnet die Schleife und fädelt die Senkel wieder aus, zieht sie ganz langsam aus den Ösen, als wäre sie eine Chirugin.

Tehmann steht vor ihr und sieht sich das eine Weile an. Den Wunden an ihren Händen nach zu urteilen, macht das Mädchen das öfters, vielleicht sogar ständig. Und die langen Ärmel ihres Sweaters deuten darauf hin, dass das nicht die einzigen Wunden sind, nach denen es auf der Suche ist.

„Nika?“

Sie hebt den Kopf. Große, fragende Augen. Tehmann runzelt die Stirn. Er findet eine Ähnlichkeit, weiß aber nicht, wo er sie einordnen soll.

„Wer will das wissen?“ Eine spröde Stimme.

„Ich“, antwortet er. „Paul. Paul Tehmann.“

Sie betrachtet ihn von oben bis unten, dann senkt sie den Kopf und widmet sich wieder ihren Schuhen.

„Rutschst du mal rüber?“, fragt er und tritt näher.

„Hast du ne Kippe?“, fragt sie zurück, ohne ihn anzusehen.

Tehmann überlegt, dann geht er um das Auto rum. In Verbrecherwägen findet sich doch immer was zu rauchen. Auf der Rückbank wird er fündig, und er geht mit den Marlboros zu Nika zurück.

„Hier.“

Sie greift nach der Zigarette, die er wie ein Zauberer aus der Schachtel geschnippt hat und lässt sich Feuer geben. Dann erst rutscht sie ein Stück zur Seite, und er nimmt neben ihr Platz. Es ist eng und stickig, doch unheimlich erholsam, endlich zu sitzen. Tehmann schließt kurz die Augen, und als er sie wieder öffnet, spürt er den Blick des Mädchens auf sich ruhen. „Du bist zu Fuß hergekommen?“, fragt sie, und die Frage bildet Querfalten auf der ihrer Stirn. Darüber nur Stoppeln, keine Haare.

„Ja.“

„Warum?“

„Gute Frage.“ Für einen Moment weiß er wirklich keine Antwort darauf.

Sie sieht ihn wieder fragend an. „Und ich dachte, ich bin hier der Freak.“

„Darüber sollte man sich nie allzu sicher sein“, sagt er nur matt, und Nika lächelt.

 

Herr Tehamms Augen weiten sich. Er hatte nur das ausgesprochen, was ihm auf der Zunge gelegen war, nur das, was er öfter dachte; doch Nika hatte er damit zum Lächeln gebracht. Und dieses Lächeln zaubert ein Grübchen in ihre rechte Wange, und er erkennt sie.

Die Erkanntnis trifft einen wie ein Schlag, so heißt es ja immer, doch es stimmt nicht. Die Erkenntnis friert einen ein, sie findet ein nettes Plätzchen direkt hinter den Augen, und breitet sich von dort aus aus wie ein mächtiger See. Kaltes, schneidendes Eis.

„Nika“, hört er sich sagen. Tonlos ist seine Stimme. „Du hast eine Schwester.“

Das Lächeln friert fest, so als hätte er sie angesteckt. Das Grübchen verschwindet, und ihr Blick wird starr. Und feindselig. Das Mädchen mit den kurzgeschorenen Haaren starrt ihn an, eine starrgewordene Säule aus Eis.

„Ich kenne sie“, fährt Tehmann fort, monoton. „Sie ist bei mir in Behandlung. Nika, ich weiß, es steht mir nicht zu, so etwas zu sagen, doch es tut mir unglaublich leid, was er euch angetan hat.“

Das Feuer in ihren Augen ist erloschen, nur noch funkelndes Eis. „Verschwinde“, sagt sie mit ebenso eisiger Stimme und führt die Zigarette zum Mund, um einen Zug zu nehmen; und an der Art, wie sie hält und wie sie sie betrachtet, sieht Tehmann, wo dieses Mädchen üblicherweise die Zigaretten ausdrückt, wenn sie sie geraucht hat.

„Nika …“

„Verschwinde!“, sagt sie mit der Stimme aus Eis. Laut, aber nicht so laut, dass die anderen aufmerksam werden.

Tehmann sieht sie an. Dieselben großen Augen. Und die Haare hat sie sich abrasiert, so als wolle sie sich verleugnen.

 

Er blickt wieder über das Feld. Einige Male schon hat er sich gefragt, ob es möglich ist, Menschen zu töten, ohne sie zu berühren. Vielleicht würde ihm das gelingen. Vielleicht wäre es so etwas wie Sinn in einer Welt, in der sich Mädchen ihre rotgoldenen Locken abrasieren und ihren Körper als Aschenbecher benutzen. Vielleicht wäre es das.

„Hau endlich ab“, sagt Nika neben ihm, und ihre Stimme ist schwach. Feuer und Eis sind erloschen.

Er sieht sie an. „Kann ich dir was erzählen?“

„Was?“, fährt sie ihn an. „Gibst du jetzt den Geschichtenonkel? Vergiss es? Und was machst du eigentlich hier? Warum sitzt du nicht auf deinem beschissen Stuhl und behandelst meine Schwester?“

Tehmann nickt ein bisschen. Er hofft, dass Lydia den Termin verlegt hat. Wenn er nicht gefeuert ist. Dann sieht er Nika an. „Sie dauert nicht lang. Eine Minute. Gibst du mir eine Minute, Nika?“

Sie atmet schwer, ihr Brustkorb hebt und senkt sich. Sie hat keine Kraft mehr, und Tehmann spürt, wie die Gewissheit, dass er losgehen und den ersten Menschen suchen wird, bei dem er es versuchen wird, ausbreitet. Vorausgesetzt, er wird das hier überleben.

Nika schweigt, und er öffnet den Mund und sagt: „Da kam dieses Mädchen zu einem, der es vielleicht ein wenig versteht zu helfen. Und sie redeten darüber, welche schlimmen Dinge Menschen tun. Sie redeten nicht darüber, warum sie es tun, denn sie sahen keinen  Sinn darin. Sie redeten darüber, wie schlimm die Wunden sind, die dabei entstehen und darüber, dass böse Menschen böse Dinge tun. Und dass sie das immer wieder tun. Immer und immer wieder.“

Nika schluckt. Vielleicht wird sie weinen.

Herr Tehmann fährt fort: „Und der Mann, der manchmal helfen kann, sagte zu dem Mädchen: Ich sehe, dass du nicht mehr reden kannst. Ich sehe, dass du nur noch weinen kannst. Lass uns etwas ausprobieren. Willst du das, etwas ausprobieren? Und das Mädchen hob den Kopf und sah ihn an. Und dann nickte es. Und der Mann sagte: Wir haben über all das Böse gesprochen. Und das Böse ist groß und mächtig und wird immer da sein. Wie wäre es, Mädchen, wenn wir all das Böse; all das, was Menschen tun und was sich antun, wenn wir das in einen Koffer stecken würden?