Drogen, Fluss und Ambiguitätstoleranz – Im Gespräch mit Jens-Michael Volckmann

Jens

 

 

Jens-Michael Volckmann

jmvolckmann.de

@JMVolckmann

 

 

 

 

Herzlich Willkommen, lieber Jens, an Bord der Sehnsuchtsfluchten!

Ich freue mich sehr, an Bord sein zu dürfen.

Deine Geschichte „Abuela“ beinhaltet Sehnsucht und Flucht auf eine ganz wunderbare Weise.

Oh Danke. Ich hatte fest damit gerechnet, dass als erstes wieder ein Drogenkommentar kommt.

Nö, das mit den Drogen haben wir hinter uns gelassen.

Super. Ich musste nämlich sehr lachen, als Michaela mir mitgeteilt hat, dass Nika ihr sagte, bei meiner Geschichte könnte es sich um einen üblen Drogentrip handeln.

Aber es  stimmt. Sehnsucht und Flucht stehen bei Abuela ziemlich im Mittelpunkt. Allerdings weiß das der namenlose Protagonist die ganze Zeit nicht. Und mir ging das beim Schreiben genauso.

Hahaha! Ich habe mal eine Geschichte geschrieben, von der ein Autor nach dem Testlesen sagte: „Was geht denn mit dir?“ Dabei wollte ich nur schreiben ohne zu … glätten. Verstehst du? Ich predige ja immer das mutige Schreiben. Würdest du sagen, deine Geschichte hast du auch mutig geschrieben?

Hm, beim Schreiben von „Abuela“ war es ganz eigenartig.  Ich gehöre ja zu diesen Autoren, die erst mit dem Schreiben beginnen können, wenn sie einen detaillierten Plan über den gesamten Plot haben. Bei „Abuela“ war es anders. Ich hatte vor zwei oder drei Jahren die Idee, eine Geschichte über Sinnsuche zu schreiben und wusste auch ungefähr, dass sie in einem Treppenhaus spielen soll, aber mehr wusste ich nicht. Ich denke, mein Unterbewusstsein hat die Geschichte so lange hin und her gewalzt, bis sie fertig war. Und als ich dann de Ruf der Sehnsuchtsfluchten gefolgt bin, ist sie einfach aus  meinen Fingern geflossen. Das ist total verrückt, denn ich dachte bisher immer, dass das ein übles Schreibklischee wäre.

Ha!, rufen jetzt alle Fluss-Schreiber.

Sehr wahrscheinlich.

Schreiben ohne Plot. Das Unterbewusstsein plottet sozusagen. Könntest du dir vorstellen, dass das Thema Emotionen der Anthologie damit zu tun haben könnte?

Das kann schon sein. Ich glaube, dass Thema und Format da ganz gut zusammengespielt haben. In Kurzgeschichten kann man ja deutlich experimenteller sein, ohne die Leser*innen dabei zu verlieren. Ich glaube, Kurzgeschichten eignen sich ganz besonders, um Situationen zu erschaffen, die die Leser*innen selbst mit ihren Emotionen füllen können oder die sie mit ihren Emotionen konfrontiert. Und nicht nur die Leser*innen, sondern auch uns Autor*innen.

Ich glaube, das Wichtigste war mir, dass ich nicht zeige „Schaut her, so und so fühlt sich der Protagonist“, sondern dass das jeder für sich selbst aushandeln kann. Vielleicht war auch genau das der Grund dafür, dass dieser Schreibfluss entstanden ist. Ich habe etwas gefühlt, ein Gefühl seit Jahren mit mir herumgetragen, und anstelle das Gefühl zu beschreiben, hat mein Unterbewusstsein so lange herumgedoktert, bis ich ein Setting beschreiben konnte, in das dieses Gefühl passt.

Dann hast du also auch nie auf diese Art und Weise geschrieben … Hast du vor es wieder zu tun? Denkst du, du könntest es … herauslocken? Oder ist es eher so, dass du lieber beim geplanten Schreiben bleiben willst?

Die Trennlinie zwischen Plotten und aus dem Bauch heraus Schreiben wird viel zu eng gezogen. Ich habe vorhin ja selbst gesagt, dass ich ohne Plan nicht schreiben kann. Aber wenn ich über meine Art des Schreibens nachdenke, dann bin ich mir sehr sicher, dass ich zwar Romane und Novellen nicht aus dem Bauch heraus schreibe, den Plot, oder die Outline, die Szenentabelle, oder wie man das Hilfsmittel auch immer nennen mag, aber genau auf diese Weise entsteht. Ich bin kein entdeckender Schreiber, sondern vielleicht so etwas wie ein entdeckender Outliner. Vielleicht habe ich Angst, dass wenn ich auf den Zwischenschritt des Planens und Plottens verzichte, das Ergebnis dann so aussieht wie mein Schreibtisch. Also mit anderen Worten: Ich denke bei Kurzgeschichten kann ich so vorgehen wie bei „Abuela“, bei längeren Arbeiten werde ich aber darauf verzichten – die Magie dieser Heureka-Schreibmomente geht dabei aber nicht verloren, sondern sitzt nur an anderer Stelle im Schreib- und Planprozess.

Sehr gute Antwort!

Danke.

Glaubst du, Kurzgeschichten oder eben kürzere Texte verzeihen das Subtile eher als Romane? Denn von dem Subtilen sprechen wir ja, wenn wir dem Leser nichts vorgeben außer ein paar Zutaten, aus denen er sich sein Mahl selbst kocht? Wobei verzeihen nicht der richtige Ausdruck ist. Ich überlege mal noch. Du darfst schon antworten 😉

Ja, auf jeden Fall. Wobei Romane definitiv auch subtil sein müssen. Ich finde in allen Literaturgattungen und Formaten kaum etwas schlimmer als Botschaften, die den Leser*innen mit dem Holzhammer um die Ohren gehauen werden. Aber Kurzgeschichten bieten dafür den besten Nährboden. Als Leser*innen bringen wir viel mehr von unserer eigenen Persönlichkeit mit. Als Autor*in versucht man ja gar nicht erst komplexe Charakterentwicklungen zu skizzieren, sondern zählt darauf, dass sich die Leser*innen auf die Kürze des Textes einlassen. Subtilität und Vieldeutigkeit sind der Atem von Kurzgeschichten. Ich habe vor anderthalb Jahren einen Begriff kennengelernt, der mich seitdem verfolgt. Ich denke, der passt perfekt zu dem, was Kurzgeschichten ausmachen und was man von Leser*innen von Kurzgeschichten erwarten muss: Ambiguitätstoleranz. Das ist die Fähigkeit, Uneindeutigkeiten ertragen zu können. Und genau das macht für mich eine gute Kurzgeschichte aus. Sie gibt dir in schneller Abfolge eine Backpfeife, einen Kuss auf den Mund und einen Zwick in den Po und ehe du weißt, was gerade passiert ist, hat sich die Kurzgeschichte wie ein Ninja in einer schwarzen Rauchwolke verpufft und lässt dich damit alleine.

Ich bin absolut deiner Meinung, besonders was Hammer und das Alleinlassen betrifft. Leser, die wir uns damit wünschen, scheint es nicht so viele zu geben. Die Kurzgeschichten sind ein bisschen das Stiefkind der Literatur. Denkst du, es kann auch einfach zu anstrengend sein, seine „Dinge“ mitzubringen und sich damit auseinanderzusetzen? Durch das Verpuffen, von dem du sprichst, ist man ja quasi dazu gezwungen.

Kürzere Texte sind bestimmt eine Herausforderung und wer diese Formate nicht kennt oder nicht weiß, was auf ihn oder sie zukommt, kann vielleicht abgeschreckt werden. Ich habe manchmal den Eindruck, dass je kürzer ein Text ist, desto stärker die Wirkung sein kann. Wenn ich da beispielsweise an japanische Haikus denke, die fast Zen-artig eine Stimmung einfangen und so geschrieben sein sollen, dass die Leser*innen das Gedicht durch ihre eigene Erfahrung oder Interpretation vervollständigen müssen. Kürzer geht und intensiver geht es ja kaum – aber man wird es damit wohl nicht auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffen.

Bedeutet das, dass es schwieriger ist, einen kurzen Text zu schreiben? Kennst du Dirk Kubjuweit? Er schreibt Essays, meist politisch, aber das merkt man nicht, weil er … weil er einfach drauf hat. Ich fürchtete mich immer, seine Bücher zu lesen. Als ich es dann doch tat, war ich enttäuscht. Diese … Essenz war dahin.

Das mit Kubjuweit war impulsiver Anhang 😉

Dirk Kubjuweit kenne ich leider nicht. Aber in deinem impulsiven Anhang hast du ein ziemlich gutes Wort verwendet: Essenz.

Wenn man an die Küche, das Chemielabor oder alte Alchemisten denkt, dann werden Essenzen hergestellt, in dem etwas so lange gekocht oder bearbeitet wird, bis nur noch das Wesentliche übrig bleibt. Das ist super für kurze Texte geeignet – bei Romanen lauert die Gefahr (um im Küchenjargon zu bleiben), dass das Wesentliche immer noch zu stark verwässert ist oder durch die Stil- und Strukturelemente längerer Formate wieder verwässert wird.

Aber ich glaube nicht, dass das Eine schwieriger zu schreiben ist als das Andere. Es müssen andere Schwerpunkte gesetzt werden. Vielleicht hätte dir das Buch von Kubjuweit super gefallen, wenn du nie seine Essays gelesen hättest?

He! Warum sagst du das? Jetzt muss ich darüber nachdenken.

Und ich muss Dirk Kubjuweit googeln.

Kommen wir nochmal zu „Abuela“. Ich finde Pedro unglaublich süß. „Ich guck auch nicht.“

Ich finde es unheimlich interessant, welche Haken Du schlägst beim Erzählen. Gerade zum Ende hast du weise Wort zur Sinnsuche, unglaublich schön verschlungene Sätze. Aber so in der Mitte, da, wo der Leser selbst die Treppe hochgehen muss, schlägst du ganz schöne Knüppel. Ich hätte vielleicht gezweifelt, dass das funktioniert.

Ehrlich? Das ist mir gar nicht so aufgefallen. Die Idee war ein bisschen, den Treppenaufstieg an das Leben anzulehnen. Aber jetzt wo du das sagst, stimmt das schon. Das Leben schlägt ja auch manchmal ganz schöne Haken … und Knüppel.

Das mit der Treppe empfand ich auch so. Und als offenes Dachgeschoss, welches ins … wo auch immer hinführt, dient die Taube. Quasi der Fahrstuhl ins Oben. Ich mag solche Geschichten. Gerade die, die dir nichts aufzwingen.

Der kleine Pedro ist in diesen Momenten dann die kindliche Naivität und Neugierde, die zu bewahren manchmal viel ratsamer ist, als das ewige erwachsene Analysieren und Durchdenken.

Pss, du darfst doch nichts verraten.

Oh, Entschuldigung … dann vielleicht eine andere Sache zu Pedro.

Pedro geht auf die Inspiration durch einen Schreibratgeber zurück, den ich an jeder Stelle immer empfehlen – also auch hier. In seinem unfassbar skurril illustrierten „Wonderbook“ beschreibt Jeff VanderMeer die Heldenreise am Beispiel eines mexikanischen Wrestlers. Das war wahrscheinlich die Geburtsstunde von Pedro. Das Buch kann ich wirklich jedem ans Herz legen.

Ah, vielen Dank!

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Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Erst einmal eins vorweg: Die Idee zu dieser Anthologie, sowohl was das Thema angeht, als auch die Intention noch nicht oder erst in geringem Ausmaß veröffentlichten Autor*innen eine Bühne zu bieten – und dazu auch noch eine so professionell daherkommende Bühne! – ist wirklich großartig. Da gebührt euch, Julia, Karena und auch Michaela als Lektorin, ein riesiges Dankeschön.

Und zum Prozess selbst: Ich finde den regen Austausch mit den anderen Autor*innen während des Schreibens super. Aber für mich hat sich der Nebel noch gar nicht gelichtet. Ich weiß noch gar nicht, was das Ergebnis dieses Prozesses ist. Das werde ich wohl erst wissen, wenn ich das Buch in meinen Händen halten und lesen kann, welche emotionalen Facetten von unseren Kolleg*innen abgedeckt worden sind.

Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass das Experiment geglückt ist und bin super, super glücklich, dass ich ein Teil davon sein darf.

Lieber Jens, ich danke dir für dieses ganz berauschende Interview!

Ich danke dir, liebe Julia. Du warst eine tolle Fragenstellerin.

Kindliche Ängste und Ich-Stachel – Im Gespräch mit Wiebke Tillenburg

Wiebke

 

 

Wiebke Tillenburg

wiebke-tillenburg.de

@feder_tier

 

 

 

 

 

Herzlich Willkommen, liebe Wiebke! Wir freuen uns, dass Du bei den Sehnsuchtsfluchten dabei bist.

Vielen Dank. Ich freue mich auch unglaublich, da ich sehr viel lernen konnte und die Zusammenarbeit mit so vielen Autoren unheimlich inspirierend und motivierend empfand. Und das, wo ich noch nicht mal alle Geschichten gelesen habe.

Beabsichtigte Emotionen ist gleich ein super Einstieg: Es war ein Anliegen von Dir, mit der Geschichte „Mein stummer Begleiter“ bestimmte Emotionen zu wecken?

Ja, das war es. Schon durch die Themenvorgabe „starke Emotionen“ wollte ich nicht nur eine Geschichte über Emotionen erzählen, sondern den Leser diese Emotionen erleben lassen. Im Fall von „Mein stummer Begleiter“ ist dieses Anliegen ein wenig über mich hinaus gewachsen. Ich habe zunächst nur mit der kindlichen Angst gespielt und das was am Ende daraus entstanden ist, hat mich selbst überrascht. Als ich die ersten Reaktionen zu der Geschichte bekam, habe ich mich unglaublich gefreut und war auch ein bisschen stolz auf mich, da sogar unsere „Wortdompteuse“ beim Lektorieren kalte Füße bekam.

Ich finde, der Stolz darf über das Bisschen hinauswachsen! Emotionen zu wecken ist gar nicht leicht!

Vielen Dank. Ich neige in solchen Fällen zu Zurückhaltung.

Damit müssen wir aufhören!

Die kindliche Angst. Wie hast Du sie gefunden? Oder wie hast Du nach ihr in Dir selbst gesucht? Und hast Du das überhaupt?

Ich würde behaupten, dass mein inneres Kind noch sehr lebendig ist und es mir leicht fällt, mich in Kinder und ihre Ängste und Sorgen hinein zu versetzen. Ich höre Kindern und Jugendlichen gerne zu und versuche ihre Sichtweise auf verschiedene Dinge nachzuvollziehen, was mir oft gelingt. Ich habe das im Bereich der Jugendarbeit gemerkt und dieses Gespür auf meine Texte übertragen. Darüber hinaus neige ich selbst zu eher kindlichen Ängsten. Also Spinnen, Aufzüge, Rolltreppen, Puppen mit Klapperaugen und eben die Angst vor der Dunkelheit und dem was unsere Phantasie daraus macht. Mich fasziniert die Angst. Ganz besonders die Angst aus und vor dem Nichts, für die Kinder oft besonders anfällig sind, und so schleicht sie sich immer wieder in meine Texte.

Ich liebe diese Antwort!

Danke.

Dann ist es auch ein Leichtes für Dich, empathisch zu sein, nehme ich an.

Tatsächlich glaube ich, dass das meine größte Stärke ist. Ich kann Menschen häufig sehr gut einschätzen und habe schnell ein Bild vor Augen, das sich oft bestätigt. Mir fällt es dann auch leicht auf meinen Gegenüber einzugehen, daher ist es selten, dass ich mit einer Person gar nicht auskomme.

Die Angst im Kind. Denkst Du, dass es gewisse Ängste gibt, die wir ins Erwachsenenalter mitnehmen sollten?

Auf jeden Fall! Wir können von Kindern unheimlich viel lernen und das eben auch über Ängste. Bei Kindern handelt es sich ganz oft um existentielle Ängste. Die sich oft auf Verlustängste zurück führen lassen, die wir als Erwachsene manchmal verdrängen. (Zumindest ist das mein Eindruck.) Außerdem denken Kinder sehr viel nach. Über alles und immer. Daraus wachsen Ängste, die Erwachsene oft gar nicht nachvollziehen können. Beobachten und Nachdenken ist es, was wir von Kindern lernen sollten und auf diese Weise eben auch eine Menge über Ängste.

Nochmal zu der Empathie: Denkst Du, dass es ebenso … nennen wir es Risiken, bergen kann, mit einer hohen Bereitschaft an Verständnis an jeden Menschen heranzutreten?

Allerdings. Das habe ich auch schon erlebt. Man neigt dazu, sehr häufig Erklärungen, bzw. Ausreden für jemanden zu finden, der es vielleicht gar nicht verdient hat. Und es gibt manchmal auch Worte, Verhaltensweisen oder Handlungen, die mit keinem Perspektivwechsel zu erklären sind und eben einfach falsch. Und selbst wenn es unzählige solcher Beispiele gibt, fällt es dann immer noch schwer eine Person zu verurteilen und sich zu distanzieren. Letztlich verletzt man sich mit dieser Empathiebereitschaft dann nur selbst.

Reden wir über Ein Tag wie jeder andere. In dieser Geschichte steckt unheimlich viel Aktualität, ebenso Themen, die immer eine Rolle spielen werden. Und auch hier haben wir wieder die kindlichen Ängste.

Das ist wahr. Es ist eine sehr persönliche Geschichte, die mir auf Grund ihrer immer währenden Aktualität auch sehr am Herzen liegt.

Interessant finde ich Deine Erzählweise, wir haben hier ein Dreiergespann: Den Protagonisten, die Erzählstimme und den Leser selbst. Du hast Dich gegen die Ich-Perspektive entschieden. Aus einem bestimmten Grund?

Ich habe so meine Probleme mit der Ich-Perspektive. Oder eher gesagt mit dem Wort „Ich“. Für mich klingt es wie ein kleiner giftiger Stachel, der sich ins Ohr setzt und uns alle ein wenig vergiftet. Im Falle von „Ein Tag wie jeder andere“ brauchte ich darüber hinaus auch einfach etwas Distanz zum Text, Thema und zu den Personen. Außerdem denke ich, dass bei diesem Thema oder sogar bei beiden meiner Geschichten, jeder Leser seine eigene Perspektive mitbringt, der ich natürlich auch Raum geben möchte.

Wahnsinnig interessant! Besonders, dass Du die Distanz ansprichst! Ich persönlich fand es umso schlimmer, da ich gezwungen war, mich selbst mit reinzuspielen. Dieser „Trick“ fasziniert mich. Und Du hattest ursprünglich das Bedürfnis, Dich selbst zu distanzieren vom Geschehen, bringst dadurch den Leser vermutlich noch näher. Bemerkenswert.

Ein Ich-Stachel?

Erstmal Danke, das klingt total großartig. Aber manchmal „passieren“ mir solche Sachen beim Schreiben einfach. Umso schöner, dass es so gut ankommt.

Das „Passieren“ liebe ich immer am meisten.

Der Ich-Stachel bezieht sich auf diverse Formen von Egozentrik und Egoismus, der mir immer wieder begegnet. Und obwohl ich Einzelkind bin, habe ich Probleme mit dem Wort „Ich“.

Zum Passieren: manchmal darf man als Autor nicht zu viel nachdenken. Denke ich.

Hm. Da muss ich erstmal ein paar Wochen drüber nachdenken. Über den Stachel.

Das ist auch ein schwieriges Thema mit vielen Gratwanderungen. Bis zu einem bestimmten Maß ist Ich-Bewusstsein sehr wichtig.

Mit dem Verkopfen gebe ich Dir recht. Hundertprozentig! In Geschichten und wie man sie erzählt, darf und sollte man etwas wild sein dürfen. Damit sind wir beim mutigen Schreiben.

Zu dem schwierigen Thema können wir nochmal zurückkommen. Das ist sehr spannend.

Das ist ja auch nur meine persönliche und sehr individuelle Wahrnehmung.

Die Deine Art, Geschichten zu erzählen und damit Deine Kunst maßgeblich formt.

Das gilt für jeden Schreibenden. Man muss nur seinen Weg dorthin finden. Es hat lange gedauert, bis ich einen Zugang zu meinen Texten gefunden habe. Ich erkenne jetzt schon eine große Veränderung, die zwischen meinen ersten und meinen aktuellen Texten stattgefunden hat.

Ja! Diesen Weg zu finden, erfordert es Mut?

Sehr viel. Oder zumindest es umzusetzen. Ich bin mutiger geworden in Bezug auf meine Sprache. Also weniger Sprachspielereien und mehr Inhalt. Und ich experimentiere mehr. „Mein stummer Begleiter“ ist da ein gutes Beispiel. Ich hätte mich früher niemals getraut, eine Geschichte mit relativ wenig Handlung zu schreiben, um das Innenleben eines Menschen zeigen. Noch vor einem Jahr wäre mir das zu komplex gewesen.

Weniger Handlung, mehr Mensch. Darum geht es ja auch, wenn man Emotionen auf der Spur ist.

Wir haben jetzt über die Empathie der Autorin Wiebke gesprochen. Wie sieht es mit der Leserin Wiebke aus? Wie wichtig ist es Dir, Emotionen in Texten aufzuspüren? Wie erreichen sie Dich?

Ich denke, Emotionen sollten der Kern eines jeden Textes sein. Sie sind Grundlage für Handlungen, Entscheidungen, Konflikte, Gespräche und alles, was sonst eine gute Geschichte ausmacht. Ich denke, eine Geschichte, die keine Emotionen auslöst, kann nur schwer Leser gewinnen. Diese Emotionen müssen nicht mal explizit sein oder Kern der Geschichte, aber sie müssen den Leser erreichen. Und bei mir gelingt das am besten über die Identifikation mit einer Figur oder über das Thema, das mich in besonderer Weise berührt.

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Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest Du diesen Prozess?

Für mich war es ein großer Gewinn. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mich anderen Autoren auszutauschen über gemeinsame Probleme und Sorgen und ebenso unterschiedliche Herangehensweisen. Mir ist auch aufgefallen, dass wir alle sehr unterschiedlich sind. Wir vertreten eine große Altersspanne und verschiedene Persönlichkeiten, das hat die Arbeit unheimlich inspirierend gestaltet. Darüber hinaus konnte ich sehr viel lernen. Vor allem von unserem interaktiven Lektorat, aber auch über mein eigenes Schreiben und meine Ziele als Autorin. Schön war auch, dass wir als Autoren an nahezu allen Prozessen beteiligt waren und viel Mitspracherecht hatten. Es führt dazu, dass alle sich sehr gut mit der Anthologie identifizieren können und sich wohl fühlen, darin veröffentlicht zu werden. Und das ist nicht selbstverständlich.

Liebe Wiebke, ich danke Dir von Herzen für dieses tiefgehende Interview!

Ich danke ebenfalls für die großartigen Fragen, die mir die Möglichkeit geben, einen Einblick in meinen Kopf zu bieten.

 

Verdrängung, Schutz und Wahrheit – Im Gespräch mit Kayseeatwe.

Anna

 

 

Anna-Katharina Banike

kayseeatwe.wordpress.com

@kayseeatwe

 

 

 

 

 

 

 

Liebe Anna! Deine Geschichte spielt in einem Spiegelkabinett …

Ich hasse Spiegelkabinette. Einmal drin gewesen, nie wieder.

Oh, so schlimm?

Nein. Also doch. Ein Spiegel zeigt prinzipiell deine Reflexion. Aber eben nicht immer die Wahrheit. Da werden Tricks angewandt mit Beleuchtung, Krümmung und Form, dass es die Wahrnehmung verzerrt. Das mag ich nicht. Ich mag es, die Kontrolle zu haben und zu wissen, worauf ich mich einlasse. Das habe ich in einem Spiegelkabinett nicht. Es gibt einen vorgefertigten Weg und im Zweifelsfall muss ich mich mit mir selbst in der tausendfachen Ausführung beschäftigen und schlimmstenfalls auch noch mit Reflexionen von anderen Mutigen in dem Raum.

In gewisser Weise haben wir in deiner Geschichte genau diese … Furcht ganz klar vor Augen geführt. Der Protagonist schaut in den Spiegel, und was er da sieht, nennt er nicht Ich sondern Er.

Ja, weil der Spiegel ihm eine Wahrheit zeigt, die er selbst verdrängt hat.

Du hast dies als Thema gewählt – denkst du, dass die Menschen sich vor dem vorgehaltenen Spiegel fürchten?

Ja, ich glaube, viele Menschen kommen mit der Wahrheit nicht zurecht. Und viele nehmen sich nur noch einen Bruchteil von der eigentlichen weg und arbeiten mit ihr, blenden quasi die anderen Bestandteile der Wahrheit aus. Vielleicht sind wir nicht konzipiert, alles um uns herum wahrzunehmen, aber etwas mehr Aufmerksamkeit auch untereinander wäre im Allgemeinen auch für die Gesellschaft förderlicher. Sagt man den Menschen dann genau dies – man solle reflektieren – stößt man auf Abneigung. Wir sind alle nicht perfekt, aber wir sollten zumindest uns selbst reflektieren.

Selbstreflektion und Verdrängung. Zwei große Begriffe, die auch in der Anthologie wichtige Rollen spielen. Herzlich willkommen, liebe Anna, an Bord der Sehnsuchtsfluchten!

Danke, darüber freue ich mich auch sehr. Es war eine großartige Zusammenarbeit mit sehr viel konstruktiver Kritik und auch Aufbauarbeit, wenn man verzweifelt war. Ich für meinen Teil hätte vor allem während des Überarbeitungsprozesses die Geschichte gerne gegen die Wand geschmissen. Aber welcher Autor kennt das nicht?

Kommen wir noch mal zum Spiegel. Du sprichst von gern und bewusst nicht wahrgenommener Wahrheit. Welche Wahrheit meinst du damit?

Ich glaube, dahinter steckt Selbstschutz. Wir versuchen uns das Leben so zu gestalten, wie wir es ertragen können. Das ist nicht verwerflich, wenn man unangenehme Dinge an den Rand drängt, aber gefährlich, wenn sie einen dann doch einholen und man nicht gewappnet ist. Die gern gesehene Wahrheit ist wohl die, mit der wir umgehen können. Sind wir ehrlich, wenn man jemanden kennenlernt, wer ist dann sofort offen und gibt alles von sich preis? Wir zeigen das, was gesehen werden will. Das entspricht einem Ideal und der Wahrheit, die wir gerne zeigen. Die bewusst nicht wahrgenommene Wahrheit wäre in diesem Fall dann das, was sich uns entzieht oder unser Weltbild ins Straucheln bringt. Es würde uns Arbeit machen damit umzugehen, also verdrängen wir.

Was denkst du, muss der Leser mitbringen, um in dein Labyrinth Einblick zu bekommen? Was würdest du dir von ihm wünschen?

Er sollte offen sein für Neues und ein gutes Urteilsvermögen besitzen. Vielleicht sollte er seine Gedanken auch mal losmachen von allen Normen, die er kennt. Vielleicht lernt er sich selbst dadurch etwas mehr kennen? Ich habe mich während des Schreibens auch selbst besser kennengelernt. Zum Guten wie zum Schlechten.

Kannst du ein Beispiel geben?

Die Kurzgeschichte ist in der Grundform relativ alt und wurde als Gedankenexperiment angefertigt. Ich wollte wissen, wie tief ich selbst sinken kann. Ob ich tun könnte, was der Protagonist tut. Lange konnte ich es nicht, was wohl eher daran liegt, dass das, was ich schreibe, und von was ich selbst überzeugt bin, zwei paar Schuhe sind. Es geht in Geschichten nicht immer nur um das Offensichtliche. (Ich weiß, das wollten wir im Deutschunterricht nie wahrhaben, wenn es um das Interpretieren ging), sondern um das, was zwischen den Zeilen gesagt wird. Was uns mitgeteilt werden will. Ich habe für mich eine Grenze festgestellt. Ich besitze die Lust, jemandem Schaden zuzufügen, nicht. Egal auf welcher Ebene.

Ein sehr großes, tiefes und mutiges Experiment. Glaubst du, dass andere Autoren ebenfalls sich selbst und ihre Grenzen in den Geschichten suchen, die sie schreiben?

Nicht immer, aber ich glaube, viele versuchen Grenzen auszutesten. Autoren setzen doch dauernd Regeln außer Kraft, sobald sie ihre Fantasie einbringen. Wie sonst wären wir an so viele Genres gekommen? Irgendwelche Regeln werden immer gebrochen.

Viele großartige Geschichten gäbe es nicht ohne den Mut der Autoren, auch moralische und ethische Regeln zu brechen. Wir sind ja nicht nur da um zu unterhalten, wir haben auch einen Auftrag. Menschen lesen, sie denken unweigerlich darüber nach und wenn sie nur einen Funken davon behalten, ist es in ihrem Kopf und dort bleibt es. Eine Idee stirbt, wenn man sie nicht teilt. Und sie wird unsterblich, je mehr Menschen sie teilen.

Eine Idee stirbt, wenn man sie nicht teilt. Fabelhaft! Wie sieht es mit der lesenden Anna aus? Welche Ansprüche stellst du, wenn du liest?

Wenn ich lese, kommt es auf meinen Gemütszustand an. Ich kann nicht immer anspruchsvolle Literatur lesen. Ich greife gerne mal zu den Dingen, die nicht alle meine grauen Zellen fordern. Aber eigentlich steh ich auf Literatur, die zum Nachdenken anregt, die mir was beibringt und Emotionen hervorruft. Ich lasse mich gern auf Experimente ein. Ich bin sehr schnell empathisch, auch für die Antagonisten. Und ich bin ein Angsthase.

… und Emotionen hervorruft … Was muss ein Text haben, um Emotionen bei dir zu wecken?

Ich glaube, um mich ködern zu können, muss er nur existieren. Wie gesagt, ich bin ein emotionaler Mensch, der dazu steht, in allen Situationen Gefühle zu haben. Was bringt es mir, sie zu unterdrücken, wenn mich vor allem das Bauchgefühl leitet. (Und das bisher ganz gut.) Ist ein Text schlecht, rege ich mich natürlich auf. Ist er gut, rege ich mich mit dem Protagonisten auf. Lachen, weinen, fluchen. Kann ich alles, wenn ich lese. Genauso wie die Umwelt oder die Zeit vergessen. (Ganz gefährlich, wenn es dann schon 2-3 Uhr in der Nacht ist und der Tag um 6 Uhr beginnt.)

Guter Punkt! Dass man immer Emotionen findet, selbst wenn der Text schlecht ist. Da habe ich noch gar nicht dran gedacht! Denkst du, dass es bestimmte Kniffe gibt beim Schreiben, um Emotionen beim Leser rauszukitzeln?

Emotionen äußern sich in körperlichen Reaktionen. Wenn man diese glaubhaft beschreibt, wird der Leser sie zumindest verstehen. Ansonsten kommt es natürlich auf den Leser an, ob der empathisch ist oder die Situation schon einmal erlebt hat.

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Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Es war für mich auf jeden Fall neu und aufregend. Ich bin gespannt, wie sich alles entwickelt.

Liebe Anna, vielen Dank für deine Offenheit und die sehr interessanten Ansätze!

Danke, hat mir Spaß gemacht!

Sehnsucht, Fernweh und Kontraste – Im Gespräch mit Vanessa Glau.

Die Veröffentlichung der Anthologie rückt immer näher! Wir sind alle sehr aufgeregt und irgendwie in panischer Freude versunken. Hier spreche ich mit Vanessa Glau über ihre Kurzgeschichte und das Schreiben.

 

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Vanessa Glau

Das Papierstudio

@VanessaGlau

 

 

 

 

 

 

Herzlich Willkommen in den Sehnsuchtsfluchten, liebe Vanessa!

Dankeschön! Ich freue mich sehr, dass ich dabei bin.

Das Thema der Anthologie ist ein großes: Emotionen. In deiner Geschichte „Gespräche mit Bergen“ findet sich einiges, das Emotionen auslöst. Hast du die Geschichte extra für die Sammlung geschrieben?

Ja, habe ich. Wenn ich mich richtig erinnere, bin ich zu einer Zeit auf Nikas Aufruf gestoßen, als es langsam wieder warm wurde und ich ziemlich heftiges Fernweh bekam. Das hat sich möglicherweise in der Geschichte niedergeschlagen.

Fernweh. Eine Sehnsucht, die viele Regungen in Menschen weckt. Du schickst deinen Protagonisten auf eine Reise in die Wildnis. Inwieweit suchst du in ihm dich selbst? Und in deinen Protagonisten allgemein?

Auf jeden Fall teile ich seine Sehnsucht nach den Bergen, dem Alleinsein. Hier in Österreich gibt es wunderbare Berge, aber Wanderwege sind auch gut besucht. Ich hoffe, dass ich mal ein paar ruhige Tage allein mit mir und der Natur verbringen kann. Natürlich gebe ich jedem meiner Protagonisten etwas von mir mit, um ihn gut schreiben zu können, aber ich versuche auch, mich nie auf denselben Aspekt zu konzentrieren. Das ist ein schöner Effekt beim Schreiben, dass man sich selbst sozusagen von verschiedenen Seiten betrachten kann.

Auf denselben Aspekt. Du meinst, den Fokus zu sehr auf einer bestimmten Charaktereigenschaft zu haben?

Ja, zum Teil. Aber ich achte auch darauf, dass meine Protagonisten sich untereinander nicht zu sehr ähneln. Klar, ich kann nur aus mir selbst heraus schreiben. Aber wenn ich nicht variiere, könnt ich genauso gut immer dieselbe Geschichte wiederholen und würde schreibtechnisch nie vom Fleck kommen.

Du sprachst die Einsamkeit an. Dein Protagonist sucht sie. Er scheint verschwinden zu wollen, er ist auf der Suche nach dem Nichtsein. Ist es beabsichtigt, dass im Gegenzug seine Freunde für die gesellschaftlichen Pflichten stehen, die an ihm zerren?

Ja. Ursprünglich waren diese Szenen nicht geplant, aber beim Schreiben habe ich schnell gemerkt, dass ich einen Kontrast zu seiner Zeit auf dem Berg brauche. Es sind nicht einmal gesellschaftliche Pflichten, sondern wohltätige und Protestaktivitäten, zu denen seine Freunde ihn überreden wollen. Sie meinen, wenn er nichts Besseres zu tun hat, kann er ebenso gut dabei helfen, die Welt zu verbessern. Dabei kann es genauso wertvoll, wenn nicht sogar wertvoller sein, zunächst an sich selbst zu arbeiten.

Der Kontrast war nötig? Magst du das erläutern?

Wenn ich diese Szenen nicht hinzugefügt hätte, wäre weniger klar gewesen, warum er unbedingt auf den Berg steigen wollte. Außerdem konnte ich seinen Hintergrund ein wenig beleuchten, etwa dass seine Freunde ihn als leidenschaftlichen Bergsteiger kennen oder dass er nicht sehr sozial ist – vielleicht auch kein Interesse daran hat, sich vor anderen zu erklären. Ohne diese Szenen wäre die Geschichte weniger interessant geworden, denke ich.

Du wählst als Rückzugsort, als Entschleuniger, den Berg. Überhaupt liest man bei Dir sehr liebevolle Worte zu Wiese, Grün und Blatt. Wie wichtig ist Dir die Natur in Deinen Erzählungen?

Es ist witzig, in letzter Zeit schleicht sie sich fast von selbst in so gut wie jede Geschichte hinein. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und in letzter Zeit ist mir noch stärker aufgefallen, wie sehr ich die Wiesen und Felder liebe, die ich so gut kenne. Auch die Berge, die ich im Sommer oft besuche. Vielleicht dient das Schreiben über die Natur auch als kleiner Ausgleich, da ich im Alltag gezwungenermaßen sehr viel vor dem Computer sitze.

Ich nehme sozusagen vorweg, was ich an freien Tagen bei schönem Wetter unternehmen möchte.

Oh, da klingt ordentlich Sehnsucht raus.

Dennoch haben wir auch Bedrohliches in der Geschichte: Die Klettertour, der Sturm, der Hunger.

Ja, da sind auch kleine Schnipsel aus meiner Erfahrung drin. Etwa wenn man beim Wandern einen Bach überquert und abwägen muss, ob man den Sprung schafft oder nicht. Fußstellung, Winkel, Kraft hinter dem Absprung. Dort, wo ich bisher unterwegs war, besteht zwar keine Gefahr, aber was ist, wenn man sich in einem unbewohnten Gebiet den Knöchel verstaucht?

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Wir haben jetzt die Emotionen als wichtigen Zusatz erörtert. Wie sieht es aus, wenn Du liest? Wie wichtig ist es Dir, Gefühle in Texten zu finden? Wie erreichen sie Dich?

Das ergibt sich zum Teil aus den Genres, die ich gerne lese, besonders bei romantischer Fantasy. Meist sind es die Gefühle zwischen Charakteren, ihre Beziehung, die durch fantastische Aspekte oft vor neue Herausforderungen gestellt wird. Magie verleiht der Handlung oft zusätzlich Farbe und ich lese immer wieder gerne darüber, wie Charaktere mit scheinbar unmöglichen Phänomenen umgehen.

Natürlich finden sich auch in realistischen Geschichten intensive Gefühle … aber ich gebe zu, dass ich mich am meisten zu Unerklärlichem hingezogen fühle, über das die Charaktere staunen oder vor dem sie sich vielleicht fürchten

Eine sehr schöne Antwort! Dann suchst Du in einer Geschichte neben Dir selbst auch ein wenig Abenteuer?

Ja, wie gesagt liebe ich Fantasy und die bunten Welten, die dabei entworfen werden. Nicht zuletzt als Übung für die Vorstellungskraft. Maggie Stiefvater, die ich sehr bewundere, hat einmal gesagt, dass gute Bücher sie in eine andere Welt entführen müssen. Der Meinung bin ich auch. Es kann etwas ganz Kleines sein wie ein exotisches Land oder eine revolutionäre neue Sichtweise auf Altbekanntes, aber eben auch etwas Großes wie eine Fantasywelt.

Wenn wir über das Handwerk beim Schreiben reden: Denkst Du, dass es bestimmte Kniffe gibt, wie man Emotionen beim Leser wecken kann?

Ich bin sogar sicher, dass es viele Kniffe gibt. Allerdings schreibe ich selbst eher instinktiv und habe gerade erst begonnen, den Prozess etwas überlegter anzugehen. Bisher habe ich Gefühle immer an Charakteren festgemacht. Sie sind es, die ich zum Leben erwecken will, damit der Leser intensiv mit ihnen mitfühlt.

Da ist er doch, der Kniff! Das gelingt dir übrigens sehr gut!

Danke!

Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Jedenfalls nicht wie Arbeit. 😉 Zunächst habe ich schon lange nicht mehr so konstruktive Kritik zu einer Kurzgeschichte bekommen und noch nie so viel überarbeitet. Außerdem hatte ich Spaß bei dem Austausch mit unserer Lektorin und den anderen Autoren – vor allem auch bei Diskussionen über Sprache und darüber, was geht und was nicht.

Und ein angenehmer Nebeneffekt war die Entdeckung so vieler interessanter Werke anderer Autoren (wie etwa von dir, Julia!), die ich teils schon gelesen und teils noch auf meiner Liste habe.

Das freut mich sehr! Und mir ging es ganz genauso! Es ist wahnsinnig toll, schreibende Menschen ganz ohne Neid und Missgunst zu erleben. Und gelernt habe ich ebenfalls eine Menge in diesen Monaten.

Liebe Vanessa! Wir danken dir von Herzen für dieses wunderbare Interview!

Ich bedanke mich für die spannenden Fragen!

Strohfeuer-Teil 2

Strohfeuer – Teil 2

Julia von Rein-Hrubesch

Leon stand im Flur im oberen Stockwerk und klopfte an die Tür.

„Lass mich endlich in Ruhe, Chris!“, kam es von der anderen Seite. Leon zog die Brauen nach oben. „Ich bin es!“

Er hörte ein Poltern, dann öffnete sich die Tür und Kathi erschien. Zu seiner Freude sah sie nicht verheult aus. „Oh, sorry Chef.“, sagte sie.

Er atmete tief ein und folgte ihr in das Zimmer. „Sag mal, das Ding mit dem Chef, macht ihr das, um mich zu ärgern?“, fragte er, als er die Tapete betrachtete.

„Nein, das mache nur ich.“, antwortete sie prompt.

Er drehte den Kopf und betrachtete sie. „Ah.“, machte er. „Sieht gut aus.“ Er deutete zur Wand.

„Ich hab dich doch gefragt, ob ich tapezieren darf.“

Er hob die Hände. „Schon gut.“

Sie blickte ihn unverwandt an.

„Wie geht’s dir?“, fragte er.

„Eins A.“

„Kathi…“

„Spitzenklasse. Bombe. Fantastisch.“

Er schwieg.

„Haben dich Chris und Paul geschickt?“

„Sie sagten, es geht dir nicht gut.“

Kathi verzog das Gesicht. „Alles in Ordnung.“

„Offensichtlich.“

Sie blickte aus dem Fenster.

Leon nickte ihr zu. „Wenn du dir gestern irgendwas getan hast, muss ich das wissen. Wenn du dich verletzt hast, muss ich das melden.“

Kathi drehte den Kopf. „Alles gut.“

Leon nickte weiter. „Na dann.“

„Mir geht es gut. Ich komme heute Nachmittag wieder runter und arbeite und nerve auch nicht mehr mit meiner Laune.“

„Ach weißt du, ich habe mit spanischen Kampfrindern gearbeitet, ich kann das ab.“

„Ha ha. Chef.“

Er legte den Kopf etwas schief. „Deine Laune hat nicht etwa was mit dem Kerl aus dem Club zu tun?“

„Was?“

„Du hast doch diesen Typen kennen gelernt, als wir neulich in der Stadt waren.“

Sie starrte ihn an. „Na jetzt bin ich aber mal gespannt.“, sagte sie.

„Na ja.“, fing er an. „Ich meine ja nur…Du kannst dich schnell für etwas begeistern. Du bist wie ein…Strohfeuer.“

Sie runzelte die Stirn. „Du kennst mich seit drei Wochen.“, sagte sie.

Er hob kurz die Schultern. „Ich bin ein Menschenkenner.“

„Du bist ein Kuhbauer.“

Jetzt grinste er breit.

Sie verzog das Gesicht. „Sag mal, was stinkt denn hier so?“

„Paul kocht.“

Sie verdrehte die Augen. „Da hast du dir echt nen tollen Haufen angelacht. Dein Projekt könnte auch locker als Resozialisierung durchgehen.“

„Herzlich Willkommen.“, sagte er, immer noch grinsend.

„Sehr witzig.“, entgegnete sie pampig. Dann wich ihr Trotz der Neugierde. „Was ist mit den Rentern?“

„Läuft gut.“, antwortete Leon. „Auf die Anzeige haben sich dreizehn Männer und acht Frauen gemeldet.“

Sie riss die Augen auf. „Ach du Scheiße!“, sagte sie beeindruckt.

„Allerdings.“

„Da scheinst du ja ne echte Lücke im Arbeitsmarkt entdeckt zu haben.“

„Entdeckt nicht. Ich versuche sie nur zu füllen.“

Kathi betrachtete ihn eingehend. Dann verzog sie wieder das Gesicht. „Sag mal, das ist ja abartig. Riechst du das nicht?“

Leon hob die Schultern. „Wir müssen uns heute wohl ne Pizza bestellen.“

Kathi schüttelte den Kopf. „Nein, das ist nix aus der Küche…Das  riecht nach Rauch!“ Sie trat ans Fenster und blickte hinunter zur alten Scheune, aus deren Fenstern dunkle Schwaden krochen, die der blaue Himmel genüsslich einzog. „Leon!“, rief sie.

Leon trat neben sie, warf einen Blick hinab, und schwang sich ohne zu zögern aus dem Fenster. Er sprang auf das Dach des Wintergartens und von dort aus direkt in den Hof.

Kathi blickte ihm ungläubig hinterher, taxierte dann die Höhe und entschied sich für den Weg durch das Haus.

 

Als sie in der alten Scheune angekommen war, war das Feuer bereits gelöscht. Leon räumte den Feuerlöscher beiseite und Chris betrachtete die Balken. „Scheinen nix abbekommen zu haben.“, sagte er. „Ich würde aber trotzdem nen Gutachter kommen lassen.“

Leon nickte. „Gute Idee.“

Tonne gesellte sich zu ihnen. „Ich habe mir die Lampen angeschaut. Die sind ja Asbach! Typischer Schmorbrand.“

„Die hauen wir gleich raus, Chef.“

Leon nickte wieder. „Ja, macht mal. Danke euch. Ihr seid echt schnell.“

„Kathi?“, fragte Chris.

Kathi stand leichenblass neben ihnen.

„Kathi!“, machte Chris noch einmal. Dann schaute er die anderen fragend an.

„Das ist nicht so schlimm, Kathi.“, sagte Leon ruhig. „Du hast doch gehört, es lag an den Lampen. Die hätte ich schon lange auswechseln müssen…Kathi?“

Sie stand noch immer regungslos bei ihnen und starrte in den sich langsam auflösenden Rauch.

„Kathi!“

Sie zuckte zusammen und blickte sich um. Dann schluckte sie. „Hier hab ich gestern die Unterlagen hingelegt.“, sagte sie tonlos.

„Was?“, fragte Lenz.

Sie schaute ihn an. „Die Unterlagen. Ich habe sie gestern mit der Post bekommen. Ich habe sie hierhin gelegt, weil ich nicht wusste, was ich…“ Sie schwieg.

Leon blickte sie an. „Wichtige Unterlagen?“

Sie nickte.

„Was familiäres?“

Sie nickte erneut.

Sie schwiegen.

Dann schüttelte Kathi den Kopf. „Ich wusste nicht, wie ich mich entscheiden soll. Ich weiß es noch immer nicht.“

Tonne gab ihr einen Stubs in die Seite. „Na, dann sieh das doch positiv! Jetzt musst du dich nicht mehr entscheiden!“

Kathi blickte ihn an. Er grinste.

„Weißt du was?“, fragte sie.

„Jetzt kriegt er paar aufs Maul.“, raunte Chris.

„Du hast recht.“, sagte Kathi. Tonne grinste noch breiter.

Chris hob erstaunt den Kopf.

Lenz nickte zustimmend.

Paul lächelte.

Leon zwinkerte Kathi zu.

 

Als sie zurück ins Haus gingen, fragte Chris: „Was ist denn noch verbrannt, Chef? Also außer den Unterlagen?“

Leon blickte ihn an. „Ach, nichts weiter. Nur altes Stroh.“

Noch einmal zwinkerte er Kathi zu.

 

 

 Ende

 

 

Du sollst, verdammt nochmal, freundlich sein.

„Alle Personen, lebende wie tote, sind rein zufällig und sollten nicht analysiert werden. Es wurden keinerlei Namen geändert, um die Unschuldigen zu schützen. Die Unschuldigen werden bereits von Engeln geschützt. Das geschieht im Himmel ganz routinemäßig.“

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Mit diesen charmanten Sätzen wird man von Kurt Vonnegut in Suche Traum, biete mich – Verstreute Kurzgeschichten begrüßt. Er könnte genauso gut sagen: Das sind die Figuren, die ich mir ausgedacht habe. Bitte lasst sie in Ruhe, und mich wenn möglich auch.

Vonnegut, amerikanischer Schriftsteller mit deutschen Wurzeln ist vielen ein Begriff als Autor von Schlachthof Fünf; jenem Roman, der ihm in den siebziger Jahren Weltruhm einbrachte und in dem er die Erlebnisse als Kriegsgefangener in Dresden 1945 verarbeitete. Das Besondere an seinen Werken ist neben dem spielerischen Umgang mit Worten der Umgang mit der Geschichte, die er uns erzählen möchte. Immer etwas abseits stehend wie ein unbeteiligter Beobachter, manchmal sperrig, lakonisch und zuweilen pampig. Und doch steckt in jedem Satz solch bebilderte Prosa, dass man sofort und bedingungslos in die Erzählung hineinfällt.

Kurt Vonnegut, der am 11. April 2007 im Alter von 84 Jahren verstarb, war ein begnadeter Geschichtenerzähler; sicher auch aus dem Grund, dass er sich selbst nie zu wichtig nahm. Man kann auch mit einem Augenzwinkern über etwas Schlimmes berichten, ohne den Ernst der Sache in Frage zu stellen. Und das ist dem Schriftsteller gelungen. Manchmal braucht eine Geschichte eben Zeit, weil „über ein Blutbad sich nichts Gescheites“ sagen lässt, oder weil das Leben eine „Schatzkiste voller Scheiße“ ist.

(Der schöne Text, den ich als Überschrift gewählt habe, hing als Schild an Vonneguts Haus.)