Orangen, Schreibtisch und Verlust – Magret Kindermann im Gespräch.

 

 

Im Rahmen der Veröffentlichung der Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“ interviewen Nika Sachs und ich die Autoren und machen uns mit ihnen auf die Suche nach großen Gefühlen in Texten. Ich freue mich, heute das erste Interview präsentieren zu dürfen, welches ich mit der wundervollen Magret Kindermann geführt habe.

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Magret Kindermann,

Autorin des Romans Zwei Königinnen

themagret.com

@magretkind

 

 

 

 

Hallo liebe Magret! Wir freuen uns sehr, dich an Bord der Sehnsuchtsfluchten willkommen zu heißen!

Und ich freue mich, dabei sein zu können. Es ist mir eine Ehre mit so vielen tollen Autoren zusammenarbeiten zu können.

Emotionen. Ein großes Wort.

Vor allem etwas, das uns in jeder Minute unseres Lebens beeinflusst, selbst im Schlaf. Mich mehr als andere, denke ich manchmal. Ich gestalte selbst mein Essen emotional.

Moment. Du gestaltest dein Essen emotional? Erzähl!

Ich esse fast immer nach Gelüsten. Beim Aufwachen denke ich schon: Ich will eine Orange! Und ich bin verliebt in den Gedanken bis ich endlich eine bekomme und befriedigt die Schalen wegwerfe.

Oder auch andersherum. Wenn es mir nicht gutgeht, habe ich oft das Bedürfnis, Mist zu essen. Fettiges, mit viel Chemie. Weil ich möchte, dass ich meinen Körper genauso herabsetze wie sich mein Geist fühl. Dagegen kann ich aber auch steuern. Etwa mit Orangen! Dann trickse ich und zwangsläufig geht es auch meinem Geist besser.

Das verwende ich übrigens auch beim Schreiben viel, ist mir aufgefallen. Ständig kriegen Leser bei meinen Geschichten Appetit.

Das ist mir auch aufgefallen. Würdest du das als eine Verbindung zwischen dir und deinem Protagonisten beschreiben?

Puh. Du meinst, ob ich mich dadurch mit meinem Protagonisten identifiziere?

Nein.

Aber sie sind ein Produkt meiner Fantasie, meiner Weltanschauung. Dadurch entspringen sie natürlich meinen Vorstellungen von Menschen.

In meiner neuen Novelle etwa versuche ich die Protagonistin nichts mit Essen anfangen zu lassen. Hat nicht geklappt. Ich habe jetzt alles umgeschrieben und jetzt gibt es eine Schlüsselszene mit Pommes im Schwimmbad.

Das mit dem Gleichsetzen von Körper und Geist finde ich höchst interessant. Dieses Thema findet sich auch in deiner Geschichte „Ein Taschentuch aus dem nächsten Jahr“.

Ja. Weil Emotionen nie vom Körper zu trennen sind.

Kommen wir nochmal zur Identifikation zum Protagonisten. Welche Rolle spielt sie für dich? Gibt es hier einen Unterschied zwischen dir als Leser und dir als Autor?

Ich glaube, im Grunde kann sich jeder Mensch mit jedem Menschen grundsätzlich identifizieren. Denn irgendwo in unserem Erfahrungsschatz und Emotionschaos gibt es immer Überschneidungen. Die Kunst ist es für einen Autor, so zu schreiben, dass man sich als Leser mit jedem identifizieren kann. Mit einer Schickimickitussi mit YouTube-Kanal, mit Trump, mit einem Terroristen, mit Alice Schwarzer. Bestes Beispiel: Das Parfum von Patrick Süßkind. Da geht es um einen Mörder und jeder Leser identifiziert sich mit ihm.

Wenn ich also eine Geschichte lese, berührt sie mich, weil ich mich identifizieren kann. Weil ich auf emotionaler Ebene verstehe: Das könnte mir auch passieren. Wenn ein Autor das nicht schafft, lege ich als Leser das Buch weg.

Welch wunderbare Antwort! Du setzt allerdings hohe empathische Fähigkeiten voraus. Denkst du tatsächlich, dass jeder Mensch dazu in der Lage ist, eine gewisse Ebene zu finden, auf der er sich mit einem anderen Menschen identifizieren kann?

Nein. Aber jeder auf anderen Leveln. Deswegen sind manche Geschichten (vor allem Gedichte) nichts für mich oder erst viel später im Leben, wenn ich einen Zugang gefunden habe.

Dazu möchte ich noch einmal die Fähigkeiten des Autors hervorstellen.

Man kann es schaffen, heimlich den Leser etwas fühlen zu lassen, ohne dass er es beim Lesen merkt. Er wollte sich unterhalten lassen und beim Beenden merkt er: „Shit, was war das denn?“ Das sind die besten Bücher.

Das sagt uns viel über deinen Anspruch an einen Text. Hast du diesen Anspruch auch an dich selbst als Autor?

Oh ja. Und er steigt mit jedem Text. Meine Hauptansprüche sind eine fiktive Wahrheit zu erschaffen, dazu meine eigene Message zu finden und nicht zu kopieren. Ich interessiere mich sehr dafür, den Leser den Wahnsinn in ihm selbst entdecken zu lassen und diesen zu lieben. Und das ist nur der semantische Anspruch, dann kommt ja noch die Sprache!

Ein hoher Anspruch! Bringt er dich manchmal zum Hadern?

Nein, im Gegenteil. Er beflügelt mich. Weil ich damit Ziele habe, etwas zum Wachsen. Ich gebe mir damit als Autor selbst eine Bedeutung.

Ohne diesen Anspruch hätte ich keinen Stolz gegenüber meinen Texten. Denn warum auch? Worte aneinanderreihen kann jeder.

Du schreibst hauptberuflich?

Nein und ja. Ich habe es mir selbst ausgesucht, Autor zu sein und das kommt bei mir an erster Stelle. Geld verdiene ich damit bei Weitem nicht genug. Also arbeite ich als redaktionelle PR-Bloggerin, Lektorin, sogar Event-Planerin oder im besten Fall kreative Texterin.

Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Am schönsten war für mich, so viele Menschen kennenzulernen, die alle aus diesem fusseligen Begriff Autorenholz geschnitzt sind. Wir alle kennen wohl das Gefühl, der einzige Mensch unserer seltsamen Art zu sein. Gleichzeitig zeigte mir die Zusammenarbeit aber auch, wo ich selbst stehe. Ich begriff, woran ich noch arbeiten kann, weil ich von anderen inspiriert wurde. Vor allem von unserer Lektorin Michaela Stadelmann. Aber habe auch gelernt, dass ich in Vielem schon sehr gut bin. Die Anthologie wird dazu führen, dass wir als Autoren mehr Selbstbewusstsein haben werden. Gerade die jungen unter uns, die bisher noch nichts veröffentlicht hatten. Das ist für einen Autor Gold und ich bin mir sicher, jeder von uns wird dadurch beflügelt bald seine eigenen Sachen reißen.

In deiner Geschichte wählst du die Form des Ich-Erzählers und sprichst den Leser auch direkt an. Hast du dies bewusst gewählt oder war es eher ein Ausprobieren?

Das war bewusst. Denn der Ich-Erzähler ist nicht derjenige, der die Emotionen erlebt, sondern diese beobachtet und noch schlimmer: sie verdrängt, sie nicht begreift. Dadurch erreichen die Emotionen den Leser durch einen Filter, einen Transmitter. Dazu haben wir die befremdliche Reaktion des Ich-Erzählers, die dadurch beim Leser eine noch stärkere Empathie durch Trotz hervorrufen.

Unabhängig davon ist der Ich-Erzähler immer ein emotionaler Erzähler, da er diese direkt vermittelt. Oder direkter. Während es in der dritten Person immer mit mehr Abstand passiert. Das ging bei so einem wichtigen Thema wie Emotionen natürlich nicht!

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Eine sehr kluge und auch psychologische „Technik“. Diese setzt wiederum voraus, dass der Leser gewillt ist, sich darauf einzulassen. Man könnte es auch dahingehend ausweiten, dass es für den Autor auch eine Möglichkeit ist, sich vom Geschehen zu distanzieren. Symbole von Distanz schaffen, findet man einige in deiner Geschichte.

Du meinst den Erzähler.

Ich meine z.B. den Schreibtisch.

Der Schreibtisch ist die symbolische Grenze, die der Ich-Erzähler zwischen sich und den Gefühlen zieht, ja.

Darum geht es ja auch eigentlich im Text, nicht um Liebeskummer. Das macht das Ich natürlich noch deutlicher. DARUM GEHT ES. Und nicht um beide auf der gleichen Ebene.

Wobei das Ich auch einfach ein Bedürfnis vom anderen überlagern zu versuchen könnte. Es gibt sich einem blutigen Steak hin, als sich mit dem Schmerz des Verlustes auseinanderzusetzen. Beides ist vielleicht Selbstquälerei, eines mehr, das andere weniger.

Ich finde eher, die Frau stellt sich ihrem Liebeskummer direkt. Sie erlebt aktuell Qualen, aber nur dadurch wird sie sie überwinden. Während der Ich-Erzähler sich mit der Auseinandersetzung drückt. Er geht mit Emotionen so um, wie es von der Gesellschaft gelehrt und verlangt wird: weitermachen, nicht wichtig nehmen. Dadurch wird er ewig hängenbleiben, nie damit zurecht kommen, immer hinter seinem Schreibtisch stecken bleiben. Das ist für mich die viel größere Selbstquälerei.

Er geht mit den Emotionen rational um, fast klinisch. Während sie Emotionen unerklärt für das nimmt, was sie sind.

Das klingt enorm reflektiert.

Ja, aber Reflexion kommt durch Auseinandersetzung und Bewusstsein. Dazu braucht man eben diesen Mut.

Mut braucht es. Richtig! Nur so erreicht man Authentizität.

Liebe Magret. Ich danke dir für diese Reise in deine Gedanken. Du hast mich begeistert! Und den Lesern wird es sicher ganz genauso gehen.

Danke dir für das beflügelnde Gespräch!

 

 

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Die Liebe ist …

… eine schallende Ohrfeige.

Kurzgeschichten, meine Liebe!

Bevor ich mich an den Plot für das nächste große Projekt mache, hatte ich Appetit auf etwas Leichtes zwischendurch. Als ob die Liebe etwas Leichtes wäre. Gut, nennen wir es etwas Kurzes.

 

Weites Land

eine Kurzgeschichte

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„Es war also Jan?“

Melissa drehte sich um, sie hatte nicht die Absicht, zu antworten. Was sie jedoch interessierte, war Leonies Gesichtsausdruck, während sie das fragte. Nicht, dass sie je viel von sich preisgab. Aber diese Augen …

Es waren die Augen, die sie immer verrieten. Wenn verraten das richtige Wort war. Vermutlich war es das nicht. Vielleicht für Leonie. Ganz sicher sogar. Für sie waren Emotionen etwas, was es nicht preiszugeben galt. Warum das so war, konnte Melissa nur erahnen. Und im Grunde genommen spielte es keine Rolle. Wir alle, dachte sie, tragen unser Päckchen mit uns.

„Jan?“ Wenn es etwas gab, was Leonie ebenso hasste, waren es Gegenfragen. Melissa war klar, dass das kindisch war, doch sie wollte die Freundin aus der Reserve locken. Es funktionierte nicht. Leonies Augen wurden klein, als wären sie Zugänge zur Außenwelt, die sich schlossen. Bullaugen, dachte Melissa. Leonie ist der Ozean, und ihre Seele ist ein U-Boot.

Schweigend gingen sie nebeneinander her. Melissa hielt den Kopf schief und beäugte die Freundin. „Du bist eine Schnecke, die sich viel zu oft in ihrem Haus verkriecht.“

Jetzt wurden die Augen groß, der Zugang öffnete sich; und der Ozean zeigte all seine Pracht. Melissa liebte es, die Freundin so zu sehen. Sie labte sich daran.

Leonie lächelte nicht, es war also nur ein Zugang auf Zeit. Doch das war Melissa egal. Zeit war etwas, womit sie nur schwer etwas anfangen konnte. Nennen wir es Vorsicht.

„Das ist schade“, fuhr sie fort. „Ich würde gern mehr von ihr sehen. Die Welt würde gern mehr von ihr sehen. Und du würdest sicher gern mehr von der Welt sehen.“

Die Augen schimmerten, doch sie blieben groß. „Ich sehe genug.“

„Aber nicht alles.“

„Das tust du auch nicht. Niemand tut das.“

Melissa blieb stehen. „Ist das dein Ernst? Das denkst du?“

Leonie schien kurz zu überlegen, und wenn sie das tat, tat sie es gründlich. Beinahe schmerzte es, dabei zuzusehen. Das U-Boot tauchte ab und glitt hinab zu den tiefsten Seelengründen.

„Das ist das, was ich denke, ja.“

Melissa überlegte nun auch, doch es gelang ihr nur oberflächlich. Sie war jemand, deren Grundsätze fest verankert waren, und an denen man nur schwer rütteln konnte. Außerdem wurden ihre Gedanken von etwas anderem beherrscht. „Das finde ich traurig.“

Leonie starrte sie an. Eine ganze Unterwasserwelt. „Aber … wieso?“

„Wieso?“ Melissa stieß einen Seufzer aus, halb Entrüstung, halb Resignation. „Weil … Du davon ausgehst, die Welt nicht zu kennen. Und weil das klingt, als würdest du es nicht mal versuchen wollen. Du schließt es von vornherein aus.“

„Das ist nicht wahr.“

„Ist es doch! Ich würde so gern mehr von dir sehen. Doch wenn ich an dir ziehe, ziehst du dich nur mehr in dein Schneckenhaus zurück.“

Leonie öffnete den Mund, doch Melissa kam ihr zuvor. „Du kennst das doch: Du berührst die Fühler einer Schnecke, und dann schrumpft sie in sich zusammen, sie wird dann ganz schrumpelig, total faszinierend. Nur bei dir ist es so, als … würde ich dir mit einem Hammer auf den Kopf hauen.“

Leonie runzelte die Brauen, und um ihren Mundwinkel herum schlich ein Grinsen. „Was sollen denn die ganzen Metaphern … Ah!“ Nun weiteten sich ihre Augen, und Melissa musste ebenfalls grinsen.

„Du musst noch schreiben!“, rief Leonie.

Melissa verzog das Gesicht. „Naja, ich …“

„Und missbrauchst mich, um deine ganzen Ergüsse rauszulassen!“ Leonies Zeigefinger schnellte vor Melissas Augen auf und ab. „Du solltest dich was schämen!“

„Nix! Worte sind Worte.“

Leonies Augenbrauen machten einen staunenden Bogen. „Jetzt kommen die Phrasen. Auweia. Und damit willst du heute noch schreiben?“

Melissa spürte, dass sie lieber wütend sein wollte, anstatt sich ein Lachen verkneifen zu müssen. Leonie schaffte es immer wieder, von sich abzulenken. Die Seelenspäher auf eine andere Fährte zu leiten. Niemand sollte sehen, wo sie vor Anker lag.

Doch sie konnte nicht wütend sein, jedenfalls nicht so richtig. Es war eher eine überlagerte Wut. Eine verschobene. Melissa wusste, woher sie kam. Sie war wütend auf sich selbst, weil sie in den letzten Tagen nur so vor sich hingegammelt hatte, obwohl ihr der Abgabetermin im Nacken saß.

Rumgegammelt? Komm schon. Es war Jan.

Pfff, Jan! Ein Kerl und eine Deadline.

„Oh oh“, machte Leonie. Nur sie konnte den Mund so schön verziehen, eine mimische Glanzleistung, die gleichzeitig Schuldgefühle und Beschützerinstinkt beim Betrachter auslöste.

„Was?“

„Ich kenne den Blick! Da kam eben eine Idee, nicht wahr? Die Muse hat angeklopft.“

„Ja“, antwortete Melissa nur knapp, dann packte sie nach Leonies Arm und setzte sich in Bewegung. „Los! Ich weiß jetzt, wie ich das Kapitel abschließen kann!“ Sie zerrte die Freundin mit sich.

„Hey!“, rief Leonie. „Du tust mir weh!“

„Das tut Kunst immer. Los jetzt, schneller!“

Leonie schnaufte entrüstet, doch sie lächelte, als sie die Freundin betrachtete.

„Ach, jetzt freust du dich?“, fragte Melissa, die den Blick auffing. „Das bereitet dir Freude? Mich mit dieser Qual zu sehen? Diese Qual, die alles auffrisst, die mich zwingt, in meinen tiefsten Seelengründen zu fischen? In den Gedärmen der Welt zu wühlen, sie auseinderzureißen und ihr Blut sprudeln zu sehen?“

„Spar dir die Worte fürs Papier“, erwiderte Leonie lakonisch, dann blieb sie stehen und stütze die Arme auf die Knie. „Mann, ist je einer diese Treppe so schnell hochgerannt wie wir eben?“

„Niemals.“ Melissa hatte keine Zeit, auszuruhen. Sie musste so schnell wie möglich an den Rechner, um das Kapitel fertig zu schreiben. Sie kannte das. Diese Wellen, die mit einem Mal kamen und einen mit sich rissen. Wogen aus Bildern, Gedanken und Worten; denen man sich nicht entziehen konnte. Und das wollte sie nicht. Was aber sollte sie … Sie drehte sich nach Leonie um, die die Hände hob. „Schon gut, ich kann mich selbst beschäftigen.“

„Wir wollten in die Ausstellung …“, fing Melissa an. „Es tut mir leid.“

„Tut es nicht. Und das sollte es auch nicht. Mir jedenfalls tut es nicht leid. Komm schon, du wartest schon lange auf eine Eingebung! Du warst regelrecht verzweifelt!“

„Jetzt übertreibst du aber.“

„Letzte Woche wolltest du dir einen Bleistift ins Auge rammen.“

„Das war nur, weil ich betrunken war. Also … angeschwipst.“

„Und die Flasche Whiskey hast du warum getrunken?“

„Es war eine halbe. Und das war nicht mal ein richtiger Satz, er zählt also nicht.“

„Ich bin ja auch keine Autorin. Du schon. Also husch husch!“

Melissa sah sie zweifelnd an. „Husch husch? So beenden wir diesen Dialog?“

„Mann, Melissa, hau jetzt ab und schreibe! Ich werde hier schon was finden! Ich nehme mir ein Buch und setze mich auf die Terrasse. Obwohl die Auswahl schwierig werden dürfte unter diesen Millionen hier …“

„Du bist ein Schatz“, sagte Melissa. „Und würdest du dann …“

„Ja, ich lese den Entwurf dann gegen. War das korrekt ausgedrückt?“

Melissa nickte. „Korrekt.“

„Bis dann, Melissa.“

„Bis dann.“

Leonie hatte damit gerechnet, dass sie die Freundin in ihr Zimmer schieben musste, doch das war nicht nötig. Melissa drehte sich um und war augenblicklich verschwunden. Leonie blickte ihr nach, dann drehte sie sich unschlüssig um. Seit Jan ausgezogen war, war sie nicht mehr hier gewesen. Melissa lebte in einer Künstler-WG, ein Umstand, vor dem sich Leonie immer etwas fürchtete. Da waren so viele Bilder und Worte; so viele Emotionen flogen umher, soviel …

Menschsein.

Die Wohnung lag im Dachgeschoss, sie war, im Gegensatz zu dem dunklen Treppenhaus mit den knarrenden Stufen, lichtgeflutet und warm. Von der Terrasse aus konnte man die ganze Südstadt überblicken. Leonie hatte sich immer vorgestellt, dass die Künstler dort am besten schaffen konnten, doch seltsamerweise hatte sie nie jemanden angetroffen. Es schien, als konnten alle in ihrem abgedunkelten Kämmerlein am besten arbeiten.

Was zwischen Melissa und Jan vorgefallen war, wusste sie nicht. Sie nahm an, dass es etwas mit seinem Auszug zu tun hatte, der schon länger geplant war. Schon bevor die beiden zugeben konnte, dass sie Gefühle füreinander hatten.

Nun ja, irgendwann würde Melissa ihr davon erzählen. Vielleicht schrieb sie es eben auf. Leonie blickte wieder zu der Tür, hinter der die Freundin saß und hoffentlich auf ihrer Tastatur herum tippte. Sie selbst hatte keine Ahnung, wie das Schreiben funktionierte, doch sie hatte die schöne Vorstellung, dass, während man tippte oder einen Füller über das Papier bewegte, alle Gedanken aus dem Kopf herausflossen.

Sie wünschte Melissa, dass sie vorankam.

Leonie beschloss, nach einer Zeitschrift zu suchen und es sich auf der Dachterrasse gemütlich zu machen. Für ein Buch hatte sie heute nicht die nötige Konzentration. Außerdem wusste sie nicht, nach was sie aussuchen sollte. Da war viel zu viel intellektuelles Geschwafel dabei, mit dem sie nichts anfangen konnte.

„Fuck!“

Leonie zuckte zusammen. Sie fühlte sich ertappt, als hätte sie etwas verbotenes getan. Für einen Augenblick stand sie unbeweglich, als könne sie sich damit unsichtbar machen, dann drehte sie langsam den Kopf in die Richtung, aus der das wütende Fluchen gekommen war. Es war das einzige Zimmer auf dieser Seite, links neben der offenen Küche. Aus diesem Raum war …

„Mann ey!“

Wieder zuckte Leonie zusammen, und danach schalt sie sich selbst. Wahrscheinlich haderte dort jemand mit der Kunst, kein Grund, jedes Mal einen Schrecken oder gar ein schlechtes Gewissen zu bekommen.

Sie drehte den Kopf und betrachtete grübelnd die Bücherwand. Ein Blick hinter diese Tür zu werfen, wo vielleicht ein zerstreuter Schriftsteller saß, war sicher interessanter als so ein Uralt-Wälzer. Oder? Hatte Melissa nicht gesagt, sie solle mehr aus ihrem Schneckenhaus kommen? Auch wenn sie es vor der Freundin vielleicht nicht so zeigte, es ging ihr nahe, was sie sagte. Sie dachte darüber nach, grübelte unentwegt.

Leonie brauchte keine weiteren Überlegungen, sie ging einfach zu der Tür, von der sie nicht wusste, wer dahinter saß. Sie folgte einer Stimme in ihrem Inneren, die sie nicht kannte. Sie war neu. Oder sie war bisher einfach zu leise gewesen. Bevor diese Stimme wieder verstummen konnte, hob Leonie die Hand und klopfte mit den Knöcheln an das Holz.

„Was?“, machte die Stimme, und Leonie schluckte. Jetzt war sie doch verzagt.

„Was ist?“, kam ein erneutes Rufen, und es klang keineswegs einladend.

„Hier ist Leonie“, rief sie zurück. Echt, wie dämlich.

Nichts kam zurück. Der Typ in dem Zimmer hatte wohl beschlossen, sie aufgrund der Dämlichkeit zu ignorieren.

„Komm rein.“ Noch immer klang es nicht nach einer freundlichen Einladung, aber ein Herein war ein Herein.

Leonie drückte die Klinke herunter und steckte den Kopf durch den sich öffnenden Spalt.

Es war unglaublich.

Sie kannte das Zimmer von Jan. Es war dunkel gewesen, immer, abgehängt mit schwarzen Stoffbahnen. Leonie war nur einige Male drin gewesen, doch immer erschüttert über die Atmosphäre; eine künstlich geschaffene Nacht, in der Staubpartikel wie Glühwürmchen tanzten.

Jetzt war das Zimmer hell und groß. Im ersten Moment wirkte es wie ein völlig anderer Raum. Die Stoffbahnen waren von den Wänden gerissen worden, im Fenster hing lediglich ein Bambusrollo.

Leonie sah ein in die Ecke gedrängtes schmales Bett, einen niedrigen Beistelltisch und ansonsten nichts anderes als Staffeleien. Und Bilder.

Dutzende von Bildern, lose oder gerahmt, schmuckvoll umrandet; einzelne Blätter, Leinwände, Skizzen über Skizzen.

Jedes von ihnen war eine eigene Welt, und obwohl Leonies Augen nur kurz in ihnen verweilten, sog sie doch jede von ihnen auf.

Dutzende Welten, und zwischen ihnen hing der derbe Geruch von Ölfarbe und Terpentin.

Leonie drehte den Kopf und blickte zum Fenster, vor dem ebenfalls eine Staffelei stand. Und vor ihr der Flucher.

„Hallo. Ich bin Leonie.“ Und schon wieder.

„Jepp, das sagtest du bereits.“ Der Künstler sah sie erwartungsvoll an. Oder war es eher geringschätzend?

„Achso, ich … äh …“ Leonie drehte den Oberkörper, als suche sie etwas. „Ich war nur erschrocken, weil du dich offensichtlich sehr über etwas geärgert hast.“ Den ersten Platz für Dämlichkeit konnte ihr heute keiner mehr streitig machen.

„Erschrocken? Wieso? Machst du da draußen eine Stillesitzung?“

„Nein, ich …“ Sie zog die Brauen zusammen. „Was?“

„Stillesitzung. Das ist sowas wie das Finder der inneren Mitte, Bla Bla. Ein riesengroßer Bullshit, hab ich mal in einem Kurs über Motivation gelernt. Das war wohl die Strafe.“

„Aha.“ Leonie schluckte wieder. Wenn es ein Bild gab, welches am besten das Klischee eines Malers darstellte, so war es das hier. Dieses Zimmer … Der Typ … Schlacksig, ungeordnete Frisur, Farbe an den Händen, zweifelnder Blick. So viel Zweifel.

„Na ja, egal. Ich bin Ben.“

„Oh“, machte Leonie. Jetzt war es sowieso schon egal, was sie sagte.

„Ja, oh. Ich würde dir ja die Hand reichen, aber …“ Er hob die Arme und drehte die Handflächen nach außen und nach innen.

„Schon gut“, sagte Leonie. „Und ähm … Entschuldige bitte.“

„Ach ja? Und wofür?“

„Dass ich einfach hier … dass ich dich störe.“

„Kein Ding. Läuft grad sowieso nicht. Naja, hast du ja schon vernommen, nicht?“

„Ja.“

„Ich weiß aber nicht, wofür du dich entschuldigen musst.“

„Naja …“ Leonie blickte erneut durch das Zimmer. „Ich habe irgendwie das Gefühl, hier einzudringen. In diese Welten.“

Ben sah sie schweigend an. Dann kniff er kurz die Augen zusammen und nickte schließlich langsam. „Okay. Da könntest du Recht haben.“

Leonie ließ weiter ihren Blick gleiten. „Hast du sie geschaffen? Sie alle?“

„Ja.“

„Das ist …“ Sie sah ihn wieder an. „Das ist wirklich beeindruckend.“

„Danke.“

Eine Weile schwiegen sie, dann grinste Ben. „Du kannst ruhig eintreten. In die Welten. Und in das Zimmer.“

„Ja, okay. Danke.“ Leonie schloss die Tür hinter sich, dann trat sie näher. Sie konnte Ben sehen, betrachtete ihn, wie er auf dem Stuhl saß vor der Staffelei. Sie sah die Leinwand, doch konnte nicht erkennen, was darauf war.

„Nimm dir einen Hocker. Irgendwo muss da einer rumstehen.“

Sie suchte danach, und als sie ihn gefunden hatte, zog sie ihn näher und setzte sich darauf. Etwas weiter in den Raum hinein, doch nicht zu nah an Ben und seinem Bild. Irgendwie hatte sie das Gefühl, nicht zu sehr eindringen zu dürfen. „Und warum hast du geflucht? Ist es die Muse?“

„Nein, die ist es nie. Eher ganz realistischer Kram. Mir ist eine Farbe ausgegangen.“

Leonie sah ihn verwundert an. „Aber … dann kannst du eine neue kaufen.“

Ben nickte wieder, diesmal schien er abwesend. Er blickte auf das Bild, welches vor ihm stand und schien sich in ihm zu verlieren. „Ja, das könnte ich. Aber ich kann hier nicht weg.“

Leonie schwieg. Die Fragen lagen ihr auf der Zunge, doch sie hielt sie zurück. Ben schien in diesem Moment nicht wirklich anwesend, und das was er sagen würde, würde sie sicher sowieso nicht verstehen.

Es dauerte eine Weile, bis er den Blick von dem Bild löste. Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, eine Geste, die ihn mit einem Mal verletzlich und schüchtern wirken ließ. „Das ist vielleicht blöd oder so, aber mich hält das hier fest“, sagte er. „Also das Bild. Oder die Welt, wie du es nennst.“

Leonies Augen weiteten sich. „Ich finde das gar nicht blöd“, sagte sie leise.

Wieder schwiegen sie.

„Weißt du“, fing Leonie nach einer Weile an. „Ich könnte dir Farbe holen. Melissa schreibt sicher noch zwei Stunden, und ich … hab keine Lust zu lesen.“

Ben sah sie an. „Ich überlege noch, wie schmeichelhaft das ist.“

Leonie schüttelte den Kopf. „Nein, nein, so war das nicht gemeint. Ich meine … Ich würde es wirklich gern machen.“

„Ehrlich?“

„Ehrlich.“

Ben betrachtete sie eingehend, und Leonie wurde bewusst, dass er sie erst jetzt richtig wahrnahm. „Du bist eine Freundin von Melissa?“

„Ja. Wir wollten in eine Ausstellung gehen, aber …“

„Verstehe. Und du?“

„Und ich?“

Er schien amüsiert und hob kurz die schmalen Schultern. „Na, schreibst du auch?“

„Achso“, rief Leonie entrüstet. „Nein, nein. Ich bin keine Künstlerin.“

„Naja, du bist mit einer befreundet. Das macht dich automatisch zu einer.“

„Meinst du?“

„Meine ich.“

Leonie scheute sich davor, ihn näher zu betrachten. „Und du malst schon lange?“

„Schon immer“, antwortete er. „Die ganz typische Geschichte. Schon immer, leidenschaftlich, mein Leben lang.“

„Wow“, machte sie leise. „Das finde ich schön.“

„Ich auch.“ Wieder sah er sie an, mit diesem Blick aus Belustigung und Neugierde.

Sie fühlte sich davon eingeschüchtert. „Ich könnte das nie“, sagte sie, nur um etwas zu sagen. „Also so malen. Oder schreiben.“

„Okay, schreiben finde ich auch krass.“

Nun wechselte die Neugier zu Leonie. Neugier und Erstaunen. „Wirklich? Warum denn?“

„Na.“ Wieder das Schulterzucken. „Worte sind doch viel zu eindimensional. Sie haben keine Fläche. Wie soll man da etwas entstehen lassen können? Tiefe schaffen?“

„Du kennst keinen Text, der in die Tiefe geht?“

Er überlegte kurz. „Okay, da hast du recht. Lass es mich so sagen: Ich würde es niemals zustande bringen, aus der Fläche eines Wortes etwas Dreidimensionales zu machen.“

„Du machst es mit Bildern. Die sind auch dreidimensional.“

„Ja. Aber das sind sie sowieso.“

„Es ist trotzdem eine Kunst, das so hinzukriegen.“

„Hm.“

„Das denkst du nur, weil du es kannst. Glaub mir ich kenne das. Künstlerfreundin.“

Er grinste sie an.

Dann fragte er: „Worüber schreibt sie denn? Melissa?“

„Über die Liebe.“ Leonie erwartete, dass er mit den Augen rollte, doch das tat er nicht. „Siehst du“, sagte er stattdessen und blickte wieder auf sein Bild. „Dazu würden mir keine Wörter einfallen. Geschweige denn ein ganzer Satz.“

„Ach, wirklich nicht?“ Die Neugier war inzwischen etwas größer als die Scheu. Nicht erwähnenswert größer, doch es reichte aus.

„Ja“, antwortete Ben. „Liebe ist eine schallende Ohrfeige. Das würde mir dazu einfallen.“

„Das ist doch ein guter Satz.“

Nun sah er sie an. „Findest du?“

„Ja.“

Ben blickte wieder auf die Leinwand, die vor ihm auf der Staffelei stand. Er schwieg. Und Leonie schwieg mit ihm.

Sie musste nur warten.

„Die Liebe ist ein weites Feld“, sagte Ben schließlich.

Leonie zog die Brauen zusammen. Es war ihr völlig unverständlich. „Ein Feld?“, fragte sie. Leise zwar, doch eindringlich.

„Ja.“ Er sah sie wieder an. „Ein Feld. Wie das Leben. Auch das ist ein weites Feld. Weites Land.“

Sie war verblüfft, und er sah es. „Was? Du siehst irgendwie mitgenommen aus.“

„Das Land nimmt mich mit. Also das Wort“, sagte sie sofort, und darüber war sie erschrocken. Sie machte einfach den Mund auf und sagte das, was sie dachte. Das tat sie üblicherweise nicht. Nie. Niemals.

Ben wandte sich nun ganz von dem Bild ab. Er drehte den Oberkörper und beugte sich etwas nach vorn. „Ich bin ganz Ohr.“

„Land“, sagte Leonie. „Es ist kein Land. Es ist Wasser. Das Leben ist Wasser.“

Er hielt den Kopf schief. „Ach ja?“

„Ja!“, sagte sie. „Es ist wild und bunt, voller Wogen und Wellen! Es trägt dich, nimmt dich mit! Und es … zerschlägt dich.“

Ben überlegte, dann erwiderte er: „Es ist Land. Es ist staubig und trocken und tot und dann wieder satt und voller Schätze.“

Leonie starrte ihn an.

Es war still in dem Zimmer. Das Sonnenlicht tanzte zwischen den Bildern umher, und der Geruch machte die Luft schwer. Es fühlte sich himmlisch an.

Leonie wusste nicht, was sie sagen sollte. Und dann tat es Ben. „Um ehrlich zu sein, ich war mir nicht sicher, ob da noch was rein muss. Mehr Gelb. Und das ist mir ausgegangen. Willst du mal sehen?“

Sie schluckte. Dann nickte sie. „Ja.“

Leonie stand auf, und Ben drehte sich wieder zu seinem Bild und wartete, bis sie heran war.

Und dann sah sie es. Es war ein Feld, Weizen und Mohn und die Sonne. Es gab nichts, was noch hineingehört hätte. Es war vollständig. Es war perfekt. Und während sie das Bild betrachtete, es mit den Augen abtastete, staunend und ohne Luft zu holen; waren seine Blicke kritisch, er suchte nach etwas, was er ihm hinzufügen konnte.

Wenn er mit Worten gezeichnet hätte, dann hätten sie wohl so geklungen: „Das Leben ist ein weites Land. Du streifst durch die Ebenen, atmest seine kalte und seine heiße Luft. Du siehst ein Feld, weich und wogend sieht es aus, doch wenn du näherkommst und mit den Fingern über die Halme streichst, fühlen sie sich nicht danach an. Das Leben hat Stacheln. Und doch willst du es spüren. Du willst es spüren und schmecken und atmen.“

So wären die Worte gewesen, die Ben gesprochen hätte. Doch das tat er nicht.

Und das war auch völlig unnötig.

 

 

Ende

 

 

 

Ich aber träume dich, wie du gar nicht bist.

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Oh, wie schön sind verfrühte Weihnachtsgeschenke! Und wenn sie auch noch so wundervoll sind wie dieses Büchlein, dann fühle ich mich gleich wie an Heiligabend so glücklich…

Um die Schwalbe

Mich träumte, ein kleines Schwälbchen flöge über das Meer.

Ein fremder, häßlicher Vogel, der jagte hinter ihm her.

Und eine weiße Möve schloß sich zum Wettflug an,

bis sie dem wilden Jäger die Beute abgewann.

Die schnelle, weiße Möve haschte das süßeste Glück.

Es blieb der wilde Fremdling weit hinter ihr zurück.

Ich kenne das Schwälbchen, die Möve, hab neidlos so oft sie belauscht,

wenn sie in der jungen Liebe Worte und Küsse getaucht.

Ich kenne den losen Vogel, der hinter ihnen blieb,

und weiß, auch er hat das Schwälbchen noch immer so herrlich lieb.

-Joachim Ringelnatz-

(Überschrift: Zitat aus Begegnung von Joachim Ringelnatz)