Die Stimme eines schmeichelndes Teufels.

Oder: Er hielt mich mit der ganzen Kraft seiner Besessenheit fest.

Stephen King ist besessen. Er ist hingerissen von dem Gedanken an die Suche nach einer Tür, die uns zu dem führt, das nach dem Tod auf uns lauert. Das wissen wir seit Friedhof der Kuscheltiere. Und was bei der dieser Suche rausgekommen ist, wissen wir auch. Nichts Gutes.

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Bei The Revival ist es gleich und ganz anders. King schreibt über das, über was er am besten Bescheid weiß. Den Mensch und all seine Abgründe. Sie scheinen auf den ersten Blick nicht so tief und dunkel zu sein, doch Abgrund ist Abgrund. The Revival liest sich wie eine Biographie, auch bei Dolores war das schon so. Während es sich bei den meisten Werken meines Großmeisters um aktuelle Ausschnitte des Protagonisten – eine Jetzt-Aufnahme – handelt, zeichnet King in diesem Roman das gesamte Leben vom sechsjährigen Jamie bis zum einundsechzigjährigen Jamie. Ein Mammutprojekt! Nicht nur als Leser frage ich mich, wie man das überwindet ohne Längen. Leider gelingt das nicht. Das, oder es ist meiner eigenen Ungeduld geschuldet. King erzählt gern. Allerdings lese ich ihn wieder lieber als zu der Zeit, als Puls erschien. Da redete und redete und redete er nur. Und die Längen in Revival verzeihe ich, dennoch überlege ich, ob und wie man sie verhindern könnte. Es gibt ein Kapitel im Buch, eher ein Geschehen, bei dem ich das Gefühl hatte, der Autor langweilte sich damit. Es war nötig, um Logik und Fortlauf aufrecht zu erhalten, doch es war öde. Hm. Was also tun?

Interessant ist auch der Fakt, dass sich das Finale auf einen recht kleinen Teil beschränkt. 124 von 509 Seiten. Ist das jetzt viel oder wenig? Das eigentliche Ende, und mit Ende meine ich WAS?, ist etwa 40 Seiten lang. Und dieses Ende würde ich mir gern auf ein Shirt drucken lassen. Das ist King. Hier kommt der Horror. Vorher, in dem ellenlangen Text, in der die Liebe des Autors zum Erzählen zum Vorschein kommt und der auf das Ende … vorbereitet, geht es um die Menschen. Um ihr Bestreben, mit der Welt fertig zu werden und den Preis, den das mit sich bringt. Bei King geht es immer um einen Preis. Wir alle müssen zahlen. Und es geht wieder um Musik. Jamie, unser Held, ist Musiker, und wer nicht wirklich alle Details über ein Leben als Musiker lesen will, der sollte die Finger davon lassen. King kennt sich aus, und mehrere Male überkam mich das Gefühl, er muss beinahe zwanghaft berichten. Wie eine Schuld, die er zu bringen hat. Ach, ich rede nur 😉 Um Schuld geht es auch in The Revival. Um Drogen und Sucht und Krankheit; die Schuld steht jedoch an erster Stelle. Das hat mir gefallen. Dieser enorm dicke rote Faden.

Ich könnte noch endlos weiter reden, höre aber jetzt auf. Ich bin King Fan, seit ich zehn Jahre alt bin, das wisst ihr ja …

In wenigstens einer Hinsicht ist unser Leben wirklich wie ein Film. -Erster Satz aus The Revival. Hallo Simon! 😉

Das Leben ist ein Rad, und es dreht sich immer wieder dahin, wo es angefangen hat.

Nun mag man vielleicht sagen, ich hätte es trotzdem sehen müssen, da eigentlich sämtliche Teile vorhanden waren, aber ich bin Gitarrist, kein Detektiv, und was deduktive Fähigkeiten angeht, war ich nie der Schnellste.

So führen wir nämlich unsere eigene Verdammnis herbei – indem wir bewusst die Stimme überhören, die uns anfleht innezuhalten.   

Überschrift sowie der erste Satz: Zitat aus The Revival von Stephen King. Alle anderen Zitate sind gekennzeichnet.-

Fackeln wir Bäume ab,

… wenn wir über einen Waldbrand schreiben wollen?

Gestern gab es auf Twitter eine überaus interessante und anregende Diskussion zwischen Textflash und Jan Tälling, ausgelöst durch eine Aussage von Richard Norden: „Schreibe über das, was du kennst“, ist kein guter Rat. Besser wäre: Recherchiere vor dem Schreiben, was du noch nicht kennst.“

Jan meint, dass die Ermittlungen niemals eigenes Erleben ersetzen können, und dass Recherche maximal 20% Prozent der Erfahrung stützen sollte.“Wer etwas lebt, der schreibt lebendig. Das merkt man.“

Textflash konterte mit: „Manche Sachen kann man nicht erleben. Trotzdem gibt’s gute SF- und historische Romane. Wie erklärst Du Dir das?“

Es folgte ein munterer Schlagabtausch, dem ich gebannt folgte, ebenso wie andere Autoren, die genauso wie ich hier und da eine Bemerkung „einwarfen“.

Solche Diskussionen, mögen sie hitzig und leidenschaftlich und von allen Seiten mit Respekt geführt werden, sind Gold wert. Für mich zumindest. Sie sind die besten Ratgeber, wenn es um das Schreiben geht. Wenn man denn in der Kunst überhaupt von Ratgeber sprechen kann. Vermutlich nicht. Es gibt Kniffe und Tricks, wenn es ums Handwerk geht. Und es gibt einen riesigen Erfahrungsschatz, zusammengetragen von allen, die mit Herz und Seele Sätze und Texte und Geschichten zaubern. Sich an diesem zu bereichern, um ihn in den eigenen Werken weiterzugeben, kann doch nur wundervoll sein, oder?

Ein Satz von Jan ist mir im Gedächtnis geblieben. „Recherche unterstützt Erfahrung. Nicht umgekehrt.“ Das ist sehr richtig. Genauso wie das Fazit von Textflash: „Es gibt weder ein Rezept, noch sollte man zu dogmatisch an das Thema Recherche rangehen.“

Ja, aber was sagt uns nun diese Diskussion? Was ist mein Fazit? Ich denke, dass es in jedem von uns ein gewisses Grundpotenzial für ein bestimmtes Thema gibt. Woher das kommt und wie stark es ausgebildet ist, hängt von unserer Persönlichkeit und Erfahrungen ab. Ich z.B. bin eine leidenschaftliche Beobachterin von Menschen und allem, was zwischen ihnen geschieht. Wenn ich über sie schreibe, bewege ich mich sicher; fast so, als würde ich mitten unter ihnen weilen. Bei mir völlig fremden Themen bin ich unsicher, und weil ich spüre, dass ich genauso unsicher schreibe, scheue ich mich davor. In meinem Roman „Das Flüstern der Pappeln“ benötigte ich das Know-How eines Steinmetzes, und erst das persönliche Gespräch half mir wirklich weiter, nicht Google. Und auch wenn es nur um ein paar winzige Sätze ging, ich habe es mehrmals gegenlesen lassen. Geht es um ein Thema, von dem ich absolut keine Ahnung habe (wie z.B. die Astronomie), würde ich mich nicht ohne einen „echten“ Kenner an meiner Seite heranwagen.

Wie ist es nun mit meinem neuen Projekt, Nathen? Einem Ort, in dem schier Unglaubliches geschieht; wilde Dinge, düstere, gruselige Dinge? Unerklärbare Vorkommnisse? Da ich nicht an so einem Ort hause und keinerlei Erfahrungen damit machen kann, lasse ich die Finger davon. Oder? Nein. Ich suche Städte auf, riesige Städte; Orte, die etwas ausstrahlen. Ich erinnere mich an Orte, die solch einen Einfluss auf mich hatten. Ich erinnere mich, wie ich mich fühlte, wenn ich von solchen Orten las oder sie in fantastischen Bildern sah. Ich warte, bis der Ort entsteht. Und es gibt ihn. Jawohl. Er entsteht in meinem Kopf, dort, wo Universen wachsen, deren Ausmaße wir nicht erahnen können, weil sie unendlich sind. Textflash sagt, der Leser mag es, wenn der Autor mutig ist. Das sehe ich genauso. Und wenn es gelingt, unsere Leser in die Welt zu entführen, die wir erschaffen, dann sind wir glücklich. Das gelingt uns durch Authentizität. Darüber waren sich gestern alle Autoren einig.

Ich bedanke mich bei allen Schreibern, die mich gestern inspiriert haben!

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Paul T. -Teil 6-

Theo sagt nichts. Sie starrt nur zu der Stelle, an der der Koffer steht. Herr Tehmann kennt das schon, er kennt diesen Ausdruck im Gesicht der Menschen: Es ist das zu Bild gewordene Gerangel zwischen Realität und Traum; zwischen dem, was sie wissen, was sie gelernt haben und dem, was sie sehen. Dem, was da ist. Unwiderruflich ist es da, obwohl es doch nicht sein kann.

Tehmann kennt diesen Ausdruck gut, er kennt ihn besonders von sich selbst, und doch ist es immer wieder ein neues Grauen. Etwas, was man lieber nur einmal sieht, wenn überhaupt. Er hat schon einige Male gehört, dass es ein wundervolles Erlebnis ist, die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung zu überschreiten, doch das ist Unsinn. Es ist nicht wundervoll.

Tehmann starrt den Koffer an, ein monströses Ding mit goldenen Zähnen und einem Rachen, der die Welt schluckt. Und vermutlich ist das noch milde ausgedrückt, vermutlich will das Ding die Welt erst ein bisschen jagen, bevor es sie verschlingt. Ein bisschen mit ihr spielen.

„Ein guter Trick“, sagt Theo neben ihm. Ihre Stimme klingt blass und hohl, wie einer der ausgetrockneten Halme, die sich unter der Sonne winden.

„Ja, aber er ist nicht von mir“, erwidert Tehmann. Und nun blickt Theo ihn an, seltsam gequält, als würde sie sich wünschen, dass er lügt.

„Diesmal nicht“, sagt Tehmann nochmal, und Theo schluckt.

„Was …“, fängt sie an, ohne zu wissen, was sie sagen wird.

Wie soll man das auch wissen, fragt sich Tehmann. Wenn mir je einer begegnen wird, der weiß, was er in solch einem Moment sagen soll, dann kann ich mir sicher sein, dass ich tot bin.

„Der Koffer“, fängt Tehmann an, nur ein kläglicher Versuch seinerseits, „Das ist nicht der, den du willst. Also verschwindest du besser auf der Stelle.“

„Was ist da dr…“, will sie sagen, doch sie wird von seinem Blick unterbrochen. Tehmanns Augen sind dunkle Schlitze, und Theo hat für einen Augenblick lang das Gefühl, dass zwischen ihm und dem Koffer etwas geschieht. Für einen winzigen Augenblick könnte sie schwören, dass es so ist. Doch dieser Moment geht vorüber, und sie will gar nichts mehr beschwören. Ihr Verstand zieht die Reißlinie, mehr kann er nicht fassen, vorerst nicht.

„Nichts, was dich interessiert“, sagt Tehmann. „Nimm deine Gang und verschwinde. Ganz, ganz schnell.“ Und die letzten Worte spricht er langsam, und seine Augen sind dunkel.

Sie blicken sich an, schweigend, und dann hören sie ein Klacken.

Tehmann reißt den Kopf rum, und Theo reißt etwas aus ihrer Gesäßtasche. Sie richtet die Waffe auf den Koffer, es ist eine Schlagbolzenschlosspistole, klein und schwarz. Und doch macht sie mächtig Eindruck.

Tehmann reißt den Kopf zurück und starrt Theo an. „Bist du wahnsinnig?“, schreit er und wirft die Arme über den Kopf. „Nimm das Ding runter!“

Theo starrt noch immer auf den Koffer, ihre Augen sind nur noch weiße Kugeln mit blutigen Rändern und einer winzigen Pupille. Er hatte recht. Sie ist wahnsinnig. Ihr Verstand hat die Reißleine gezogen, doch nicht rechtzeitig genug.

„Theo!“, brüllt Tehmann. „Die Waffe runter! Sofort!“

Und dann klackt der Koffer wieder, es sind die Schnallen, und es sieht aus, als öffnen sie sich.

 

Auf der Straße, etwas weiter hinten, stehen vier weitere Personen, doch es ist nur Nika, die es sehen kann. Die anderen sehen es auch, ebenso die Polizisten die eben eintreffen, doch sie erblicken es nur, die Weiterleitung zum Gehirn wird von ihrem Verstand unterbunden.

Es ist Teer, der aus dem Koffer fließt, er fließt träge und behänd zugleich. Er färbt alles ein, mit dem er in Berührung kommt; Gräser und Halme, Asphalt und Erde, sogar die Luft, den Himmel; doch ganz besonders Menschen. Der Teer fließt in Theos Augen, er frisst sich in ihre Haut, in jede einzelne Pore. Rasend schnell geht das, und dennoch wie in Zeitlupe langsam.

Nika sieht das alles, und obwohl sie dachte, dass es nichts Schlimmeres gäbe, als das, was sie bereits gesehen hat, wird ihr klar, dass das falsch war. Es war ein Trugschluss. Es ist nicht ihr Verstand, der anfängt zu schreien, es ist das Kind in ihr: Kindliches Urvertrauen, welches zwar erschüttert ist und gebrochen, aber nicht bereit zu sterben.

„Nein!“, schreit Nika, als der Teer in Tehmanns Augen fließen will, es ist ein langgezogener Schrei, und die Polizisten hinter ihnen beginnen zu laufen und ihre Waffen zu ziehen.

Themann erschrickt, und er hat es nicht als seinen Reflexen zu verdanken, dass er Theo beiseite stößt und sich auf den Koffer wirft.

Das Klacken verstummt, und der Teer kriecht zurück in den Koffer.

 

Und Nika weiß, wie es ausgehen wird. Es scheint, als wüsste sie es vor Tehmann selbst, doch dem ist nicht so. Es ist eher so, dass Tehmann einen Entschluss fällt, von dem  niemand etwas erfahren darf, nicht einmal er selbst. Zumindest der Teil in ihm, der von der Vernunft gesteuert wird.

„Nein“, sagt Nika noch einmal, dieses Mal leise, und sie wünschte, dass er es hören kann. Sie würde sich gern verabschieden.

 

Tehmann liegt auf dem Koffer, er liegt auf der Seite, und dann dreht er sich um. Er hat keinen blassen Schimmer, wie er es anstellen soll, doch er nimmt an, dass das, was in dem Koffer ist, ihm diese Entscheidung abnehmen wird. So war es immer mit dem Teer. Mit der Schwärze, die aus den Menschen fließt. Sie ist das Böse, doch anders, als er am Anfang – ganz am Anfang – angenommen hatte, ist es nicht das eigene Böse. Nicht immer.

Bei Nikas Schwester hat er es ganz deutlich gesehen. Es war aus ihr herausgeflossen, als sie geredet haben. Nicht viel, und sicherlich bei weitem nicht alles, doch es war etwas da. Der Teer kam aus ihr herausgekrochen; aus den Augen, aus den Poren. Er erhob sich in die Luft, wo er sich auflöste, ein seltsam anzuschauendes Verpuffen war das. Und ein kleiner Teil kroch in ihn herein.

Eine Weile schon hatte Herr Tehmann das bemerkt. Doch er hatte es verdrängt. Dieser Riese war stärker; war es vielleicht die ganzen Jahre schon gewesen.

 

Der Koffer wartet nicht lange. Das Böse wartet nie lange, denkt Herr Tehmann noch, bevor die Schwärze ihn einsaugt.

Die Schnallen springen mit einem lauten Knacken auf, der Koffer öffnet seinen tiefschwarzen Schlund, der die ganze Welt für einen halben Wimpernschlag lang dunkel färbt, und dann ist Herr Tehmann verschwunden. Und der Koffer auch.

 

Nika schluchzt. Sie versucht, es zu unterdrücken, doch es gelingt ihr nicht. Es schmerzt in der Kehle, so wie es das immer tut, wenn man das Weinen zurückhalten will.

Sie sieht nicht, was passiert, es scheint, als würden der Koffer und Herr Tehmann verschmelzen und dann in der flimmernden Luft verpuffen wie bei einem billigen Zaubertrick.

Sie hätte sich gern verabschiedet von ihm. Das hätte sie wirklich gern. Sie hätte gern mit ihm geredet. Und sie hätte ihm Fragen gestellt.

Am meisten hätte sie ihn fragen gewollt, warum er sie so angesehen hat. So, als würde er sie auf die andere Seite holen wollen.

Denn dort war sie ja schon längst.

Oder?

 Ende

Paul T. -Teil 1-

Eine Kurzgeschichte Ein Versuch

Eine Kurzgeschichte

 

Heißer, heißer Sand.

Heiße Sonne.

Und heiße Luft. Aufgewärmt, erhitzt, glühend. Verbrüht.

„Herr Tehmann findet einen Koffer in der erhitzten Luft“, sagt er und hält kurz inne. Das konnte unmöglich richtig sein, der Koffer steht ja am Boden. Aber die Luft …

Er schüttelt den Kopf. Sätze mit „Aber“ zu beginnen, die wollte er sich doch abgewöhnen. Warum eigentlich?

Herr Tehmann hält den Kopf schief. Vermutlich, weil sie es gesagt hatte.

Sie ist aber nicht hier.

Er lässt den Koffer liegen. Und rennt wieder los. Die Straße ist sandig, über dem Teer flimmernde Hitze. Die Luft biegt sich. Das könnte schön sein, würde es nicht so schmerzen.

 

„Gut“, sagt Theodora. „Fassen wir zusammen. Wir brauchen Freddie, Marie und Paul.“

„Bitte nicht Paul.“

„Warum nicht? Er ist unkonventionell.“

„Er hat total einen an der Klatsche!“

„Ja“, macht Theodora. „Er geht eben den Weg anders. Nicht geradlinig. Eher so … zickzackmäßig.“

„Er nennt sich selbst Herr Tehmann.“

„Na und? Das ist sein Name.“

„Komm schon, verarsch mich nicht“, sagt Chrissie. „Du weißt gar nicht, wie er heißt.“

Theodora räuspert sich. „Doch. Er heißt Paul. Paul Tehmann.“

Dafür erntet sie eine hochgezogene Augenbraue. Sonst nur Schweigen.

Theodora zuckt schließlich mit den Schultern. „Der Tehmann ist dabei, Punkt.“

Chrissie erhebt sich, jedoch nicht ohne theatralisch zu seufzen.

„Ich weiß, dass dir das nicht in den Kram passt“, flötet Theodora über ihre Schulter. „Ist mir egal. Beweg dich.“

„Ja ja.“ Chrissie legt einen Zahn zu, obwohl sie keine Lust hat, aufzuschließen. Das wäre ein Zeichen von Zustimmung. „Wenigstens gehe ich geradeaus. Sonst würde ich ja nie ankommen. Im Zickzack, Pfff.“

Theodora beschließt, diesen Kommentar zu überhören.

 

Herr Tehmann läuft tatsächlich im Zickzack. Er rennt die geteerte Straße entlang, die als solches kaum noch zu erkennen ist; hin und her und wieder zurück. Ihm ist die Effektivität dieser Vorgehensweise bewusst, oder besser gesagt, es ist ihm bewusst, dass keine Effektivität vorliegt. Es geht nicht anders, er muss flüchten. Und das Fluchtbedürfnis ist so groß, dass sein gesamter Körper darauf reagiert: Extensionstremor nennt man das. Nun gut, niemand nennt das so außer Herrn Themann selbst, doch das tut nichts zur Sache. Nur, weil sich ein Begriff noch nicht durchgesetzt hat, sollte man ihm nicht seine Daseinsberechtigung streitig machen. Es gibt so einige Begriffe, die lange brauchten. Klo vielleicht.

„Jetzt denken wir mal nicht an Klo“, denkt Herr Tehmann. „Nachher müssen wir noch. Jetzt sofort vielleicht.“ Und das führt weiterhin zu dem Gedanken, dass Grundbedürfnisse bei einer Flucht Probleme bereiten können. Wurde das je in einer Geschichte, die Flucht thematisiert, berücksichtigt? Dass jemand rennt und rennt und rennt und dann aufs Klo muss?

Und er rennt, er rennt im Zickzack die heiße, sandige Straße entlang, seine Beine schlagen aus wie die jener Schlenkerpuppen, die es mal gab; und hin und wieder fuchtelt er mit den Armen. Als wollte er die Luft zerschlagen. Selbst die Luft steht ihm im Weg.

Und hinter ihm, am Ende der Straße, steht der Koffer. Herr Tehmann hatte ihn aufgemacht, hatte die Augen aufgerissen, und war losgerannt.

Und jetzt rennt er, es ist ein sinnloses Rennen, vielmehr ein sinngemindertes Rennen, und während er flüchtet, vor dem Koffer und dem, was darin ist, denkt er Dinge wie Wir sollten keine Sätze mit Aber beginnen, Wir denken jetzt mal nicht an Klo und Grundsätzlich sollten wir nicht von Wir reden.

Sicher, einige dieser Sachen sind nur da, weil sie sie angesprochen hat, doch meistens hat sie recht. Er fährt immer gut, wenn er auf sie hört. Na ja, bis auf das eine Mal. Aber so kleinlich sollte man jetzt nicht sein; nicht, wenn man es eilig hat.

 

„Gut, alle da?“, fragt Theodora, als sie im Auto sitzt und sich anschnallt. „Jepp“, antwortet Chrissie neben ihr. „Plus Nika, die hockt im Kofferraum.“

„Warum das denn? Die können wir nicht gebrauchen!“

„Ich hab sie nicht rausgekriegt. Lass sie halt.“

„Mann!“, macht Theodora. „Scheiß drauf, wir müssen jetzt los.“

Die fünf Insassen, einer davon aus Versehen, machen sich auf den Weg durch die Stadt, durch die lärmende, stinkende, überhitzte Stadt; sie wollen raus aufs Land. Ihr Ziel ist die Straße, an deren Ende der Koffer steht, und vor dem Herr Tehmann davon rennt. Doch das wissen die im Auto nicht. Sie wissen nur von Tehmann, nicht von dem Koffer.

Und das Auto schiebt sich durch die Mittagshitze und den Stadtlärm, und Paul rennt über das Feld, außerhalb der Stadt. Im Grunde genommen steuern sie geradewegs aufeinander zu.

„Und du findest das nicht komisch, dass in seinen Unterlagen nur Paul T. steht?“, wispert Chrissie, weil sie weiß, dass Theodora am zugänglichsten ist, wenn sie sich konzentrieren muss. Das rauszufinden, hat einige Jahre gedauert, und verstanden hat sie das nie. Muss man auch nicht kapieren, beschloss sie irgendwann, ist einfach so.

„Nein, finde ich nicht“, erwidert die Frau am Steuer sofort. „Und dass du flüsterst, ist unnötig. Alle hier im Wagen kennen Paul.“

Chrissie lehnt sich zurück, dann dreht sie sich um. Auf der Rückbank sitzen Freddie und Marie und und sehen sie stumm an. Und weiter hinten sitzt Nika und ist mit den Bändern ihrer Schuhe beschäftigt.

Chrissie verdreht die Augen und lässt sich wieder in den Sitz fallen. „Was für ein Haufen Irrer.“

Mit dem Auto braucht man etliche Zeit, bis man aus der Stadt raus ist. Und zur Mittagsstunde braucht man eine halbe Ewigkeit. Die Insassen stört das nicht wirklich, die Klimaanlage läuft und pustet abgestandene, aber kalte Luft durch das Auto, und Radio TFM fröhliche Musik.

Selbst Chrissie ist gutgelaunt. Eigentlich ist sie das meist, nur die Sache mit Paul geht ihr gegen den Strich. Aber was soll sie machen.

„Und wieder ein Tag mit Spitzenwerten an die 35 Grad“, singt der Moderator aus dem Lautsprecher. „Leute, geht baden oder was weiß ich. Seid nicht so dumm wie die Balla-Bande, die gestern Abend wieder mal zugeschlagen hat. Wisst ihr, die stecken unter ihren Masken und schwitzen sich bestimmt bald zu Tode. Müssen die doch nicht haben, oder? Geht lieber baden, sag ich euch. Oder grillt was und tanzt und seid happy.“ Dann fing die Musik wieder an, 10TCC mit I’m not in love.

Chrissie hatte nie verstanden, was an diesem Sadness-Summer-Ding dran sein sollte. Vielleicht ist das echt nur so eine Emosache. Aber der Song ist okay, und die Insassen singen mit. Außer vielleicht Nika, aber was weiß man schon.

Der Wagen schlängelt sich in Kolonnen ein, verlässt sie wieder, biegt ab, steht im Stau, Stop and Go, und das Ganze von vorn.

Und Paul ist bereits in der Stadt, er kommt vergleichsweise schnell heran.

Es gibt eine Stelle, an der sie sich hätte zuwinken können, an der Hesse-Brücke. Oben das Auto;  unten, an der großen Kreuzung, Paul. Aber sie sehen sich nicht, Tehmann starrt auf die Rote Ampel, und die Insassen starren durch die Windschutzscheibe. Nur Nika hat kurz den Blick gehoben. Doch sie sieht nur blassblauen Himmel und die Stromleitungen. Von ihrem Platz aus müsste sie sich erheben, um überhaupt mehr als das sehen zu können.

Das Auto fährt aus der Stadt raus, und Paul läuft in die Stadt rein.

 

Es ist drei Uhr, als er ankommt. 15.15 Uhr hat er Therapie, Zeit genug, um sich frisch zu machen. Nicht um zu duschen, da müsste er erst auf die andere Station, aber das würde er auch dann nicht, wenn er nicht in Eile wäre. Die Duschen sind verkeimt.

„So“, sagt Lydia an der Rezeption. Dann betrachtet sie ihn eingehend und rümpft die Nase. „Waren Sie joggen?“

„Ja“, antwortet Tehmann knapp. „Joggen, genau.“

„Bei der Hitze?“

Jogger mit Koffer, denkt er. Oder Jogger vor Koffer. Und dann: Koffer jagt Jogger. Ja, jetzt passt es.

„Bitte einen Espresso, Lydia. Dreifach mit …“

„Zweimal Zucker, ich weiß schon“, ergänzt die.

„Und ein großes Wasser.“ Damit verschwindet Tehmann hinter seiner Tür.

Die Waschparzelle, die zu seinem Büro gehört, gibt alles her, was er braucht: Seife, Feuchttücher, Deo. Und natürlich Wasser und Handtücher. Nur mit dem Hemd, das muss er sich überlegen.

Erstmal nimmt er die Uhr ab. Das dicke Lederarmband schnürt ihm beinahe das Blut ab. Man schwitzt ja immer drunter, aber heute …

„Paul, Frau Meister ist da“, hört er die Anlage summen.

„Gleich“, brüllt er zurück, dann legt er einen Zahn zu. Hemd aus, waschen, reinigen, Deo. Kämmen. Und dann, schweren Herzens, nimmt er ein neues Hemd vom Bügel. Nun ja.

„Guten Tag“, sagt er, als er in sein Büro zurückkommt. Lydia hat Frau Meister schon reingelassen, das macht sie immer, wenn die Patienten sich schon auskennen. So nennt es Lydia jedenfalls. Auf dem Schreibtisch stehen Espresso, Wasser und ein paar Kekse.

Themann hasst es, im Büro zu essen. Wahrscheinlich will sie ihn ärgern, die alte Giftschlange.

„Wie ist denn das Befinden?“, fragt er, als er sich setzt. Und Frau Meister holt tief Luft. Es ist immer Dasselbe.

„Ich habe wieder gegessen.“

Essen, essen, denkt Tehmann. Immer Dasselbe. Essen und Sex und Suizid. Was soll man da machen.

„Wie viel?“

„Zuviel.“

„Mehr als sonst?“

„Wie, mehr als sonst?“ Die Meister klimpert mit den Augen und tut kokett, damit kommt sie gut durch. Bei ihm aber nicht.

„Haben Sie sich übergeben?“

„Ich …“ Wieder klimpert sie rum.

„Haben Sie gekotzt, Frau Meister?“

Jetzt reißt sie die Augen auf und tut entsetzt. Reine Show. Jemand, der sich den Finger in den Hals steckt, hat keine Scheu vor Worten wie Kotzen.

„Aber, wie reden Sie denn?“

„Das Wort bleibt dasselbe. Es verkleidet sich nur. Wie ihr Zwang. Erst war es das Waschen, dann das Einkaufen, jetzt das Essen. Das Problem ist geblieben, und es bleibt weiterhin. Wenn wir die Dinge nicht beim Namen nennen.“

Na, das kann er gut. Bei Waschen wäre er gern gestolpert, doch das braucht er nicht. Das geht ganz glatt. Ob das heuchlerisch ist? Es stört ihn, dass die pseudo-adrette Frau und er sich einen Zwang teilen, ihm wäre es lieber gewesen, sie hätte einen Putzzwang.

Außerdem wäre Zwang bei ihm wohl übertrieben. Er ist halt gern sauber. Punkt. Und rein.

Das Wir nervt ihn auch. Doch das muss sein, noch sind sie in der Identifikationsphase. Vielleicht kann er das Tempo erhöhen. Das, oder er sticht sich mit einer Gabel ins Auge. Wenn ihn der Koffer nicht vorher erwischt, natürlich.

„Also?“

Frau Meister zuckt etwas zurück, und es sieht täuschend echt aus. Normalerweise ist Tehmann nicht so pampig, doch die Rennerei in der Mittagshitze war auch nicht schön. Da müssen wir jetzt durch. Wir ist wir.

„Ja, ich … habe mich übergeben. Es tut mir leid.“

Er holt tief Luft. Die Leute immer mit ihren selbstgerührten Suppen, die sie einem dann zum Auslöffeln geben. Fast wünschte er, er wäre auf der Geschlossenen geblieben mit den ganzen Ritzern und Springern. Nun sitzt er in der Klinik mit den Ess-Frauchen und den Sex-Männchen.

„Wenn Sie sich noch einmal entschuldigen …“

Die Anlage summt, und Paul zuckt zusammen. Was wollt er eben sagen? Hat er eben vorgehabt, der Meister zu drohen?

„Entschuldigen Sie, Paul“, sagt Lydia in der Anlage. „Ein Anruf. Es ist dringend.“

Dringend, dringend. Was soll das eigentlich sein? Da müssen wir gleich an Klo denken.

Nicht wir, Paul.

Und jetzt nicht Klo, nicht schon wieder.

„Entschuldigen Sie mich“, sagt er zu der Meister und setzt in Gedanken Sie fette gelangweilte Frau hinzu. Für das fette kann er nichts, na ja, vielleicht ein bisschen. Aber definitiv nichts für das langweilig.

Er nimmt den Hörer ab und bellt: „Tehmann?“

„Paul, hier ist Theodora.“

Puh. Er erinnert sich. Viele nennen sie nur Theo, was ihn dazu veranlasste, sie als einen Mann zu sehen. Seltsamerweise dachte er es auch dann, als er sie bereits getroffen hatte. Gar nicht seltsamerweise; zwanghafterweise.

Ihr Kennenlernen war also nicht sehr harmonisch verlaufen, das war nun einmal so.

„Was ist denn?“, fragt er.

„Wir brauchen dich. Es ist dringend. Es geht um Leben und Tod.“

„Ach.“

„Ja. Ich dachte, du bist schon draußen.“

„Wo?“

„Was wo?“ Jetzt klingt sie ungehalten, und das macht ein bisschen Spaß. Obwohl diese Theo nicht der Typ Mensch ist, den man ungehalten erleben will. Nun wirklich nicht. „Draußen, auf den Feldern.“

„Da war ich, und jetzt arbeite ich. Du störst.“

„Wir brauchen di…“

„Ich werde jetzt auflegen.“

„Wir suchen den Koffer.“

Tehmann hält inne. Vor seinem Auge verschwimmt Frau Meister. Irgendwie sieht sie ängstlich aus. Sie scheint sich an ihrer Handtasche festzuklammern.

„Komm raus. Jetzt sofort.“ Theo hat aufgelegt, und Frau Meister sitzt wieder klar vor ihm. Gestochen scharf.

„Ich muss weg“, sagt er tonlos.

„Aber …“ Das Kinn klappt auseinander wie bei einer Bauchrednerpuppe. Nur dass Bauchrednerpuppen kein Doppelkinn haben. „Meine Therapie …“

„Können wir abkürzen. Sind wir doch mal ehrlich, Frau Meister, Sie vergeuden hier nur ihre Zeit. Und meine dazu.“

„Also hören Sie mal …“

„In der Anmeldung steht, dass sie traumatisiert sind. Doch das sind sie nicht. Traumatisiert ist das Mädchen, welches um sechs Uhr abends kommt. Dazu erspare ich Ihnen nähere Informationen. Sie sind nur gelangweilt und unterfordert und …“

„Wie können Sie es wagen, so mit mir zu sprechen?“, plärrt die Meister los.

Tehmann runzelt die Stirn. Gegenwehr war zu erwarten, aber so heftig?

„Unterfordert“, wiederholt er. „Nicht? Unterschätzt?“

Sie kneift die Augen zusammen. Eigentlich kneift sie alles zusammen, Augen, Lippen, Mund. Es sieht aus, als würde ihr Gesicht in sich selbst hineinkriechen wollen. Das findet Tehmann faszinierend.

„Wir einigen uns auf unterschätzt“, sagt er schließlich schnell, um die Sache abzuschließen. „Gehen Sie was Sinnvolles machen, studieren oder Spenden sammeln oder Kuchen backen. Halt, streichen Sie das Backen.“

„So reden Sie nicht mit mir!“, brüllt die Frau Meister. Immerhin steht sie auf. Tehmann hat es jetzt wirklich eilig. „Ja ja“, macht er und überlegt, sie zur Tür rauszuschieben. Doch dafür müsste er sie anfassen. „Sie müssen den Kuchen ja nicht essen. Bringen Sie ihn doch hier her. Sehen Sie, da ist uns doch beiden geholfen …“

„Das werden Sie bereuen! Ich werde Sie fertig machen!“

„Ja, sehr schön“, murmelt Paul und wedelt hinter der Frau her, als würde er ihr Fahrtwind geben wollen.

Als sie aus der Tür raus sind, schlüpft er an ihr vorbei. Ihr wütendes Geschrei begleitet ihn über den gesamten Flur, doch er hat jetzt kein Ohr dafür. Der Kanal ist völlig verschlossen.

Leserkritik …

… und wie ich damit umgehe.

 

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Letzten Monat erschien „Das Flüstern der Pappeln“, ein Kurzroman. Passend zum letzten Post über das Schreiben, und welchen Mut es bisweilen kostet, kann ich sagen, dass dieses Werk mein persönlichstes ist. Augen zu und durch, lautete das Motto beim Schreiben; und manche Passagen konnte ich nur unter Zwang überarbeiten, weil es einfach zu schmerzhaft war. Nun ja.

Nun kommen die ersten Leserstimmen rein, und angeregt durch einen Austausch mit dem Autor Benjamin Spang und euren Kommentaren auf den Mut-Post, erzähle ich heute davon.

Hier der Auszug der Kritik von Phat Girl: (Enthält Spoiler)

„Hennie. Ich weiß  nicht, was ich über sie denken soll. Mir ist sie zu derb im Bezug auf die Oma und die Mutter. Sehr deutlich, direkt, krass und so bissl Arschloch und Egomane. Zynisch. Sie sagt, was sie denkt und kümmert sich einen Dreck darum, wie es bei anderen ankommt. Der einzige, der sie zu nehmen weiß, bei wem sie sich zu benehmen weiß, ist der Vater. Sie, die einst abgehauen ist und die große weite Welt gesehen hat, kommt nun wieder angekrochen und denkt, sie weiß, wie das Leben und Arbeiten funktioniert und das gibt ihr das Recht, denkt sie zumindest, alle zur Veränderung zu drängen und deren Lebensweisen infrage zu stellen.“

Die Leserin ist damit unzufrieden, wie es scheint, ich aber nicht. Ich wollte den Charakter so. Bei einer Geschichte wie „Das Flüstern der Pappeln“, bei der eher die Charakterstudie als der Plot an sich im Vordergrund steht, sollten es die Persönlichkeiten sein, die an einem rütteln. Allerdings, und das ist der große Unterschied, ist Hennie-Hauptfigur in der Geschichte- der Leserin total unsympathisch, mir aber nicht. Das hat mich verwundert. Darüber könnte ich eine lange, eine sehr lange Zeit nachdenken. Was sagt uns das? Dass jeder Leser seine eigene Geschichte mitbringt. Natürlich, so muss es sein! Wenn meine Protagonisten nichts auslösen beim Leser, keine Emotionen, sondern nur regristiert werden, dann wäre ich sehr bestürzt und todtraurig. Ehrlich. Weiter geht’s:

„Die Mutter ist gefangen im jahrelangen, gleichen Schema und Muster. Trottet so vor sich hin. Lebt und liebt ihr ländliches Dasein, auch die damit verbundene Eingeschränktheit. Nicht weltoffen. Zu inkonsequent mit Hennie. (…)“

Mir hat das mit der Eingeschränkheit gefallen: Ein Punkt, den ich nicht beschrieben habe, und der trotzdem so wahrgenommen wurde, wie es meine Absicht war.

„Das ständige Erwähnen der Suche, des Fährmanns, und Hennie immer wieder als Künstlerin darzustellen – Das hat mich richtig genervt. Ich hatte das Gefühl, dass man hier unbedingt diesen Stempel aufdrücken will.“

Okay. Da schluckt man erstmal. Genervt. Ui. Da habe ich etwas, was auch das Handwerk betrifft. Wiederholungen. Das habe ich schon mehrmals gehört. Etwas, woran ich arbeiten muss. Nicht nochmal, Julia! Ich habe also lange darüber nachgedacht. Das Erste ist, dass ich einfach auf Wiederholungen im Text stehe. Zweitens: Ich habe mich zu sehr als Hennies Anwältin gesehen. Ja, sie ist, wie sie ist, und das ist nicht einfach. Doch es sind Dinge geschehen, die sie zu dem gemacht haben. Genauso wie ihre Mutter, die zweite polarisierende Figur. In Hennie ist vielleicht zu viel von der Autorin drin, oder die Autorin hat zu wenig Distanz genommen. Ähem …

Und das sagt BlaueNadine:

„Hennie finde ich nicht zu depressiv. Sie ist ja gerade in einer Umbruchsphase. Durch ihre sehnuchtsvolle Seite ist das Depressive nicht so spürbar.
Die Eltern kommen sympathisch rüber und gleichzeitig sind sie mit ihrer Fürsorge nervend. Ich vermute, dass das noch mehr wird …
Hennie ist agressionsgehemmt und hat Schuldgefühle. Ich kann sie gut leiden. Oft erkenne ich mich in Hennie wieder.“

Aha! Das sind sie nun, die Packen eigener Dinge, die jeder mitbringt. Im Grunde genommen ist das ganz interessant, Phat Girl ist die Mutter sympathischer, und BlaueNadine die Tochter.

„Die Mutter ist ne Nervensäge. Sie scheint besessenes Arbeiten zu kennen, das macht sie wieder sympathisch … Ich hätte mir noch mehr Streit gewünscht … Jetzt hab ich mit der Mutter Mitgefühl. Das stört mich etwas, weil ich mich gerne noch aufgeregt hätte …“

Persönlichkeiten zu entwerfen, die jedem gefallen, ist unrealistisch und sollte auch nicht Ziel des Autors sein. Mir ist das klar, dennoch bin ich überrascht, wie verschiedenen die beiden Hauptfiguren ankommen. Schon klar, das ist alles sehr psychologisch, aber was soll ich sagen? Es geht um Menschen, um das Zwischenmenschliche.

Zum Abschluss noch ein Satz, der für alle Kritik entschädigt: „Die Leidenschaft beim Schreiben habe ich richtig gespürt. Die Art des Schreibens, die Wahl der Wörter, den Ausdruck und Satzbau – Das hat mich fasziniert. Davon, genau so, möchte ich mehr lesen.“ (Phat Girl)

😉 Das macht einen doch happy, oder?

 

Wieder mal …

Papier vs. digital.

Versteht mich nicht falsch, ich persönlich würde immer ersteres vorziehen, trotzdem bin ich sehr überrascht, dass sich mein neuer Kurzroman als Taschenbuch besser verkauft als das EBook. Das habe ich noch nie erlebt. Also, nicht dass mich das nicht freuen würde!

Pappeln Julia

Es gibt einige Faktoren, die dagegen sprechen, eine Printausgabe im selfpublishing zu erstellen. Der erste Punkt ist die Qualität. Das Buch ist gut gebunden und sieht ansprechend aus, keine Frage. Meine ersten Romane von 2013 sind noch immer gut erhalten, nichts fleddert raus, auch wenn sie wirklich oft zur Hand genommen werden. Trotzdem. Es sieht einfach anders aus. Bei einem eher dünnen Heftchen wie Das Flüstern der Pappeln stört mich das nicht, bei einem richtig dicken Wälzer aber … Ich rede hier als Autor, nicht als Leser. Als Leser würde ich wohl sagen: Die Geschichte stimmt, alles andere – egal.

Der zweite Punkt ist die ewige Arbeit mit dem Formatieren. Ja ja, ich jammere hier nur rum, aber ich weiß nicht, ob ich mir diesen Prozess bei 500 Seiten gern antun würde.

Nun ja, jetzt freue ich mich erstmal, dass die Geschichte, die ich erzählen will, gelesen wird. Und für euch gibt es heute wieder einen Auszug.

Ich wünsch euch was!

Pappeln Julia 1

„Was soll das, Hennie? So haben wir dich nicht erzogen! Warum handelst du so verantwortungslos?“

Er hat recht. Natürlich. Das hat er immer. Aber manchmal ist sein Recht nunmal nicht meines.

„Ich war aufgebracht.“

„Ja. Das sagtest du bereits. Deine Mutter war es auch. Sie ist es noch immer.“

Ich atme tief ein. Dann blicke ich meinem Vater ins Gesicht. Meine Sommersprossen habe ich von ihm, eindeutig. Aber diese stoische Ruhe, die nicht. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist.

Wir schweigen. Ich schätze, dass meine Mutter ihm erzählt hat, was vorgefallen ist. Und ich schätze, dass er auf ihrer Seite steht.

Ich stolpere über die Kette, die zwischen ihnen liegt. Wieder einmal.

Was soll ich meinem Vater sagen? Dass sie sich zu sehr lieben? Dass ich keinen Platz dazwischen habe?

-aus Das Flüstern der Pappeln von Julia von Rein-Hrubesch

 

Willst Du schocken oder …

anöden?

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Diese Frage stellte gestern der große Schriftsteller John Irving. Er stellte sie an das Publikum. Und an sich selbst natürlich.

Ich bin kein großer Irving Fan. Ich mag eher das knappe, kurze. Mich beeindrucken Texte, die knackig sind und auf den Punkt kommen, wobei einem dieses AufdenPunktkommen erst später bewusst wird. Nach dem Lesen. Nach dem Sackenlassen. Weil man selbst drauf gekommen ist. Also, wenn es optimal läuft.

John Irving ist ein begnadeter Erzähler, keine Frage. Aus diesem Grund sollte man auch Lesungen besuchen. Wenn einer nur rumhockt und vorliest … hm, nun gut. Es gibt aber Autoren, die erzählen. Und nichts anderes ist ja das Schreiben. Jemand erzählt uns Geschichten. Vielleicht auch Märchen. Und wir, die uns Bücher kaufen und verschlingen, wollen Geschichten hören. Irving jedenfalls las ein paar Passagen, abwechselnd deutsch und englisch, danach ging es in so etwas wie eine Gesprächsrunde. Und hier wurde ich, Leserin und Autorin zugleich, hellhörig. Ich wurde überflutet. Irving verlor sich in seiner Darstellung über das Schreiben, über den Prozess an sich, der auch einfach mal Arbeit bedeuten kann. Als Leser mag das interessieren, wie eine Geschichte entsteht; als jemand, der selbst schreibt, und zwar, weil er gar nicht anders kann, war es schon beinahe eine Offenbarung. Ich lese immer mal Ratgeber, Sachbücher. Wenn man es so nennen kann. Schließlich sprechen wir hier von Kunst. Doch die einzigen Ratgeber, die man so nennen kann, sind die, die von derselben Leidenschaft angetrieben werden wie man selbst. Ich fühle mich am meisten inspiriert, wenn ich erfahre, wie andere schreiben. Es ist motivierend und tröstlich.

John Irving erzählte über verschiedene Dinge, die ihn bewegen und über die er schreiben muss. Vielleicht verändert sich dadurch etwas. Meine Freundin, die großer Fan und Kenner ist, berichtete mir, seine ersten Werke kamen ihr immer mehr märchenhaft vor. Tja, zuerst ist da die Leidenschaft. Man will etwas erzählen, fühlt sich berufen. Und dann, immer mehr, kommen Dinge hinzu, die einen bewegen, und sie nehmen immer mehr Platz in den Geschichten ein. Wenn das einer schafft zu vereinen, dann hat er es richtig gemacht. Er macht es gut. Bei Irving zum Beispiel kamen viele religiöse Themen auf. Und diese fanden sich auch in seinem Werk, welches er vorstellte, wieder.

Straße der Wunder ist sein neuestes Werk. Ich fühlte mich gut unterhalten, aber lesen werde ich es wohl nicht. Viele seiner Fans berichten vom Genuss einzelner Szenen, die sich schon mal seitenlang ziehen können, gespickt mit unzähligen Details. Liebevollen Details, sicher, genauso gut beobachtet wie beschrieben. Aber das ist nicht das, was ich als Leser suche. Das ist okay. Es ist Geschmackssache. Doch auf das, was er über das Schreiben gesagt hat, und vor allem, wie er es gesagt, möchte ich nicht verzichten. Niemals.