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Johnny Cash, Eva und Marylin Manson – Im Gespräch mit June Is.

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Hier präsentiere ich euch das dritte Interview im Rahmen unserer Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“, die im August erscheinen wird! Diesmal habe ich June Is ausgefragt, die zwei sehr unterschiedliche Geschichten für die Sammlung geschrieben hat.

June Bild

 

June Is

http://www.cluewriting.de/autorin-june-is/

@ypical_writer

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe June! Wir begrüßen dich recht herzlich an Bord der Sehnsuchtsfluchten!

Danke, liebe Julia!

Das erste, was an deiner Geschichte ins Auge sticht, ist tatsächlich der Name der Autorin. Magst du uns etwas darüber erzählen?

Im Studium begannen meine Studienkollegen, mich June zu nennen. Denn im Lateinischen bedeutet das „Die Blühende“ – ich sprühte immer vor Ideen (im Studium sowieso und auch hobbymäßig) und manchmal schüttelten alle den Kopf und waren dann erstaunt, dass ich es schaffte, manche durchzusetzen. Das hat allerdings nicht immer was mit der Schreiberei zu tun gehabt. Die Krönung war dann, dass ich Jahre nach dieser Namensgebung einen Freund hatte, der sich Johnny Cash modisch und musikalisch als Vorbild nahm und naja, der hatte doch auch eine June … und dann das „is“, das kam erst für die Veröffentlichungen, da man immer oder oft einen Vor- und Zunamen braucht. Ich finde die Vorstellung von „June ist“ in der Übersetzung sehr schön. Hat etwas Buddhistisches. Einfach sein. Aber man kann dann auch mit den Titeln spielen. Zum Beispiel schreibe ich mal irgendwann ein Buch namens „Liebe“, steht da auf dem Cover „June is – Love“.

Das gefällt mir sehr gut! Eine deiner Geschichten, die du für die Anthologie geschrieben hast, trägt dadurch ebenfalls solch eine „kombinierte Überschrift“: June is Eve. Spielst du hier mit der Identifikation zum Protagonisten?

Ja, die Identifikation ist nicht abzustreiten. Auch, wenn mir nicht passiert ist, was der Protagonistin passiert ist, so gefällt mir doch die Vorstellung, dass gerade in uns Menschen viel „Eve“ steckt. Den Namen wählte ich nicht ohne Grund. Wir würden doch (fast) alle von der verbotenen Frucht essen, um uns weiterzuentwickeln. Unterstelle ich mal 😉

Der Feminismus darin ist allerdings nicht gewollt, Eve ist geschuldet dessen, dass ich eine Frau bin. Wobei „June is Adam“ hätte auch irgendwas Interessantes. June is die Emiliafrage – das verbündet sich mit dem Theater-Protagonisten und leidet mit allen Deportierten (Emilia). Also es passt auch hier.

Allein mit der Wahl deines Künstlernamens hast du ja einen sehr großen emotionalen Bezug zu den Figuren und den Geschichten, die sie erleben. Emotionen ist auch das Thema der Anthologie. Könntest du dir vorstellen, dass es an irgendeinem Punkt mal schwierig sein könnte, dich selbst mit einzubringen? In einer Erzählung zu sehen?

Wenn man beispielsweise über Themen schreibt, die man selbst nicht erlebt hat (z.B. gewalttätige Eltern), gerät man schnell an seine (emotionalen) Grenzen. Ich nehme mir dann die Wut im Bauch vor, ein mir bekanntes Gefühl in anderen Gebieten, und übertrage es auf den/die Peiniger. So eine Art persönlicher Trick für Grenzgebiete. Und dann ist der Bezug zum Protagonisten hergestellt.

Wie sieht es aus mit den „eigenen Dingen in einer Geschichte sehen“? Thema mutiges/exhibitionistisches Schreiben. Bist du dahingehend schon mal an deine Grenzen gestoßen?

Daran will ich mich demnächst mal wagen. Das Experiment startet also noch.

Du hast jedenfalls schon mal Lust auf diese Reise.

Ja, aber ich fürchte mich auch. Zugegeben.

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Wie wichtig ist es dir als Leser, dich mit dem Protagonisten identifizieren zu können?

Oh das ist romanabhängig. Zum Beispiel kann ich Biographien lesen von Männern, denen ich nie nacheifern würde. Zum Beispiel Marylin Manson. Dessen Tagebuch war ultrainteressant, aber Identifikation gleich Null. Und auch diese Lektüre bietet viel Platz für Emotionen, eben die weniger schönen: Ekel, Widerwillen. Ansonsten sprechen mich traurige Märchen an, weil man Mitgefühl entwickelt und sich vorstellt, wie man wohl selbst reagieren würde. Da ist die Identifikation höher.

Denkst du, es gibt gewisse Kniffe, also Handwerkliches, mit dem man Emotionen beim Leser hervorrufen kann?

Ich glaube, das Geheimnis ist, über Dinge zu schreiben, die einem selber nahegehen. Das ist der Kniff an sich. Wenn den Autor etwas nicht berührt, wird er es vielleicht nicht wiedergeben können.

Die Anthologie war ja auch ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie fandest du diesen Prozess?

Obwohl alles virtuell stattfand, war es ergiebig und vor allem unser „Wortknecht“ sehr verständnisvoll und hilfreich. Mit einigen anderen hatte ich nicht so viel zu tun. Ihr Herausgeberinnen habt jede Frage beantwortet und uns immer motiviert. Das war schön. Sonst wird man ja eher allein gelassen.

Liebe June, ich danke dir für dieses sehr interessante Interview!

Ich danke euch! Für das interessante Projekt, die vielen netten Menschen, die ich dadurch kennenlernen durfte und natürlich eure Arbeit, die ihr neben allem anderen in diese Anthologie investiert habt und noch werdet.

Orangen, Schreibtisch und Verlust – Magret Kindermann im Gespräch.

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Im Rahmen der Veröffentlichung der Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“ interviewen Nika Sachs und ich die Autoren und machen uns mit ihnen auf die Suche nach großen Gefühlen in Texten. Ich freue mich, heute das erste Interview präsentieren zu dürfen, welches ich mit der wundervollen Magret Kindermann geführt habe.

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Magret Kindermann,

Autorin des Romans Zwei Königinnen

themagret.com

@magretkind

 

 

 

 

Hallo liebe Magret! Wir freuen uns sehr, dich an Bord der Sehnsuchtsfluchten willkommen zu heißen!

Und ich freue mich, dabei sein zu können. Es ist mir eine Ehre mit so vielen tollen Autoren zusammenarbeiten zu können.

Emotionen. Ein großes Wort.

Vor allem etwas, das uns in jeder Minute unseres Lebens beeinflusst, selbst im Schlaf. Mich mehr als andere, denke ich manchmal. Ich gestalte selbst mein Essen emotional.

Moment. Du gestaltest dein Essen emotional? Erzähl!

Ich esse fast immer nach Gelüsten. Beim Aufwachen denke ich schon: Ich will eine Orange! Und ich bin verliebt in den Gedanken bis ich endlich eine bekomme und befriedigt die Schalen wegwerfe.

Oder auch andersherum. Wenn es mir nicht gutgeht, habe ich oft das Bedürfnis, Mist zu essen. Fettiges, mit viel Chemie. Weil ich möchte, dass ich meinen Körper genauso herabsetze wie sich mein Geist fühl. Dagegen kann ich aber auch steuern. Etwa mit Orangen! Dann trickse ich und zwangsläufig geht es auch meinem Geist besser.

Das verwende ich übrigens auch beim Schreiben viel, ist mir aufgefallen. Ständig kriegen Leser bei meinen Geschichten Appetit.

Das ist mir auch aufgefallen. Würdest du das als eine Verbindung zwischen dir und deinem Protagonisten beschreiben?

Puh. Du meinst, ob ich mich dadurch mit meinem Protagonisten identifiziere?

Nein.

Aber sie sind ein Produkt meiner Fantasie, meiner Weltanschauung. Dadurch entspringen sie natürlich meinen Vorstellungen von Menschen.

In meiner neuen Novelle etwa versuche ich die Protagonistin nichts mit Essen anfangen zu lassen. Hat nicht geklappt. Ich habe jetzt alles umgeschrieben und jetzt gibt es eine Schlüsselszene mit Pommes im Schwimmbad.

Das mit dem Gleichsetzen von Körper und Geist finde ich höchst interessant. Dieses Thema findet sich auch in deiner Geschichte „Ein Taschentuch aus dem nächsten Jahr“.

Ja. Weil Emotionen nie vom Körper zu trennen sind.

Kommen wir nochmal zur Identifikation zum Protagonisten. Welche Rolle spielt sie für dich? Gibt es hier einen Unterschied zwischen dir als Leser und dir als Autor?

Ich glaube, im Grunde kann sich jeder Mensch mit jedem Menschen grundsätzlich identifizieren. Denn irgendwo in unserem Erfahrungsschatz und Emotionschaos gibt es immer Überschneidungen. Die Kunst ist es für einen Autor, so zu schreiben, dass man sich als Leser mit jedem identifizieren kann. Mit einer Schickimickitussi mit YouTube-Kanal, mit Trump, mit einem Terroristen, mit Alice Schwarzer. Bestes Beispiel: Das Parfum von Patrick Süßkind. Da geht es um einen Mörder und jeder Leser identifiziert sich mit ihm.

Wenn ich also eine Geschichte lese, berührt sie mich, weil ich mich identifizieren kann. Weil ich auf emotionaler Ebene verstehe: Das könnte mir auch passieren. Wenn ein Autor das nicht schafft, lege ich als Leser das Buch weg.

Welch wunderbare Antwort! Du setzt allerdings hohe empathische Fähigkeiten voraus. Denkst du tatsächlich, dass jeder Mensch dazu in der Lage ist, eine gewisse Ebene zu finden, auf der er sich mit einem anderen Menschen identifizieren kann?

Nein. Aber jeder auf anderen Leveln. Deswegen sind manche Geschichten (vor allem Gedichte) nichts für mich oder erst viel später im Leben, wenn ich einen Zugang gefunden habe.

Dazu möchte ich noch einmal die Fähigkeiten des Autors hervorstellen.

Man kann es schaffen, heimlich den Leser etwas fühlen zu lassen, ohne dass er es beim Lesen merkt. Er wollte sich unterhalten lassen und beim Beenden merkt er: „Shit, was war das denn?“ Das sind die besten Bücher.

Das sagt uns viel über deinen Anspruch an einen Text. Hast du diesen Anspruch auch an dich selbst als Autor?

Oh ja. Und er steigt mit jedem Text. Meine Hauptansprüche sind eine fiktive Wahrheit zu erschaffen, dazu meine eigene Message zu finden und nicht zu kopieren. Ich interessiere mich sehr dafür, den Leser den Wahnsinn in ihm selbst entdecken zu lassen und diesen zu lieben. Und das ist nur der semantische Anspruch, dann kommt ja noch die Sprache!

Ein hoher Anspruch! Bringt er dich manchmal zum Hadern?

Nein, im Gegenteil. Er beflügelt mich. Weil ich damit Ziele habe, etwas zum Wachsen. Ich gebe mir damit als Autor selbst eine Bedeutung.

Ohne diesen Anspruch hätte ich keinen Stolz gegenüber meinen Texten. Denn warum auch? Worte aneinanderreihen kann jeder.

Du schreibst hauptberuflich?

Nein und ja. Ich habe es mir selbst ausgesucht, Autor zu sein und das kommt bei mir an erster Stelle. Geld verdiene ich damit bei Weitem nicht genug. Also arbeite ich als redaktionelle PR-Bloggerin, Lektorin, sogar Event-Planerin oder im besten Fall kreative Texterin.

Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Am schönsten war für mich, so viele Menschen kennenzulernen, die alle aus diesem fusseligen Begriff Autorenholz geschnitzt sind. Wir alle kennen wohl das Gefühl, der einzige Mensch unserer seltsamen Art zu sein. Gleichzeitig zeigte mir die Zusammenarbeit aber auch, wo ich selbst stehe. Ich begriff, woran ich noch arbeiten kann, weil ich von anderen inspiriert wurde. Vor allem von unserer Lektorin Michaela Stadelmann. Aber habe auch gelernt, dass ich in Vielem schon sehr gut bin. Die Anthologie wird dazu führen, dass wir als Autoren mehr Selbstbewusstsein haben werden. Gerade die jungen unter uns, die bisher noch nichts veröffentlicht hatten. Das ist für einen Autor Gold und ich bin mir sicher, jeder von uns wird dadurch beflügelt bald seine eigenen Sachen reißen.

In deiner Geschichte wählst du die Form des Ich-Erzählers und sprichst den Leser auch direkt an. Hast du dies bewusst gewählt oder war es eher ein Ausprobieren?

Das war bewusst. Denn der Ich-Erzähler ist nicht derjenige, der die Emotionen erlebt, sondern diese beobachtet und noch schlimmer: sie verdrängt, sie nicht begreift. Dadurch erreichen die Emotionen den Leser durch einen Filter, einen Transmitter. Dazu haben wir die befremdliche Reaktion des Ich-Erzählers, die dadurch beim Leser eine noch stärkere Empathie durch Trotz hervorrufen.

Unabhängig davon ist der Ich-Erzähler immer ein emotionaler Erzähler, da er diese direkt vermittelt. Oder direkter. Während es in der dritten Person immer mit mehr Abstand passiert. Das ging bei so einem wichtigen Thema wie Emotionen natürlich nicht!

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Eine sehr kluge und auch psychologische „Technik“. Diese setzt wiederum voraus, dass der Leser gewillt ist, sich darauf einzulassen. Man könnte es auch dahingehend ausweiten, dass es für den Autor auch eine Möglichkeit ist, sich vom Geschehen zu distanzieren. Symbole von Distanz schaffen, findet man einige in deiner Geschichte.

Du meinst den Erzähler.

Ich meine z.B. den Schreibtisch.

Der Schreibtisch ist die symbolische Grenze, die der Ich-Erzähler zwischen sich und den Gefühlen zieht, ja.

Darum geht es ja auch eigentlich im Text, nicht um Liebeskummer. Das macht das Ich natürlich noch deutlicher. DARUM GEHT ES. Und nicht um beide auf der gleichen Ebene.

Wobei das Ich auch einfach ein Bedürfnis vom anderen überlagern zu versuchen könnte. Es gibt sich einem blutigen Steak hin, als sich mit dem Schmerz des Verlustes auseinanderzusetzen. Beides ist vielleicht Selbstquälerei, eines mehr, das andere weniger.

Ich finde eher, die Frau stellt sich ihrem Liebeskummer direkt. Sie erlebt aktuell Qualen, aber nur dadurch wird sie sie überwinden. Während der Ich-Erzähler sich mit der Auseinandersetzung drückt. Er geht mit Emotionen so um, wie es von der Gesellschaft gelehrt und verlangt wird: weitermachen, nicht wichtig nehmen. Dadurch wird er ewig hängenbleiben, nie damit zurecht kommen, immer hinter seinem Schreibtisch stecken bleiben. Das ist für mich die viel größere Selbstquälerei.

Er geht mit den Emotionen rational um, fast klinisch. Während sie Emotionen unerklärt für das nimmt, was sie sind.

Das klingt enorm reflektiert.

Ja, aber Reflexion kommt durch Auseinandersetzung und Bewusstsein. Dazu braucht man eben diesen Mut.

Mut braucht es. Richtig! Nur so erreicht man Authentizität.

Liebe Magret. Ich danke dir für diese Reise in deine Gedanken. Du hast mich begeistert! Und den Lesern wird es sicher ganz genauso gehen.

Danke dir für das beflügelnde Gespräch!

 

 

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Leserkritik …

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… und wie ich damit umgehe.

 

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Letzten Monat erschien „Das Flüstern der Pappeln“, ein Kurzroman. Passend zum letzten Post über das Schreiben, und welchen Mut es bisweilen kostet, kann ich sagen, dass dieses Werk mein persönlichstes ist. Augen zu und durch, lautete das Motto beim Schreiben; und manche Passagen konnte ich nur unter Zwang überarbeiten, weil es einfach zu schmerzhaft war. Nun ja.

Nun kommen die ersten Leserstimmen rein, und angeregt durch einen Austausch mit dem Autor Benjamin Spang und euren Kommentaren auf den Mut-Post, erzähle ich heute davon.

Hier der Auszug der Kritik von Phat Girl: (Enthält Spoiler)

„Hennie. Ich weiß  nicht, was ich über sie denken soll. Mir ist sie zu derb im Bezug auf die Oma und die Mutter. Sehr deutlich, direkt, krass und so bissl Arschloch und Egomane. Zynisch. Sie sagt, was sie denkt und kümmert sich einen Dreck darum, wie es bei anderen ankommt. Der einzige, der sie zu nehmen weiß, bei wem sie sich zu benehmen weiß, ist der Vater. Sie, die einst abgehauen ist und die große weite Welt gesehen hat, kommt nun wieder angekrochen und denkt, sie weiß, wie das Leben und Arbeiten funktioniert und das gibt ihr das Recht, denkt sie zumindest, alle zur Veränderung zu drängen und deren Lebensweisen infrage zu stellen.“

Die Leserin ist damit unzufrieden, wie es scheint, ich aber nicht. Ich wollte den Charakter so. Bei einer Geschichte wie „Das Flüstern der Pappeln“, bei der eher die Charakterstudie als der Plot an sich im Vordergrund steht, sollten es die Persönlichkeiten sein, die an einem rütteln. Allerdings, und das ist der große Unterschied, ist Hennie-Hauptfigur in der Geschichte- der Leserin total unsympathisch, mir aber nicht. Das hat mich verwundert. Darüber könnte ich eine lange, eine sehr lange Zeit nachdenken. Was sagt uns das? Dass jeder Leser seine eigene Geschichte mitbringt. Natürlich, so muss es sein! Wenn meine Protagonisten nichts auslösen beim Leser, keine Emotionen, sondern nur regristiert werden, dann wäre ich sehr bestürzt und todtraurig. Ehrlich. Weiter geht’s:

„Die Mutter ist gefangen im jahrelangen, gleichen Schema und Muster. Trottet so vor sich hin. Lebt und liebt ihr ländliches Dasein, auch die damit verbundene Eingeschränktheit. Nicht weltoffen. Zu inkonsequent mit Hennie. (…)“

Mir hat das mit der Eingeschränkheit gefallen: Ein Punkt, den ich nicht beschrieben habe, und der trotzdem so wahrgenommen wurde, wie es meine Absicht war.

„Das ständige Erwähnen der Suche, des Fährmanns, und Hennie immer wieder als Künstlerin darzustellen – Das hat mich richtig genervt. Ich hatte das Gefühl, dass man hier unbedingt diesen Stempel aufdrücken will.“

Okay. Da schluckt man erstmal. Genervt. Ui. Da habe ich etwas, was auch das Handwerk betrifft. Wiederholungen. Das habe ich schon mehrmals gehört. Etwas, woran ich arbeiten muss. Nicht nochmal, Julia! Ich habe also lange darüber nachgedacht. Das Erste ist, dass ich einfach auf Wiederholungen im Text stehe. Zweitens: Ich habe mich zu sehr als Hennies Anwältin gesehen. Ja, sie ist, wie sie ist, und das ist nicht einfach. Doch es sind Dinge geschehen, die sie zu dem gemacht haben. Genauso wie ihre Mutter, die zweite polarisierende Figur. In Hennie ist vielleicht zu viel von der Autorin drin, oder die Autorin hat zu wenig Distanz genommen. Ähem …

Und das sagt BlaueNadine:

„Hennie finde ich nicht zu depressiv. Sie ist ja gerade in einer Umbruchsphase. Durch ihre sehnuchtsvolle Seite ist das Depressive nicht so spürbar.
Die Eltern kommen sympathisch rüber und gleichzeitig sind sie mit ihrer Fürsorge nervend. Ich vermute, dass das noch mehr wird …
Hennie ist agressionsgehemmt und hat Schuldgefühle. Ich kann sie gut leiden. Oft erkenne ich mich in Hennie wieder.“

Aha! Das sind sie nun, die Packen eigener Dinge, die jeder mitbringt. Im Grunde genommen ist das ganz interessant, Phat Girl ist die Mutter sympathischer, und BlaueNadine die Tochter.

„Die Mutter ist ne Nervensäge. Sie scheint besessenes Arbeiten zu kennen, das macht sie wieder sympathisch … Ich hätte mir noch mehr Streit gewünscht … Jetzt hab ich mit der Mutter Mitgefühl. Das stört mich etwas, weil ich mich gerne noch aufgeregt hätte …“

Persönlichkeiten zu entwerfen, die jedem gefallen, ist unrealistisch und sollte auch nicht Ziel des Autors sein. Mir ist das klar, dennoch bin ich überrascht, wie verschiedenen die beiden Hauptfiguren ankommen. Schon klar, das ist alles sehr psychologisch, aber was soll ich sagen? Es geht um Menschen, um das Zwischenmenschliche.

Zum Abschluss noch ein Satz, der für alle Kritik entschädigt: „Die Leidenschaft beim Schreiben habe ich richtig gespürt. Die Art des Schreibens, die Wahl der Wörter, den Ausdruck und Satzbau – Das hat mich fasziniert. Davon, genau so, möchte ich mehr lesen.“ (Phat Girl)

😉 Das macht einen doch happy, oder?

 

Mehr Mut beim Schreiben!

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Letztes Jahr las ich einen Artikel darüber, dass man sich mehr trauen sollte beim Schreiben. Oder überhaupt was trauen. Exhibitionistisches Schreiben. Immer wieder denke ich an die Worte, die der Schriftsteller an alle, die schreiben, richtete. Und am meisten an sich selbst.

Ich versuche das auch. Es gehört immer dazu, was von sich preiszugeben, das ist klar. Kunst ist immer dann am besten, wenn sie persönlich ist. Das macht sie authentisch. Kunst drückt etwas aus. Eine Geschichte tut das, sie erzählt nicht nur. Ich muss zugeben, dass ich damit Probleme habe. Viel zu oft halte ich eine Figur zurück, weil ich denke, ich selbst würde das jetzt nicht tun. So ein Unsinn!

Bei meinem derzeitigen Projekt geht es auch schon wieder los. Die Heldin ist die 17jährige Sarah (mit dem Namen bin ich noch unzufrieden), die zwar sensibel und empathisch ist, aber auch aufbrausend, wild, und gern mal Jungs eine scheuert. Wie entwickelt man solch einen Charakter, der einem selbst nicht ähnlich ist? Wie baut man ihn aus und hält an den geschaffenen Merkmalen fest? Nicht einfach, die Aufgabe, aber ich freue mich drauf. Ich muss mir mehr trauen. So einfach ist das …

Wenn ihr irgendwelche Tipps habt, immer her damit!

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