Sehnsucht, Fernweh und Kontraste – Im Gespräch mit Vanessa Glau.

Die Veröffentlichung der Anthologie rückt immer näher! Wir sind alle sehr aufgeregt und irgendwie in panischer Freude versunken. Hier spreche ich mit Vanessa Glau über ihre Kurzgeschichte und das Schreiben.

 

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Vanessa Glau

Das Papierstudio

@VanessaGlau

 

 

 

 

 

 

Herzlich Willkommen in den Sehnsuchtsfluchten, liebe Vanessa!

Dankeschön! Ich freue mich sehr, dass ich dabei bin.

Das Thema der Anthologie ist ein großes: Emotionen. In deiner Geschichte „Gespräche mit Bergen“ findet sich einiges, das Emotionen auslöst. Hast du die Geschichte extra für die Sammlung geschrieben?

Ja, habe ich. Wenn ich mich richtig erinnere, bin ich zu einer Zeit auf Nikas Aufruf gestoßen, als es langsam wieder warm wurde und ich ziemlich heftiges Fernweh bekam. Das hat sich möglicherweise in der Geschichte niedergeschlagen.

Fernweh. Eine Sehnsucht, die viele Regungen in Menschen weckt. Du schickst deinen Protagonisten auf eine Reise in die Wildnis. Inwieweit suchst du in ihm dich selbst? Und in deinen Protagonisten allgemein?

Auf jeden Fall teile ich seine Sehnsucht nach den Bergen, dem Alleinsein. Hier in Österreich gibt es wunderbare Berge, aber Wanderwege sind auch gut besucht. Ich hoffe, dass ich mal ein paar ruhige Tage allein mit mir und der Natur verbringen kann. Natürlich gebe ich jedem meiner Protagonisten etwas von mir mit, um ihn gut schreiben zu können, aber ich versuche auch, mich nie auf denselben Aspekt zu konzentrieren. Das ist ein schöner Effekt beim Schreiben, dass man sich selbst sozusagen von verschiedenen Seiten betrachten kann.

Auf denselben Aspekt. Du meinst, den Fokus zu sehr auf einer bestimmten Charaktereigenschaft zu haben?

Ja, zum Teil. Aber ich achte auch darauf, dass meine Protagonisten sich untereinander nicht zu sehr ähneln. Klar, ich kann nur aus mir selbst heraus schreiben. Aber wenn ich nicht variiere, könnt ich genauso gut immer dieselbe Geschichte wiederholen und würde schreibtechnisch nie vom Fleck kommen.

Du sprachst die Einsamkeit an. Dein Protagonist sucht sie. Er scheint verschwinden zu wollen, er ist auf der Suche nach dem Nichtsein. Ist es beabsichtigt, dass im Gegenzug seine Freunde für die gesellschaftlichen Pflichten stehen, die an ihm zerren?

Ja. Ursprünglich waren diese Szenen nicht geplant, aber beim Schreiben habe ich schnell gemerkt, dass ich einen Kontrast zu seiner Zeit auf dem Berg brauche. Es sind nicht einmal gesellschaftliche Pflichten, sondern wohltätige und Protestaktivitäten, zu denen seine Freunde ihn überreden wollen. Sie meinen, wenn er nichts Besseres zu tun hat, kann er ebenso gut dabei helfen, die Welt zu verbessern. Dabei kann es genauso wertvoll, wenn nicht sogar wertvoller sein, zunächst an sich selbst zu arbeiten.

Der Kontrast war nötig? Magst du das erläutern?

Wenn ich diese Szenen nicht hinzugefügt hätte, wäre weniger klar gewesen, warum er unbedingt auf den Berg steigen wollte. Außerdem konnte ich seinen Hintergrund ein wenig beleuchten, etwa dass seine Freunde ihn als leidenschaftlichen Bergsteiger kennen oder dass er nicht sehr sozial ist – vielleicht auch kein Interesse daran hat, sich vor anderen zu erklären. Ohne diese Szenen wäre die Geschichte weniger interessant geworden, denke ich.

Du wählst als Rückzugsort, als Entschleuniger, den Berg. Überhaupt liest man bei Dir sehr liebevolle Worte zu Wiese, Grün und Blatt. Wie wichtig ist Dir die Natur in Deinen Erzählungen?

Es ist witzig, in letzter Zeit schleicht sie sich fast von selbst in so gut wie jede Geschichte hinein. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und in letzter Zeit ist mir noch stärker aufgefallen, wie sehr ich die Wiesen und Felder liebe, die ich so gut kenne. Auch die Berge, die ich im Sommer oft besuche. Vielleicht dient das Schreiben über die Natur auch als kleiner Ausgleich, da ich im Alltag gezwungenermaßen sehr viel vor dem Computer sitze.

Ich nehme sozusagen vorweg, was ich an freien Tagen bei schönem Wetter unternehmen möchte.

Oh, da klingt ordentlich Sehnsucht raus.

Dennoch haben wir auch Bedrohliches in der Geschichte: Die Klettertour, der Sturm, der Hunger.

Ja, da sind auch kleine Schnipsel aus meiner Erfahrung drin. Etwa wenn man beim Wandern einen Bach überquert und abwägen muss, ob man den Sprung schafft oder nicht. Fußstellung, Winkel, Kraft hinter dem Absprung. Dort, wo ich bisher unterwegs war, besteht zwar keine Gefahr, aber was ist, wenn man sich in einem unbewohnten Gebiet den Knöchel verstaucht?

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Wir haben jetzt die Emotionen als wichtigen Zusatz erörtert. Wie sieht es aus, wenn Du liest? Wie wichtig ist es Dir, Gefühle in Texten zu finden? Wie erreichen sie Dich?

Das ergibt sich zum Teil aus den Genres, die ich gerne lese, besonders bei romantischer Fantasy. Meist sind es die Gefühle zwischen Charakteren, ihre Beziehung, die durch fantastische Aspekte oft vor neue Herausforderungen gestellt wird. Magie verleiht der Handlung oft zusätzlich Farbe und ich lese immer wieder gerne darüber, wie Charaktere mit scheinbar unmöglichen Phänomenen umgehen.

Natürlich finden sich auch in realistischen Geschichten intensive Gefühle … aber ich gebe zu, dass ich mich am meisten zu Unerklärlichem hingezogen fühle, über das die Charaktere staunen oder vor dem sie sich vielleicht fürchten

Eine sehr schöne Antwort! Dann suchst Du in einer Geschichte neben Dir selbst auch ein wenig Abenteuer?

Ja, wie gesagt liebe ich Fantasy und die bunten Welten, die dabei entworfen werden. Nicht zuletzt als Übung für die Vorstellungskraft. Maggie Stiefvater, die ich sehr bewundere, hat einmal gesagt, dass gute Bücher sie in eine andere Welt entführen müssen. Der Meinung bin ich auch. Es kann etwas ganz Kleines sein wie ein exotisches Land oder eine revolutionäre neue Sichtweise auf Altbekanntes, aber eben auch etwas Großes wie eine Fantasywelt.

Wenn wir über das Handwerk beim Schreiben reden: Denkst Du, dass es bestimmte Kniffe gibt, wie man Emotionen beim Leser wecken kann?

Ich bin sogar sicher, dass es viele Kniffe gibt. Allerdings schreibe ich selbst eher instinktiv und habe gerade erst begonnen, den Prozess etwas überlegter anzugehen. Bisher habe ich Gefühle immer an Charakteren festgemacht. Sie sind es, die ich zum Leben erwecken will, damit der Leser intensiv mit ihnen mitfühlt.

Da ist er doch, der Kniff! Das gelingt dir übrigens sehr gut!

Danke!

Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Jedenfalls nicht wie Arbeit. 😉 Zunächst habe ich schon lange nicht mehr so konstruktive Kritik zu einer Kurzgeschichte bekommen und noch nie so viel überarbeitet. Außerdem hatte ich Spaß bei dem Austausch mit unserer Lektorin und den anderen Autoren – vor allem auch bei Diskussionen über Sprache und darüber, was geht und was nicht.

Und ein angenehmer Nebeneffekt war die Entdeckung so vieler interessanter Werke anderer Autoren (wie etwa von dir, Julia!), die ich teils schon gelesen und teils noch auf meiner Liste habe.

Das freut mich sehr! Und mir ging es ganz genauso! Es ist wahnsinnig toll, schreibende Menschen ganz ohne Neid und Missgunst zu erleben. Und gelernt habe ich ebenfalls eine Menge in diesen Monaten.

Liebe Vanessa! Wir danken dir von Herzen für dieses wunderbare Interview!

Ich bedanke mich für die spannenden Fragen!

Das Geheimnis des Baumes

Das Geheimnis des Baumes

 

-eine Erzählung-

 

Julia von Rein-Hrubesch

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Das Cottage sollte mein Zuhause werden. Nur ein Wort, doch es steckt so viel mehr darin. Zuflucht, Geborgenheit, Sesshaftigkeit. Tatsächlich ist ein Haus, ebenso wie ein Zuhause, nur das, was ein Mensch daraus macht. Zu dieser Erkenntnis bin ich natürlich nicht durch die vier Wochen gekommen, in denen ich nun in meinem Cottage lebe, es ist der ganze Ort, es sind die Menschen, die ihn zu dem gemacht haben, was er ist.
Zuerst muteten sie etwas verschroben an, die Einheimischen, zu denen man übrigens erst nach mindestens zwanzig Jahren gehört. Doch nachdem ich meine Arroganz und meine Weltgewandtheit abgelegt hatte, durfte ich einen Blick in die Herzen der Menschen werfen, und er erst dann ließen sich mich einen Blick gewähren. Sie sind viel klüger als ich, und falls sie es doch nicht sind, sind sie viel reicher. Denn sie haben alles, weswegen wir anderen rennen, und zwar unser gesamtes Leben lang. Erst hier, in diesem rauen nordischen Klima, sehe ich klar. Es ist nicht das Haus, und der Garten, es sind auch nicht die verwinkelten Straßen und Gassen, es sind nicht die Felder, die sich bis zum Horizont erstrecken, es ist auch nicht der Wind, der uns Worte zuraunt, die uns staunen lassen. Es ist das, was wir aus diesen Worten machen.

Ich habe schon immer Buch geführt über meine Reisen, und nun ist es zu einem Tagebuch geworden. Ich habe mir extra ein neues dafür gekauft, eine hübsche Kladde mit hunderten blütenweißen Seiten, von denen ich gleich im Laden die ersten gefüllt habe. Die Erkenntnis, warum die Besitzerin des Schreibwarenhandels nicht mehr grantig wie am ersten Tag war, sondern mich sogar bei meinem Namen nannte, hatte mich dermaßen übermannt, dass ich es aufschreiben musste, an Ort und Stelle. Den Menschen, die hier im Ort leben, ist diese Erkenntnis nichts neues, vermutlich fließt sie in ihren Adern, vielleicht kommen sie schon damit auf die Welt.
Als ich den Laden am ersten Tag betreten hatte, lag noch der Staub der Welt auf meinen Schultern, und die Arroganz in meinem Herzen spiegelte sich in meinen Augen. Nun, da ich alles Überhebliche abgelegt habe, heißt man mich willkommen. Zwanzig Jahre auf Reisen, und erst in den letzten vier Wochen lerne ich das wirklich Wichtige.
Ich schreibe nun eine Begebenheit auf, die mir gestern Abend widerfahren ist. Jeden Tag erkunde ich die Landschaft, ich will mich an ihr laben, ich will sie mir einverleiben, mich von ihr heilen lassen. Sie zerrt an mir voller Ungeduld, sie hält mir einen Spiegel vor.
Auf einem Feldweg, den ich vorher noch nicht gegangen war, begegnete ich einem alten Mann, dem der Wind und das Wasser tiefe Furchen ins Gesicht gezeichnet hatte. In seinen Augen las ich neben kostbarem Wissen unbändige Freude. Gern hätte ich ihn nach dieser Freude gefragt, mehr noch als nach seinem Wissen, doch wir stellen uns zunächst vor. Und dann redeten wir über eine andere Sache, die nicht minder faszinierend war.
„Haben sie schon den Baum kennengelernt?“, wollte der Alte von mir wissen.
Ich runzelte die Stirn und öffnete den Mund, um etwas zu antworten, doch dann folgte ich seiner Hand, die in eine Richtung wies, und blieb mit meinem Blick an jener riesigen Eiche hängen.
„Das ist er.“, sagte der Alte nur. „Das ist der Baum, den man in jedem Ort findet. Unserer ist recht stattlich, finden sie nicht?“ Fragend schaute er mich mit seinen wissenden Augen an.
„Bitte klären sie mich auf.“, bat ich, zugebenermaßen sehr knapp, doch die Neugierde verstärkte meine ungeduldige Natur und verbat mir sämtliche höfliche Floskeln.
Der alte Mann richtete sich etwas auf, als wundere er sich über mich, doch dann erklärte er mir Folgendes:
„Jeder Ort hat einen Baum dieser besonderen Art. Es heißt, man müsse sich vor ihn stellen und an ihm heraufblicken. Dabei soll man seine Gedanken schweifen lassen. Man solle an sein Leben denken, und es überdenken. Hat man andere Wünsche, andere Forderungen an das Leben, welches man führt, so soll man den Baum dreimal beherzt umschreiten, mit langen Schritten. Und das Gewünschte würde eintreffen.“
Ich lauschte den Worten des alten Mannes, und als er seine Erklärung beendet hatte, sah ich ihn an, noch verwunderter als vorher. Doch er blickte nur wissend und lächelnd an dem Stamm der Eiche hinauf, und so tat ich es ihm gleich. So standen wir eine Weile, und in meinen Gedanken formten sich Fragen über Fragen, die ich an den alten Mann richten wollte. Doch bevor es dazu kam, hatte er schon die Hand zum Gruß gehoben und war davongegangen.
Das Geheimnis des Baumes wollte sich mir nicht preisgeben, so sehr ich auch danach forschte. Ich wusste sehr wohl, dass ich nur alleine darauf kommen konnte, das hatte ich in der Zeit, in der ich hier lebe, schon gelernt.
Erst nach vielen, vielen Jahren konnte ich das Geheimnis des Baumes ergründen, und ich vermute, dass es einen Grund dafür gibt.
Nun stehe ich an der Gabelung des Feldweges, die Bäume, die noch Winzlinge waren, als ich herzog, ragen nun weit hinauf in den Himmel, doch jener Baum erhebt sich noch immer über alle anderen. Ich sehe einen Wanderer kommen, einen Spaziergänger, und nach einer Weile erkenne ich in ihm den jungen Mann, der in eines der alten Cottages gezogen ist. Ich richte mich auf. Denn ich habe ihm eine Geschichte zu erzählen.

Ende