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Sehnsucht, Fernweh und Kontraste – Im Gespräch mit Vanessa Glau.

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Die Veröffentlichung der Anthologie rückt immer näher! Wir sind alle sehr aufgeregt und irgendwie in panischer Freude versunken. Hier spreche ich mit Vanessa Glau über ihre Kurzgeschichte und das Schreiben.

 

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Vanessa Glau

Das Papierstudio

@VanessaGlau

 

 

 

 

 

 

Herzlich Willkommen in den Sehnsuchtsfluchten, liebe Vanessa!

Dankeschön! Ich freue mich sehr, dass ich dabei bin.

Das Thema der Anthologie ist ein großes: Emotionen. In deiner Geschichte „Gespräche mit Bergen“ findet sich einiges, das Emotionen auslöst. Hast du die Geschichte extra für die Sammlung geschrieben?

Ja, habe ich. Wenn ich mich richtig erinnere, bin ich zu einer Zeit auf Nikas Aufruf gestoßen, als es langsam wieder warm wurde und ich ziemlich heftiges Fernweh bekam. Das hat sich möglicherweise in der Geschichte niedergeschlagen.

Fernweh. Eine Sehnsucht, die viele Regungen in Menschen weckt. Du schickst deinen Protagonisten auf eine Reise in die Wildnis. Inwieweit suchst du in ihm dich selbst? Und in deinen Protagonisten allgemein?

Auf jeden Fall teile ich seine Sehnsucht nach den Bergen, dem Alleinsein. Hier in Österreich gibt es wunderbare Berge, aber Wanderwege sind auch gut besucht. Ich hoffe, dass ich mal ein paar ruhige Tage allein mit mir und der Natur verbringen kann. Natürlich gebe ich jedem meiner Protagonisten etwas von mir mit, um ihn gut schreiben zu können, aber ich versuche auch, mich nie auf denselben Aspekt zu konzentrieren. Das ist ein schöner Effekt beim Schreiben, dass man sich selbst sozusagen von verschiedenen Seiten betrachten kann.

Auf denselben Aspekt. Du meinst, den Fokus zu sehr auf einer bestimmten Charaktereigenschaft zu haben?

Ja, zum Teil. Aber ich achte auch darauf, dass meine Protagonisten sich untereinander nicht zu sehr ähneln. Klar, ich kann nur aus mir selbst heraus schreiben. Aber wenn ich nicht variiere, könnt ich genauso gut immer dieselbe Geschichte wiederholen und würde schreibtechnisch nie vom Fleck kommen.

Du sprachst die Einsamkeit an. Dein Protagonist sucht sie. Er scheint verschwinden zu wollen, er ist auf der Suche nach dem Nichtsein. Ist es beabsichtigt, dass im Gegenzug seine Freunde für die gesellschaftlichen Pflichten stehen, die an ihm zerren?

Ja. Ursprünglich waren diese Szenen nicht geplant, aber beim Schreiben habe ich schnell gemerkt, dass ich einen Kontrast zu seiner Zeit auf dem Berg brauche. Es sind nicht einmal gesellschaftliche Pflichten, sondern wohltätige und Protestaktivitäten, zu denen seine Freunde ihn überreden wollen. Sie meinen, wenn er nichts Besseres zu tun hat, kann er ebenso gut dabei helfen, die Welt zu verbessern. Dabei kann es genauso wertvoll, wenn nicht sogar wertvoller sein, zunächst an sich selbst zu arbeiten.

Der Kontrast war nötig? Magst du das erläutern?

Wenn ich diese Szenen nicht hinzugefügt hätte, wäre weniger klar gewesen, warum er unbedingt auf den Berg steigen wollte. Außerdem konnte ich seinen Hintergrund ein wenig beleuchten, etwa dass seine Freunde ihn als leidenschaftlichen Bergsteiger kennen oder dass er nicht sehr sozial ist – vielleicht auch kein Interesse daran hat, sich vor anderen zu erklären. Ohne diese Szenen wäre die Geschichte weniger interessant geworden, denke ich.

Du wählst als Rückzugsort, als Entschleuniger, den Berg. Überhaupt liest man bei Dir sehr liebevolle Worte zu Wiese, Grün und Blatt. Wie wichtig ist Dir die Natur in Deinen Erzählungen?

Es ist witzig, in letzter Zeit schleicht sie sich fast von selbst in so gut wie jede Geschichte hinein. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und in letzter Zeit ist mir noch stärker aufgefallen, wie sehr ich die Wiesen und Felder liebe, die ich so gut kenne. Auch die Berge, die ich im Sommer oft besuche. Vielleicht dient das Schreiben über die Natur auch als kleiner Ausgleich, da ich im Alltag gezwungenermaßen sehr viel vor dem Computer sitze.

Ich nehme sozusagen vorweg, was ich an freien Tagen bei schönem Wetter unternehmen möchte.

Oh, da klingt ordentlich Sehnsucht raus.

Dennoch haben wir auch Bedrohliches in der Geschichte: Die Klettertour, der Sturm, der Hunger.

Ja, da sind auch kleine Schnipsel aus meiner Erfahrung drin. Etwa wenn man beim Wandern einen Bach überquert und abwägen muss, ob man den Sprung schafft oder nicht. Fußstellung, Winkel, Kraft hinter dem Absprung. Dort, wo ich bisher unterwegs war, besteht zwar keine Gefahr, aber was ist, wenn man sich in einem unbewohnten Gebiet den Knöchel verstaucht?

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Wir haben jetzt die Emotionen als wichtigen Zusatz erörtert. Wie sieht es aus, wenn Du liest? Wie wichtig ist es Dir, Gefühle in Texten zu finden? Wie erreichen sie Dich?

Das ergibt sich zum Teil aus den Genres, die ich gerne lese, besonders bei romantischer Fantasy. Meist sind es die Gefühle zwischen Charakteren, ihre Beziehung, die durch fantastische Aspekte oft vor neue Herausforderungen gestellt wird. Magie verleiht der Handlung oft zusätzlich Farbe und ich lese immer wieder gerne darüber, wie Charaktere mit scheinbar unmöglichen Phänomenen umgehen.

Natürlich finden sich auch in realistischen Geschichten intensive Gefühle … aber ich gebe zu, dass ich mich am meisten zu Unerklärlichem hingezogen fühle, über das die Charaktere staunen oder vor dem sie sich vielleicht fürchten

Eine sehr schöne Antwort! Dann suchst Du in einer Geschichte neben Dir selbst auch ein wenig Abenteuer?

Ja, wie gesagt liebe ich Fantasy und die bunten Welten, die dabei entworfen werden. Nicht zuletzt als Übung für die Vorstellungskraft. Maggie Stiefvater, die ich sehr bewundere, hat einmal gesagt, dass gute Bücher sie in eine andere Welt entführen müssen. Der Meinung bin ich auch. Es kann etwas ganz Kleines sein wie ein exotisches Land oder eine revolutionäre neue Sichtweise auf Altbekanntes, aber eben auch etwas Großes wie eine Fantasywelt.

Wenn wir über das Handwerk beim Schreiben reden: Denkst Du, dass es bestimmte Kniffe gibt, wie man Emotionen beim Leser wecken kann?

Ich bin sogar sicher, dass es viele Kniffe gibt. Allerdings schreibe ich selbst eher instinktiv und habe gerade erst begonnen, den Prozess etwas überlegter anzugehen. Bisher habe ich Gefühle immer an Charakteren festgemacht. Sie sind es, die ich zum Leben erwecken will, damit der Leser intensiv mit ihnen mitfühlt.

Da ist er doch, der Kniff! Das gelingt dir übrigens sehr gut!

Danke!

Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Jedenfalls nicht wie Arbeit. 😉 Zunächst habe ich schon lange nicht mehr so konstruktive Kritik zu einer Kurzgeschichte bekommen und noch nie so viel überarbeitet. Außerdem hatte ich Spaß bei dem Austausch mit unserer Lektorin und den anderen Autoren – vor allem auch bei Diskussionen über Sprache und darüber, was geht und was nicht.

Und ein angenehmer Nebeneffekt war die Entdeckung so vieler interessanter Werke anderer Autoren (wie etwa von dir, Julia!), die ich teils schon gelesen und teils noch auf meiner Liste habe.

Das freut mich sehr! Und mir ging es ganz genauso! Es ist wahnsinnig toll, schreibende Menschen ganz ohne Neid und Missgunst zu erleben. Und gelernt habe ich ebenfalls eine Menge in diesen Monaten.

Liebe Vanessa! Wir danken dir von Herzen für dieses wunderbare Interview!

Ich bedanke mich für die spannenden Fragen!

Johnny Cash, Eva und Marylin Manson – Im Gespräch mit June Is.

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Hier präsentiere ich euch das dritte Interview im Rahmen unserer Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“, die im August erscheinen wird! Diesmal habe ich June Is ausgefragt, die zwei sehr unterschiedliche Geschichten für die Sammlung geschrieben hat.

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June Is

http://www.cluewriting.de/autorin-june-is/

@ypical_writer

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe June! Wir begrüßen dich recht herzlich an Bord der Sehnsuchtsfluchten!

Danke, liebe Julia!

Das erste, was an deiner Geschichte ins Auge sticht, ist tatsächlich der Name der Autorin. Magst du uns etwas darüber erzählen?

Im Studium begannen meine Studienkollegen, mich June zu nennen. Denn im Lateinischen bedeutet das „Die Blühende“ – ich sprühte immer vor Ideen (im Studium sowieso und auch hobbymäßig) und manchmal schüttelten alle den Kopf und waren dann erstaunt, dass ich es schaffte, manche durchzusetzen. Das hat allerdings nicht immer was mit der Schreiberei zu tun gehabt. Die Krönung war dann, dass ich Jahre nach dieser Namensgebung einen Freund hatte, der sich Johnny Cash modisch und musikalisch als Vorbild nahm und naja, der hatte doch auch eine June … und dann das „is“, das kam erst für die Veröffentlichungen, da man immer oder oft einen Vor- und Zunamen braucht. Ich finde die Vorstellung von „June ist“ in der Übersetzung sehr schön. Hat etwas Buddhistisches. Einfach sein. Aber man kann dann auch mit den Titeln spielen. Zum Beispiel schreibe ich mal irgendwann ein Buch namens „Liebe“, steht da auf dem Cover „June is – Love“.

Das gefällt mir sehr gut! Eine deiner Geschichten, die du für die Anthologie geschrieben hast, trägt dadurch ebenfalls solch eine „kombinierte Überschrift“: June is Eve. Spielst du hier mit der Identifikation zum Protagonisten?

Ja, die Identifikation ist nicht abzustreiten. Auch, wenn mir nicht passiert ist, was der Protagonistin passiert ist, so gefällt mir doch die Vorstellung, dass gerade in uns Menschen viel „Eve“ steckt. Den Namen wählte ich nicht ohne Grund. Wir würden doch (fast) alle von der verbotenen Frucht essen, um uns weiterzuentwickeln. Unterstelle ich mal 😉

Der Feminismus darin ist allerdings nicht gewollt, Eve ist geschuldet dessen, dass ich eine Frau bin. Wobei „June is Adam“ hätte auch irgendwas Interessantes. June is die Emiliafrage – das verbündet sich mit dem Theater-Protagonisten und leidet mit allen Deportierten (Emilia). Also es passt auch hier.

Allein mit der Wahl deines Künstlernamens hast du ja einen sehr großen emotionalen Bezug zu den Figuren und den Geschichten, die sie erleben. Emotionen ist auch das Thema der Anthologie. Könntest du dir vorstellen, dass es an irgendeinem Punkt mal schwierig sein könnte, dich selbst mit einzubringen? In einer Erzählung zu sehen?

Wenn man beispielsweise über Themen schreibt, die man selbst nicht erlebt hat (z.B. gewalttätige Eltern), gerät man schnell an seine (emotionalen) Grenzen. Ich nehme mir dann die Wut im Bauch vor, ein mir bekanntes Gefühl in anderen Gebieten, und übertrage es auf den/die Peiniger. So eine Art persönlicher Trick für Grenzgebiete. Und dann ist der Bezug zum Protagonisten hergestellt.

Wie sieht es aus mit den „eigenen Dingen in einer Geschichte sehen“? Thema mutiges/exhibitionistisches Schreiben. Bist du dahingehend schon mal an deine Grenzen gestoßen?

Daran will ich mich demnächst mal wagen. Das Experiment startet also noch.

Du hast jedenfalls schon mal Lust auf diese Reise.

Ja, aber ich fürchte mich auch. Zugegeben.

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Wie wichtig ist es dir als Leser, dich mit dem Protagonisten identifizieren zu können?

Oh das ist romanabhängig. Zum Beispiel kann ich Biographien lesen von Männern, denen ich nie nacheifern würde. Zum Beispiel Marylin Manson. Dessen Tagebuch war ultrainteressant, aber Identifikation gleich Null. Und auch diese Lektüre bietet viel Platz für Emotionen, eben die weniger schönen: Ekel, Widerwillen. Ansonsten sprechen mich traurige Märchen an, weil man Mitgefühl entwickelt und sich vorstellt, wie man wohl selbst reagieren würde. Da ist die Identifikation höher.

Denkst du, es gibt gewisse Kniffe, also Handwerkliches, mit dem man Emotionen beim Leser hervorrufen kann?

Ich glaube, das Geheimnis ist, über Dinge zu schreiben, die einem selber nahegehen. Das ist der Kniff an sich. Wenn den Autor etwas nicht berührt, wird er es vielleicht nicht wiedergeben können.

Die Anthologie war ja auch ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie fandest du diesen Prozess?

Obwohl alles virtuell stattfand, war es ergiebig und vor allem unser „Wortknecht“ sehr verständnisvoll und hilfreich. Mit einigen anderen hatte ich nicht so viel zu tun. Ihr Herausgeberinnen habt jede Frage beantwortet und uns immer motiviert. Das war schön. Sonst wird man ja eher allein gelassen.

Liebe June, ich danke dir für dieses sehr interessante Interview!

Ich danke euch! Für das interessante Projekt, die vielen netten Menschen, die ich dadurch kennenlernen durfte und natürlich eure Arbeit, die ihr neben allem anderen in diese Anthologie investiert habt und noch werdet.

Orangen, Schreibtisch und Verlust – Magret Kindermann im Gespräch.

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Im Rahmen der Veröffentlichung der Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“ interviewen Nika Sachs und ich die Autoren und machen uns mit ihnen auf die Suche nach großen Gefühlen in Texten. Ich freue mich, heute das erste Interview präsentieren zu dürfen, welches ich mit der wundervollen Magret Kindermann geführt habe.

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Magret Kindermann,

Autorin des Romans Zwei Königinnen

themagret.com

@magretkind

 

 

 

 

Hallo liebe Magret! Wir freuen uns sehr, dich an Bord der Sehnsuchtsfluchten willkommen zu heißen!

Und ich freue mich, dabei sein zu können. Es ist mir eine Ehre mit so vielen tollen Autoren zusammenarbeiten zu können.

Emotionen. Ein großes Wort.

Vor allem etwas, das uns in jeder Minute unseres Lebens beeinflusst, selbst im Schlaf. Mich mehr als andere, denke ich manchmal. Ich gestalte selbst mein Essen emotional.

Moment. Du gestaltest dein Essen emotional? Erzähl!

Ich esse fast immer nach Gelüsten. Beim Aufwachen denke ich schon: Ich will eine Orange! Und ich bin verliebt in den Gedanken bis ich endlich eine bekomme und befriedigt die Schalen wegwerfe.

Oder auch andersherum. Wenn es mir nicht gutgeht, habe ich oft das Bedürfnis, Mist zu essen. Fettiges, mit viel Chemie. Weil ich möchte, dass ich meinen Körper genauso herabsetze wie sich mein Geist fühl. Dagegen kann ich aber auch steuern. Etwa mit Orangen! Dann trickse ich und zwangsläufig geht es auch meinem Geist besser.

Das verwende ich übrigens auch beim Schreiben viel, ist mir aufgefallen. Ständig kriegen Leser bei meinen Geschichten Appetit.

Das ist mir auch aufgefallen. Würdest du das als eine Verbindung zwischen dir und deinem Protagonisten beschreiben?

Puh. Du meinst, ob ich mich dadurch mit meinem Protagonisten identifiziere?

Nein.

Aber sie sind ein Produkt meiner Fantasie, meiner Weltanschauung. Dadurch entspringen sie natürlich meinen Vorstellungen von Menschen.

In meiner neuen Novelle etwa versuche ich die Protagonistin nichts mit Essen anfangen zu lassen. Hat nicht geklappt. Ich habe jetzt alles umgeschrieben und jetzt gibt es eine Schlüsselszene mit Pommes im Schwimmbad.

Das mit dem Gleichsetzen von Körper und Geist finde ich höchst interessant. Dieses Thema findet sich auch in deiner Geschichte „Ein Taschentuch aus dem nächsten Jahr“.

Ja. Weil Emotionen nie vom Körper zu trennen sind.

Kommen wir nochmal zur Identifikation zum Protagonisten. Welche Rolle spielt sie für dich? Gibt es hier einen Unterschied zwischen dir als Leser und dir als Autor?

Ich glaube, im Grunde kann sich jeder Mensch mit jedem Menschen grundsätzlich identifizieren. Denn irgendwo in unserem Erfahrungsschatz und Emotionschaos gibt es immer Überschneidungen. Die Kunst ist es für einen Autor, so zu schreiben, dass man sich als Leser mit jedem identifizieren kann. Mit einer Schickimickitussi mit YouTube-Kanal, mit Trump, mit einem Terroristen, mit Alice Schwarzer. Bestes Beispiel: Das Parfum von Patrick Süßkind. Da geht es um einen Mörder und jeder Leser identifiziert sich mit ihm.

Wenn ich also eine Geschichte lese, berührt sie mich, weil ich mich identifizieren kann. Weil ich auf emotionaler Ebene verstehe: Das könnte mir auch passieren. Wenn ein Autor das nicht schafft, lege ich als Leser das Buch weg.

Welch wunderbare Antwort! Du setzt allerdings hohe empathische Fähigkeiten voraus. Denkst du tatsächlich, dass jeder Mensch dazu in der Lage ist, eine gewisse Ebene zu finden, auf der er sich mit einem anderen Menschen identifizieren kann?

Nein. Aber jeder auf anderen Leveln. Deswegen sind manche Geschichten (vor allem Gedichte) nichts für mich oder erst viel später im Leben, wenn ich einen Zugang gefunden habe.

Dazu möchte ich noch einmal die Fähigkeiten des Autors hervorstellen.

Man kann es schaffen, heimlich den Leser etwas fühlen zu lassen, ohne dass er es beim Lesen merkt. Er wollte sich unterhalten lassen und beim Beenden merkt er: „Shit, was war das denn?“ Das sind die besten Bücher.

Das sagt uns viel über deinen Anspruch an einen Text. Hast du diesen Anspruch auch an dich selbst als Autor?

Oh ja. Und er steigt mit jedem Text. Meine Hauptansprüche sind eine fiktive Wahrheit zu erschaffen, dazu meine eigene Message zu finden und nicht zu kopieren. Ich interessiere mich sehr dafür, den Leser den Wahnsinn in ihm selbst entdecken zu lassen und diesen zu lieben. Und das ist nur der semantische Anspruch, dann kommt ja noch die Sprache!

Ein hoher Anspruch! Bringt er dich manchmal zum Hadern?

Nein, im Gegenteil. Er beflügelt mich. Weil ich damit Ziele habe, etwas zum Wachsen. Ich gebe mir damit als Autor selbst eine Bedeutung.

Ohne diesen Anspruch hätte ich keinen Stolz gegenüber meinen Texten. Denn warum auch? Worte aneinanderreihen kann jeder.

Du schreibst hauptberuflich?

Nein und ja. Ich habe es mir selbst ausgesucht, Autor zu sein und das kommt bei mir an erster Stelle. Geld verdiene ich damit bei Weitem nicht genug. Also arbeite ich als redaktionelle PR-Bloggerin, Lektorin, sogar Event-Planerin oder im besten Fall kreative Texterin.

Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Am schönsten war für mich, so viele Menschen kennenzulernen, die alle aus diesem fusseligen Begriff Autorenholz geschnitzt sind. Wir alle kennen wohl das Gefühl, der einzige Mensch unserer seltsamen Art zu sein. Gleichzeitig zeigte mir die Zusammenarbeit aber auch, wo ich selbst stehe. Ich begriff, woran ich noch arbeiten kann, weil ich von anderen inspiriert wurde. Vor allem von unserer Lektorin Michaela Stadelmann. Aber habe auch gelernt, dass ich in Vielem schon sehr gut bin. Die Anthologie wird dazu führen, dass wir als Autoren mehr Selbstbewusstsein haben werden. Gerade die jungen unter uns, die bisher noch nichts veröffentlicht hatten. Das ist für einen Autor Gold und ich bin mir sicher, jeder von uns wird dadurch beflügelt bald seine eigenen Sachen reißen.

In deiner Geschichte wählst du die Form des Ich-Erzählers und sprichst den Leser auch direkt an. Hast du dies bewusst gewählt oder war es eher ein Ausprobieren?

Das war bewusst. Denn der Ich-Erzähler ist nicht derjenige, der die Emotionen erlebt, sondern diese beobachtet und noch schlimmer: sie verdrängt, sie nicht begreift. Dadurch erreichen die Emotionen den Leser durch einen Filter, einen Transmitter. Dazu haben wir die befremdliche Reaktion des Ich-Erzählers, die dadurch beim Leser eine noch stärkere Empathie durch Trotz hervorrufen.

Unabhängig davon ist der Ich-Erzähler immer ein emotionaler Erzähler, da er diese direkt vermittelt. Oder direkter. Während es in der dritten Person immer mit mehr Abstand passiert. Das ging bei so einem wichtigen Thema wie Emotionen natürlich nicht!

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Eine sehr kluge und auch psychologische „Technik“. Diese setzt wiederum voraus, dass der Leser gewillt ist, sich darauf einzulassen. Man könnte es auch dahingehend ausweiten, dass es für den Autor auch eine Möglichkeit ist, sich vom Geschehen zu distanzieren. Symbole von Distanz schaffen, findet man einige in deiner Geschichte.

Du meinst den Erzähler.

Ich meine z.B. den Schreibtisch.

Der Schreibtisch ist die symbolische Grenze, die der Ich-Erzähler zwischen sich und den Gefühlen zieht, ja.

Darum geht es ja auch eigentlich im Text, nicht um Liebeskummer. Das macht das Ich natürlich noch deutlicher. DARUM GEHT ES. Und nicht um beide auf der gleichen Ebene.

Wobei das Ich auch einfach ein Bedürfnis vom anderen überlagern zu versuchen könnte. Es gibt sich einem blutigen Steak hin, als sich mit dem Schmerz des Verlustes auseinanderzusetzen. Beides ist vielleicht Selbstquälerei, eines mehr, das andere weniger.

Ich finde eher, die Frau stellt sich ihrem Liebeskummer direkt. Sie erlebt aktuell Qualen, aber nur dadurch wird sie sie überwinden. Während der Ich-Erzähler sich mit der Auseinandersetzung drückt. Er geht mit Emotionen so um, wie es von der Gesellschaft gelehrt und verlangt wird: weitermachen, nicht wichtig nehmen. Dadurch wird er ewig hängenbleiben, nie damit zurecht kommen, immer hinter seinem Schreibtisch stecken bleiben. Das ist für mich die viel größere Selbstquälerei.

Er geht mit den Emotionen rational um, fast klinisch. Während sie Emotionen unerklärt für das nimmt, was sie sind.

Das klingt enorm reflektiert.

Ja, aber Reflexion kommt durch Auseinandersetzung und Bewusstsein. Dazu braucht man eben diesen Mut.

Mut braucht es. Richtig! Nur so erreicht man Authentizität.

Liebe Magret. Ich danke dir für diese Reise in deine Gedanken. Du hast mich begeistert! Und den Lesern wird es sicher ganz genauso gehen.

Danke dir für das beflügelnde Gespräch!

 

 

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Wonach sehnst du dich?

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… hat die wundervolle Nika Sachs in ihrer Ausschreibung für eine Anthologie gefragt. Das Thema: große Emotionen. Natürlich war ich sofort Feuer und Flamme! Und als ich gefragt wurde, ob ich als Herausgeberin mit an Bord kommen wolle, hätte ich nicht lauter „Ja!“ rufen können.titelbild_2

Monate liegen hinter uns, in denen wir Texte gesichtet und Profis an unsere Seite geholt haben. Für Lektorat und Satz konnten wir Michaela Stadelmann gewinnen, worüber wir ganz besonders froh sind, auch wenn es einiges an Zickerein und Fast-Tränen gekostet hat. (Ich gehe hier mal vornehmlich von mir aus.) Blut und Schweiß und Tränen, nicht wahr? Doch inzwischen kann besonders ich sagen, dass allein durch diese Zusammenarbeit mein Schreiben einen enormen … Schub bekommen hat. Vieles kann ich für mein zukünftiges Arbeiten als Autorin nutzen, und einiges werde ich für immer anwenden können! Ich hoffe, dass es den anderen Autoren ebenso geht. Auch wenn unsere Herz-Lektorin auch mal Namen wie „Wortknecht“ bekommen hat 😉

Die Anthologie war auch etwas wie ein Experiment. In einer Chatgruppe wurden, unabhängig von den jeweilgen Geschichten, Gedanken zusammengetragen und Schreibübungen durchgeführt. Bei der Entstehung des wundervollen Werkes waren also alle Autoren beteiligt, und zwar auf allen Ebenen.

Und nun ist es bald soweit: Im August erscheint Sehnsuchtsfluchten. Ich bin ziemlich aufgeregt und sehr glücklich. So nahe habe ich mich dem Schreiben und dem Leben damit noch nie gefühlt. Um das Buch den Lesern schmackhaft zu machen, haben wir uns etwas ganz besonderes ausgedacht: Wir laden die Autoren zu einem Gespräch ein, in dem wir sie ganz dreist über ihr Schreiben und die Geschichte zur Anthologie mit diesem besonderen Thema ausfragen. Die Interviews werden abwechselnd auf meinem und auf Nikas Blog veröffentlicht. Juhu!

Freut euch mit uns …

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Die Stimme eines schmeichelndes Teufels.

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Oder: Er hielt mich mit der ganzen Kraft seiner Besessenheit fest.

Stephen King ist besessen. Er ist hingerissen von dem Gedanken an die Suche nach einer Tür, die uns zu dem führt, das nach dem Tod auf uns lauert. Das wissen wir seit Friedhof der Kuscheltiere. Und was bei der dieser Suche rausgekommen ist, wissen wir auch. Nichts Gutes.

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Bei The Revival ist es gleich und ganz anders. King schreibt über das, über was er am besten Bescheid weiß. Den Mensch und all seine Abgründe. Sie scheinen auf den ersten Blick nicht so tief und dunkel zu sein, doch Abgrund ist Abgrund. The Revival liest sich wie eine Biographie, auch bei Dolores war das schon so. Während es sich bei den meisten Werken meines Großmeisters um aktuelle Ausschnitte des Protagonisten – eine Jetzt-Aufnahme – handelt, zeichnet King in diesem Roman das gesamte Leben vom sechsjährigen Jamie bis zum einundsechzigjährigen Jamie. Ein Mammutprojekt! Nicht nur als Leser frage ich mich, wie man das überwindet ohne Längen. Leider gelingt das nicht. Das, oder es ist meiner eigenen Ungeduld geschuldet. King erzählt gern. Allerdings lese ich ihn wieder lieber als zu der Zeit, als Puls erschien. Da redete und redete und redete er nur. Und die Längen in Revival verzeihe ich, dennoch überlege ich, ob und wie man sie verhindern könnte. Es gibt ein Kapitel im Buch, eher ein Geschehen, bei dem ich das Gefühl hatte, der Autor langweilte sich damit. Es war nötig, um Logik und Fortlauf aufrecht zu erhalten, doch es war öde. Hm. Was also tun?

Interessant ist auch der Fakt, dass sich das Finale auf einen recht kleinen Teil beschränkt. 124 von 509 Seiten. Ist das jetzt viel oder wenig? Das eigentliche Ende, und mit Ende meine ich WAS?, ist etwa 40 Seiten lang. Und dieses Ende würde ich mir gern auf ein Shirt drucken lassen. Das ist King. Hier kommt der Horror. Vorher, in dem ellenlangen Text, in der die Liebe des Autors zum Erzählen zum Vorschein kommt und der auf das Ende … vorbereitet, geht es um die Menschen. Um ihr Bestreben, mit der Welt fertig zu werden und den Preis, den das mit sich bringt. Bei King geht es immer um einen Preis. Wir alle müssen zahlen. Und es geht wieder um Musik. Jamie, unser Held, ist Musiker, und wer nicht wirklich alle Details über ein Leben als Musiker lesen will, der sollte die Finger davon lassen. King kennt sich aus, und mehrere Male überkam mich das Gefühl, er muss beinahe zwanghaft berichten. Wie eine Schuld, die er zu bringen hat. Ach, ich rede nur 😉 Um Schuld geht es auch in The Revival. Um Drogen und Sucht und Krankheit; die Schuld steht jedoch an erster Stelle. Das hat mir gefallen. Dieser enorm dicke rote Faden.

Ich könnte noch endlos weiter reden, höre aber jetzt auf. Ich bin King Fan, seit ich zehn Jahre alt bin, das wisst ihr ja …

In wenigstens einer Hinsicht ist unser Leben wirklich wie ein Film. -Erster Satz aus The Revival. Hallo Simon! 😉

Das Leben ist ein Rad, und es dreht sich immer wieder dahin, wo es angefangen hat.

Nun mag man vielleicht sagen, ich hätte es trotzdem sehen müssen, da eigentlich sämtliche Teile vorhanden waren, aber ich bin Gitarrist, kein Detektiv, und was deduktive Fähigkeiten angeht, war ich nie der Schnellste.

So führen wir nämlich unsere eigene Verdammnis herbei – indem wir bewusst die Stimme überhören, die uns anfleht innezuhalten.   

Überschrift sowie der erste Satz: Zitat aus The Revival von Stephen King. Alle anderen Zitate sind gekennzeichnet.-

Mai

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Eines schönes Wort als Überschrift, oder? Ja, ich war lange nicht mehr hier, sehr lange sogar. Dafür habe ich heute etwas Schönes, das ich mit euch teilen möchte: Ich wurde interviewt!

Ich rede unheimlich gern über Bücher, und noch lieber über das Schreiben. In dem Interview von Kia Kahawa zur #Autorinnenzeit ging es um vieles, was ihr schon von mir kennt. Und vielleicht entdeckt ihr etwas, was ihr noch nicht kanntet.

Auf jeden Fall wünsche euch viel Vergnügen mit dem Text!

 

http://www.kiakahawa.de/index.php/2017/05/04/fuer-seine-emotionen-in-den-kampf-ziehen/

 

Versatile Award!

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versatile-blogger-awardSchaut mal; was für eine wundervolle Nominierung! Ich finde es tatsächlich nicht nur abwechslungsreich, sondern auch sehr spannend, zu jemandem zu sagen: Erzähl doch mal! Das gefällt mir sehr. Nominiert hat mich der großartige Simon Segur, der neben seiner Reise durch Eis und Endzeit unermüdlich auf der Suche nach Zeit ist, um wunderbare Blogeinträge zu erfassen. Und für alle, die seinen Frankfurtroman noch nicht gelesen haben – Jetzt aber zackig! Er ist wahrlich toll, und eine der Figuren bekommt hoffentlich ein SpinOff, denn ich habe mich ein bisschen in sie verguckt.

Nun zu den Fakten.

  1. Ich habe mit neun Jahren angefangen, heimlich die Stephen King Bücher meiner Mama zu lesen. Was das mit mir gemacht hat, will ich natürlich nicht so genau wissen, doch eines ist sicher: Die Leidenschaft, eine Geschichte so zu erzählen, dass jeder, der sie liest, ein Teil von ihr wird, hat mich für immer geprägt und wird es auch immer tun.
  2. Ich höre (meistens leider) auf Impulse, statt auf Vernunft. Jedes Jahr am 31. Dezember ist mein Wunsch für das nächste Jahr, erst zu den20160830_150118.jpgken und dann zu reden. Lange hält das nicht an.
  3. Ich bin ein Kind der Natur. Ich liebe Erde, Wasser, Wiesen und Bäume. Ganz besonders Bäume. Ich kann mich stundenlang damit beschäftigen, sie aufzusuchen und sie in Bildern festzuhalten. Ich bin einmal durch Morast gewatet, um die Rinde einer Pappel zu berühren.
  4. Alles, was extrem ist, ist mir zuwider. Das könnte ich ausschmücken, hier beschränke ich mich jedoch auf die Jahreszeiten. Vor dem Sommer verstecke ich mich, und zwar jedes Jahr aufs Neue. Ich mag hingegen alles, was mit Übergang zu tun hat. Frühling und Herbst passen da ja wunderbar dazu.
  5. Ich bin genusssüchtig. Auf ziemlich allen Ebenen.
  6. Ich habe Alpträume. Vermutlich ist es klug, hier mal zu Punkt Eins zu schielen. Sie begleiten mich mein Leben lang, und das Schreiben, überhaupt alles Künstlerische, ist ein guter Weg, damit umzugehen. Inzwischen sind wir eine Zweckgemeinschaft, tatsächlich sind meine besten Texte aus der tiefsten Dunkelheit der Nacht gekrochen. Wenn ich zu mild träume, weiß ich, dass ich genug schreibe. Und andersherum.
  7. Der Gedanke, irgendwann hauptberuflich zu schreiben, ist keine Option, sondern ein Ziel.

Uhhh, das war ja sehr … interessant. Nominieren möchte ich gern jeden, der das hier liest. Es ist tatsächlich spannend, etwas zu lesen, was nicht auf einer gestellten Frage beruht. So, als wäre es ein Geschenk. In diesem Sinne: Erzählt mal!