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-Lesen!

Ich wünsche euch einen tollen Start ins Jahr 2018! Ich habe beschlossen, mich nicht an Vorsätzen entlangzuhangeln, sondern mich auf auf die Highlights zu freuen. Da wären zum Beispiel die Buchmesse Leipzig im März, Maifeld Derby im Juni, der Sommerurlaub in Schottland/Dänemark oder Norwegen und die Buchmesse in Frankfurt. Ui, eine Menge, nicht wahr? Überhaupt bin ich für mehr Highlights, sie müssen ja nicht das Ausmaß einer Messe haben. Wie wäre es mit Blumen pflanzen, eigenes Gemüse ernten, tanzen gehen, einen Hund streicheln, die Küste aufsuchen oder … ähem ein Buch schreiben?

Und schon bin ich beim Thema. Ich erkenne einen Zaunpfahl, wenn er auf mich zukommt, und die liebe Magret hat einen ganzen Vorgarten geschwungen. Ich sollte mehr bloggen. Ja. Ich will.

Zurzeit bin ich viel mit Testlesen beschäftigt. Als ich für den Nachfolger der Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“ einen Text einreichte, hatte ich das Gefühl, noch nie so gut oder zufrieden gewesen zu sein. Es gibt einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Aussagen. Das Testlesen könnte man ein wenig mit Abteilungsreiten vergleichen. Ruft der Trainer Deinem Vorreiter etwas zu, prüfe, ob Du selbst diese Anweisung einhältst. Sind Deine Fersen unten, zeigen die Zehen zu Pferd, blickst du in Laufrichtung? Wenn ich einen Kommentar in das Manuskript setze, welches ich lese, frage ich mich, ob ich mich selbst daran halte. „Aber“ nach dem Komma finde ich hässlich? Warum zum Teufel schreibe ich das dann selbst? Einen Dialog mag ich nicht zerrissen haben durch endlos eingefügte Nebensätze nach der wörtlichen Rede? Dann sollte ich sie selbst knapp halten, oder? Einer meiner schlimmsten Hasslieben: Wiederholungen. Warum fällt es nur auf, wenn man andere Texte liest, dass man ständig bestimmte Adjektive verwendet? Also fing ich an, darauf zu achten. Inzwischen gebe ich meine Lieblingswörter zur Suche ein und bin dann erstmal sprachlos. Auch ich bin ein Wiederholungstäter!

Vielleicht ist das alles für euch selbstverständlich. Theoretisch war es das für mich auch, doch ich bin ein Praktiker. Ich muss alles selbst erfahren/erleben und die Konsequenzen spüren, damit ich es langhaltig umsetzen und ändern kann. Zusammenfassend kann ich also sagen, dass ich mich bei den Autoren bedanken muss, die mir ihr Manuskript zum Testlesen anvertrauen. Danke, liebe Autorenfreunde!

Ein Danke auch an meine treuen Blogleser. Ich freue mich über jeden Besuch und natürlich Kommentar von euch! Welches sind denn eure Highlights in diesem jungen Jahr?

 

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Die schönsten Worte.

… des Jahres stehen für mich schon jetzt fest.

Ich bin früh dran mit dem Jahresrückblick, besonders wenn man bedenkt, dass ich dieses Wissen schon im Sommer hatte. Die drei stärksten literarischen Werke 2017 für mich sind diese:

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Besonders entzückt bin ich, da es sich ausschließlich um Werke von Schriftstellerinnen handelt. Überhaupt bin ich sehr froh, dass ich im Lesejahr 2017 mal wieder etwas erleben durfte, was man Genuss nennen kann. Manchmal liest man, weil man über die Bestseller etwas wissen oder sagen möchte. Manchmal liest man aufgrund von Empfehlungen oder weil es sich um den Lieblingsautor handelt. Doch Lesegenuss garantiert das bei weitem nicht. Ich spreche von jener Freude am Lesen, die einen den ganzen Tag an die Geschichte denken lässt und sich auf den Abend freut, an dem man das Buch endlich wieder in Händen halten kann. Ich kann nur für mich sprechen, doch diese Freude, diese Lust sucht mich nur selten heim.

Neben der Euphorie darüber bewegte mich auch eine andere Frage: Schreiben Frauen anders? Warum? Und ist das für mich als Leser wichtig, wer die Geschichte erzählt? Vielleicht können wir uns irgendwann zu diesem Thema unterhalten, es klingt spannend …

Heute will ich euch jedenfalls von den Büchern vorschwärmen, die mich weinen, lachen, seufzen, verstehen und stolpern ließen. Sie nahmen und nehmen noch immer viel Raum in meinem Gedankenunsiversum ein. Ich gebe ihn gern.

Die drei Bücher, die meine Top 3 Liste bilden, könnten unterschiedlicher nicht sein. Eines ist eine Novelle, das andere ein Tagebuch, und das dritte ein Krimi. Klingt das nicht nach einer ganz hervorragenden Mischung?

Ich liebe Novellen, am liebsten lese ich diese Form von Erzählungen. Durch ihren Umfang, der in der Literatur ja eigentlich keiner ist, zwingen sie die Geschichte auf den Punkt zu kommen. Sie können sich keine Ausschweifungen leisten, müssen trotz Knappheit in der Lage sein, ein Universum zu öffnen. Magret Kindermann gelingt es, und zwar ganz vorzüglich.

„Das denken Sie jetzt. Doch wenn Sie einmal schweigen, ist das wirklich nicht leicht zu brechen. Wirklich. Das nächste Wort muss ja besser als Schweigen sein, es darf nicht gewöhnlich sein, denn weshalb gehört es nach der Stille sonst ausgesprochen? Das Wort würde ein echter Schwerthieb werden, die Achse, um die sich ihre Beziehung dreht. Und Sie wollen nach dem Salz fragen?“

(Zitat aus Tulpologie von Magret Kindermann, TWENTYSIX)

Magret Kindermann schreibt knapp. Ich mag Knappheit und ich weiß, wie schwer es ist, Geschichten auf diese Art einzufangen. Die Autorin schafft es mit Sätzen wie „Das musste die Erkenntnis der Vergänglichkeit sein.“, eine ganze Gedankenflut auszulösen. Magret Kindermann schreibt Geheimnisse. Ihre Sätze sind codiert, denn sie erzählen auf der ersten Ebene die Geschichte und bringen sie voran, und auf der zweiten Ebene erzählen sie vom Leben. Von all seinen Fragen. Meist entdeckt man in den zweiten Ebenen auch einen Hinweis zur Antwort. Das, liebe Leser, ist Kunst! Geht und entdeckt diese wundervolle talentierte Autorin!

Luc und sein Tagebuch. Ach. Der Schneepoet von Nika Sachs wurde bereits vor Erscheinen heftig diskutiert; ganz besonders ging es um die Frage, welches Werk etwas in den (großen) Verlagshäusern zu suchen hätte und warum und wer das zu entscheiden hat. Spannende Frage? Unbedingt! Und es ist nur eine von ersten Wellen, die sich momentan zu einem Meer auftürmen, welches die sichere Küste der Verlage umspülen will und wird. Auch darauf können wir sehr gern zurückkommen. Doch nun zum Schneepoet. Einen Tagebuchroman lesen klingt riskant? Natürlich! Warum man das Risiko dennoch eingehen sollte?

Zum Glück hört er mir weitesgehend vorwurfsfrei zu und ködert meine Kooperation bezüglich emotionaler Offenheit mit einem Versprechen. Ich weiß, dass er es halten wird, da ist er konsequent. Ich soll ihn jederzeit mit meinem Beziehungsschutt zumüllen. Solange ich mich um Lösungsansätze kümmere, ist er frei von Zynismus für mich da. Wenigstens etwas. In den letzten Jahren war sein allerwelthassender Sarkasmus oft genug ein Streitpunkt zwischen uns.

(Zitat aus Schneepoet von Nika Sachs, TWENTYSIX)

Nika Sachs redet gern in Schachteln, nicht nur, wenn es sich um Monologe handelt. Das Besondere an ihren verwobenen Sätzen ist das Ausmaß. Man verleibt sich dieses 5-Gänge-Menü von einem Satz ein, und erst nach einiger Zeit gelangt die Aussage über den Blutkreislauf ins Hirn und fängt dort an, Gedankengänge anzukurbeln, die schon mal einige Tage dauern können. Mitunter auch Wochen. Zuerst schmeckt man Sarkasmus und Ironie, mit ganz feinem Wortwitz im Abgang. Und dann, während der Verdauung, wird einem klar, dass es ja gar nicht witzig war, was da gesagt wurde. Dass es wahr und tragisch und echt ist. Unheimlich authentisch. Vielleicht ist es ja auch Zwang, dass man schmerzhafte Wahrheiten in buntes Papier einwickeln muss, damit man mehr Spaß am Auspacken hat? Nika Sachs gelingt das. Und das ist Kunst. Das, liebe Leser, ist Kunst!

Das dritte Werk ist ein Krimi von Bestsellerautorin Nicole Neubauer. Krimis lese ich kaum, darum ein doppeltes Juhu! Scherbennacht ist der dritte Teil der Waechter Reihe, und wurde bald nach Erscheinen als der beste gehypt. Ich war skeptisch. Niemals, dachte ich, kann ein Band meinem Schatz Moorfeuer (2.Teil) das Wasser reichen. Tja. Nun sitze ich da. Tatsächlich ist der dritte Teil der beste. Ich weiß gar nicht warum 😉 Er ist urban, zwar noch regional, doch für mich als Leser nicht mehr um die Ecke mit dem Donaumoos und Schauplätzen hier im Nachbarort. Warum also? Zuerst einmal ist die Scherbennacht ein wahrer Pageturner. Blödes Wort, doch ich benutze es, weil ihr alle wisst, was damit gemeint ist. Ich saß auf der Couch, außer Atem, die Decke um die Schulter gezogen und … weiter weiter weiter! Nicole Neubauer zaubert ohne Monologe und Schachteln. (Na klar, Krimi!) Es ist mir ein Rätsel, wie man es rein durch Dialoge und Handlungen schafft, Personen so klar zu zeichnen und ihnen einen Charakter anzuheften. Dies kommt mit einer Selbstverständlichkeit daher, dass ich ganz baff bin. Und die Autorin ist geduldig. Vielleicht erzählt sie gar stoisch. Sie weiß ja alles über ihre drei Protagonisten, und die sind alle nicht ohne, ganz und gar nicht! Dennoch wartet sie und findet dabei immer das richtige Tempo. Ich persönlich wollte im ersten Teil schon wissen, welches Geheimnis Waechter mit sich trägt, doch die Autorin kann ausharren und bringt mich als Leserin dazu, es ebenfalls zu können. Auch das ist Kunst! Das, liebe Leser, ist Kunst!

„Und der arme alte Waechter ist mal wieder der Letzte, der das erfährt.“ Er grunzte und stellte ein alkoholfreies Bier auf sein Tablett. „Ach, Michi. Du weißt, dass er gerade erst mit einem Wahnsinnigen mit einer Maschinenpistole diskutiert hat. Er hat das großartig gemacht.“ „Überfordert gewesen, alle Regeln gebrochen, ohne jeden Plan in die Gefahr gerannt und trotzdem am Ende irgendwie das Schwert aus dem Feuer gezogen.“  „Yeah, so kennen wir Hannes. Großartig.“

(Zitat aus Scherbennacht von Nicole Neubauer, Blanvalet)

Ich bedanke ich bei den Autorinnen für diese Geschichten! Sie sind ein Stück Kunst, an dem ich teilhaben darf, und dafür bin ich dankbar. Nicht nur für den Lesegenuss und für die Suche nach Antworten auf Fragen, die diese Werke gar kunstvoll in mir wecken, sondern auch für Inspiration und Vorbild.

Und nun, liebe Leser, lest diese Werke. Und erzählt mir von euren Highlights 2017!

Liebe Lesegrüße und ein buchstabenreiches Restjahr.

Schöpfen und Schreiben.

Ich möchte mich ganz herzlich bei euch bedanken! Ich bin überwältigt, wie viele Reaktionen ich auf meinen letzten Beitrag von euch bekommen habe, die meisten auf Twitter, einige in Mails. Vielen Dank!

Die Essenz aus dem, was ihr mir geschrieben habt, ist für mich: Disziplin. Egal, ob ich mich in Geduld üben sollte, warten, am aktuellen Projekt arbeiten, überarbeiten – all das hat mit Konsequenz zu tun. Mit euren verschiedenen Erfahrungen und Konflikten, die euch beim Schreiben begegnen und wie ihr damit umgeht, habt ihr mich nicht nur inspiriert, sondern auch motiviert. Ihr habt mich geschubst. Schreiben ist Arbeit. Das, was nach der Idee kommt, nach der Manie, nach dem Drang, sie einzufangen und so auszuleuchten, dass sie dem Bild im Kopf zumindest nahe kommt, ist anstrengend.

Weltenwandler zum Beispiel sagt: „Die Ideen sind nicht beleidigt, wenn sie irgendwo warten, bis das aktuelle Projekt fertig ist. Man kann auch nur in Ideen leben, willst Du?“

Tja, da hat er mich ordentlich erwischt 😉

Francis bringt es ebenfalls auf den Punkt: „Man hat ja leider nicht die Zeit, um an allem gleichzeitig zu schreiben. Da muss man halt Prioritäten setzen.“

Richtig. Das gehört zur Arbeit des Schreibens.

Magret ist diszipliniert und treu: „Wenn ich ein Projekt beendet habe, will ich es erst überarbeiten, ich will dann gar nichts anderes anfassen.“ Ein guter Tipp von ihr: „Eine Stunde arbeiten, ein Stunde etwas anderes machen.“ Sozusagen Pflicht und Kür auf der Waagschale. Auch sagt sie etwas sehr interessantes, worüber ich seitdem nachdenke: „Etwas Neues anfangen, während Dinge noch nicht beendet sind, ist anstrengend. Das ist für mich unbefriedigend.“

Ha! Das stimmt! Daraus kann ich gut für mich schöpfen. Es ist tatsächlich Mehrarbeit, da das nicht fertige Projekt im Hinterkopf jammert und quengelt und Raum und Energie beansprucht. Raum, der für das Neue vonnöten wäre.

„Du schuldest es dem Projekt, dass du es von vorn bis hinten führst und das Beste aus ihm herausholst. Vielleicht hilft dir dieser Gedanke.“ Ja, das tut er. Vielen Dank dafür, liebe Magret!

Manfred leidet ebenfalls am Gedankenüberschuss. Er löst es mit Struktur: „Mit meiner Lektorin hatte ich einen festen Zeitplan festgelegt, und nach ihm gearbeitet. Und manches Kopfkino muss ich gar nicht aufschreiben. Das reicht dann, wenn es in mir abläuft.“ Hm, sehr interessant. Er hat recht. Manche Geschichten sollte ich vielleicht einfach für mich behalten. Auch darüber denke ich nach.

Und nun schließe ich die offenen Dateine mit angefangenen Dingen und überarbeite mein aktuelles Herzprojekt. Ich danke euch!

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Was Wie Wo schreiben?

Nach der Inspiration kommt der Leerlauf, oder?

Als Autorin bin ich ja am meisten auf Twitter unterwegs, wo man viel mitbekommt, woran die anderen Schreiber so leiden. Die zwei häufigsten Leiden: Ideenmangel und Ideenüberschuss. Ich leide an letzterem. Und immer mehr frage ich mich, ob es wohl eher Managementmangel heißen sollte.

Dass ich leidenschaftlich schreibe, wisst ihr ja schön länger. Ich brauche diese Leidenschaft, eine Idee muss mich einholen, muss mich fangen und festhalten. Sie geißelt mich so lange, bis ich mir ihrer in dem Ausmaß angenommen habe, wie sie es verdient hat. So geschehen mit Das Flüstern der Pappeln. Auch das letzte Herzprojekt habe ich in einigen Wochen wahnhaft niedergeschrieben, mitten in der Abschlussphase meines großen Projektes „Nathen“.

Natürlich ist das Risiko namens Prokrastination extrem hoch, wenn man einen Ordner voller neuer Geschichten, Gesichter und Kribbeln hat. Kann es also sein, dass ich mich so davor drücke, bestehende Projekte zu überarbeiten, auseinanderzunehmen und anders wieder zusammenzusetzen? Sie auszubauen; kürzen, ändern, besser machen?

Wie geht es euch hinsichtlich dieser Situation? Kennt ihr sie überhaupt? Wie geht ihr damit um? Habt ihr Tipps für Zeitmanagement, macht ihr Pläne? Und woher holt ihr Motivation für Schreibstunden, an denen man sich seufzend an das Projekt setzt?

Liebe hoffnungsvoll seufzende Grüße …

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Sehnsucht, Fernweh und Kontraste – Im Gespräch mit Vanessa Glau.

Die Veröffentlichung der Anthologie rückt immer näher! Wir sind alle sehr aufgeregt und irgendwie in panischer Freude versunken. Hier spreche ich mit Vanessa Glau über ihre Kurzgeschichte und das Schreiben.

 

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Vanessa Glau

Das Papierstudio

@VanessaGlau

 

 

 

 

 

 

Herzlich Willkommen in den Sehnsuchtsfluchten, liebe Vanessa!

Dankeschön! Ich freue mich sehr, dass ich dabei bin.

Das Thema der Anthologie ist ein großes: Emotionen. In deiner Geschichte „Gespräche mit Bergen“ findet sich einiges, das Emotionen auslöst. Hast du die Geschichte extra für die Sammlung geschrieben?

Ja, habe ich. Wenn ich mich richtig erinnere, bin ich zu einer Zeit auf Nikas Aufruf gestoßen, als es langsam wieder warm wurde und ich ziemlich heftiges Fernweh bekam. Das hat sich möglicherweise in der Geschichte niedergeschlagen.

Fernweh. Eine Sehnsucht, die viele Regungen in Menschen weckt. Du schickst deinen Protagonisten auf eine Reise in die Wildnis. Inwieweit suchst du in ihm dich selbst? Und in deinen Protagonisten allgemein?

Auf jeden Fall teile ich seine Sehnsucht nach den Bergen, dem Alleinsein. Hier in Österreich gibt es wunderbare Berge, aber Wanderwege sind auch gut besucht. Ich hoffe, dass ich mal ein paar ruhige Tage allein mit mir und der Natur verbringen kann. Natürlich gebe ich jedem meiner Protagonisten etwas von mir mit, um ihn gut schreiben zu können, aber ich versuche auch, mich nie auf denselben Aspekt zu konzentrieren. Das ist ein schöner Effekt beim Schreiben, dass man sich selbst sozusagen von verschiedenen Seiten betrachten kann.

Auf denselben Aspekt. Du meinst, den Fokus zu sehr auf einer bestimmten Charaktereigenschaft zu haben?

Ja, zum Teil. Aber ich achte auch darauf, dass meine Protagonisten sich untereinander nicht zu sehr ähneln. Klar, ich kann nur aus mir selbst heraus schreiben. Aber wenn ich nicht variiere, könnt ich genauso gut immer dieselbe Geschichte wiederholen und würde schreibtechnisch nie vom Fleck kommen.

Du sprachst die Einsamkeit an. Dein Protagonist sucht sie. Er scheint verschwinden zu wollen, er ist auf der Suche nach dem Nichtsein. Ist es beabsichtigt, dass im Gegenzug seine Freunde für die gesellschaftlichen Pflichten stehen, die an ihm zerren?

Ja. Ursprünglich waren diese Szenen nicht geplant, aber beim Schreiben habe ich schnell gemerkt, dass ich einen Kontrast zu seiner Zeit auf dem Berg brauche. Es sind nicht einmal gesellschaftliche Pflichten, sondern wohltätige und Protestaktivitäten, zu denen seine Freunde ihn überreden wollen. Sie meinen, wenn er nichts Besseres zu tun hat, kann er ebenso gut dabei helfen, die Welt zu verbessern. Dabei kann es genauso wertvoll, wenn nicht sogar wertvoller sein, zunächst an sich selbst zu arbeiten.

Der Kontrast war nötig? Magst du das erläutern?

Wenn ich diese Szenen nicht hinzugefügt hätte, wäre weniger klar gewesen, warum er unbedingt auf den Berg steigen wollte. Außerdem konnte ich seinen Hintergrund ein wenig beleuchten, etwa dass seine Freunde ihn als leidenschaftlichen Bergsteiger kennen oder dass er nicht sehr sozial ist – vielleicht auch kein Interesse daran hat, sich vor anderen zu erklären. Ohne diese Szenen wäre die Geschichte weniger interessant geworden, denke ich.

Du wählst als Rückzugsort, als Entschleuniger, den Berg. Überhaupt liest man bei Dir sehr liebevolle Worte zu Wiese, Grün und Blatt. Wie wichtig ist Dir die Natur in Deinen Erzählungen?

Es ist witzig, in letzter Zeit schleicht sie sich fast von selbst in so gut wie jede Geschichte hinein. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und in letzter Zeit ist mir noch stärker aufgefallen, wie sehr ich die Wiesen und Felder liebe, die ich so gut kenne. Auch die Berge, die ich im Sommer oft besuche. Vielleicht dient das Schreiben über die Natur auch als kleiner Ausgleich, da ich im Alltag gezwungenermaßen sehr viel vor dem Computer sitze.

Ich nehme sozusagen vorweg, was ich an freien Tagen bei schönem Wetter unternehmen möchte.

Oh, da klingt ordentlich Sehnsucht raus.

Dennoch haben wir auch Bedrohliches in der Geschichte: Die Klettertour, der Sturm, der Hunger.

Ja, da sind auch kleine Schnipsel aus meiner Erfahrung drin. Etwa wenn man beim Wandern einen Bach überquert und abwägen muss, ob man den Sprung schafft oder nicht. Fußstellung, Winkel, Kraft hinter dem Absprung. Dort, wo ich bisher unterwegs war, besteht zwar keine Gefahr, aber was ist, wenn man sich in einem unbewohnten Gebiet den Knöchel verstaucht?

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Wir haben jetzt die Emotionen als wichtigen Zusatz erörtert. Wie sieht es aus, wenn Du liest? Wie wichtig ist es Dir, Gefühle in Texten zu finden? Wie erreichen sie Dich?

Das ergibt sich zum Teil aus den Genres, die ich gerne lese, besonders bei romantischer Fantasy. Meist sind es die Gefühle zwischen Charakteren, ihre Beziehung, die durch fantastische Aspekte oft vor neue Herausforderungen gestellt wird. Magie verleiht der Handlung oft zusätzlich Farbe und ich lese immer wieder gerne darüber, wie Charaktere mit scheinbar unmöglichen Phänomenen umgehen.

Natürlich finden sich auch in realistischen Geschichten intensive Gefühle … aber ich gebe zu, dass ich mich am meisten zu Unerklärlichem hingezogen fühle, über das die Charaktere staunen oder vor dem sie sich vielleicht fürchten

Eine sehr schöne Antwort! Dann suchst Du in einer Geschichte neben Dir selbst auch ein wenig Abenteuer?

Ja, wie gesagt liebe ich Fantasy und die bunten Welten, die dabei entworfen werden. Nicht zuletzt als Übung für die Vorstellungskraft. Maggie Stiefvater, die ich sehr bewundere, hat einmal gesagt, dass gute Bücher sie in eine andere Welt entführen müssen. Der Meinung bin ich auch. Es kann etwas ganz Kleines sein wie ein exotisches Land oder eine revolutionäre neue Sichtweise auf Altbekanntes, aber eben auch etwas Großes wie eine Fantasywelt.

Wenn wir über das Handwerk beim Schreiben reden: Denkst Du, dass es bestimmte Kniffe gibt, wie man Emotionen beim Leser wecken kann?

Ich bin sogar sicher, dass es viele Kniffe gibt. Allerdings schreibe ich selbst eher instinktiv und habe gerade erst begonnen, den Prozess etwas überlegter anzugehen. Bisher habe ich Gefühle immer an Charakteren festgemacht. Sie sind es, die ich zum Leben erwecken will, damit der Leser intensiv mit ihnen mitfühlt.

Da ist er doch, der Kniff! Das gelingt dir übrigens sehr gut!

Danke!

Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Jedenfalls nicht wie Arbeit. 😉 Zunächst habe ich schon lange nicht mehr so konstruktive Kritik zu einer Kurzgeschichte bekommen und noch nie so viel überarbeitet. Außerdem hatte ich Spaß bei dem Austausch mit unserer Lektorin und den anderen Autoren – vor allem auch bei Diskussionen über Sprache und darüber, was geht und was nicht.

Und ein angenehmer Nebeneffekt war die Entdeckung so vieler interessanter Werke anderer Autoren (wie etwa von dir, Julia!), die ich teils schon gelesen und teils noch auf meiner Liste habe.

Das freut mich sehr! Und mir ging es ganz genauso! Es ist wahnsinnig toll, schreibende Menschen ganz ohne Neid und Missgunst zu erleben. Und gelernt habe ich ebenfalls eine Menge in diesen Monaten.

Liebe Vanessa! Wir danken dir von Herzen für dieses wunderbare Interview!

Ich bedanke mich für die spannenden Fragen!

Johnny Cash, Eva und Marylin Manson – Im Gespräch mit June Is.

Hier präsentiere ich euch das dritte Interview im Rahmen unserer Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“, die im August erscheinen wird! Diesmal habe ich June Is ausgefragt, die zwei sehr unterschiedliche Geschichten für die Sammlung geschrieben hat.

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June Is

http://www.cluewriting.de/autorin-june-is/

@ypical_writer

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebe June! Wir begrüßen dich recht herzlich an Bord der Sehnsuchtsfluchten!

Danke, liebe Julia!

Das erste, was an deiner Geschichte ins Auge sticht, ist tatsächlich der Name der Autorin. Magst du uns etwas darüber erzählen?

Im Studium begannen meine Studienkollegen, mich June zu nennen. Denn im Lateinischen bedeutet das „Die Blühende“ – ich sprühte immer vor Ideen (im Studium sowieso und auch hobbymäßig) und manchmal schüttelten alle den Kopf und waren dann erstaunt, dass ich es schaffte, manche durchzusetzen. Das hat allerdings nicht immer was mit der Schreiberei zu tun gehabt. Die Krönung war dann, dass ich Jahre nach dieser Namensgebung einen Freund hatte, der sich Johnny Cash modisch und musikalisch als Vorbild nahm und naja, der hatte doch auch eine June … und dann das „is“, das kam erst für die Veröffentlichungen, da man immer oder oft einen Vor- und Zunamen braucht. Ich finde die Vorstellung von „June ist“ in der Übersetzung sehr schön. Hat etwas Buddhistisches. Einfach sein. Aber man kann dann auch mit den Titeln spielen. Zum Beispiel schreibe ich mal irgendwann ein Buch namens „Liebe“, steht da auf dem Cover „June is – Love“.

Das gefällt mir sehr gut! Eine deiner Geschichten, die du für die Anthologie geschrieben hast, trägt dadurch ebenfalls solch eine „kombinierte Überschrift“: June is Eve. Spielst du hier mit der Identifikation zum Protagonisten?

Ja, die Identifikation ist nicht abzustreiten. Auch, wenn mir nicht passiert ist, was der Protagonistin passiert ist, so gefällt mir doch die Vorstellung, dass gerade in uns Menschen viel „Eve“ steckt. Den Namen wählte ich nicht ohne Grund. Wir würden doch (fast) alle von der verbotenen Frucht essen, um uns weiterzuentwickeln. Unterstelle ich mal 😉

Der Feminismus darin ist allerdings nicht gewollt, Eve ist geschuldet dessen, dass ich eine Frau bin. Wobei „June is Adam“ hätte auch irgendwas Interessantes. June is die Emiliafrage – das verbündet sich mit dem Theater-Protagonisten und leidet mit allen Deportierten (Emilia). Also es passt auch hier.

Allein mit der Wahl deines Künstlernamens hast du ja einen sehr großen emotionalen Bezug zu den Figuren und den Geschichten, die sie erleben. Emotionen ist auch das Thema der Anthologie. Könntest du dir vorstellen, dass es an irgendeinem Punkt mal schwierig sein könnte, dich selbst mit einzubringen? In einer Erzählung zu sehen?

Wenn man beispielsweise über Themen schreibt, die man selbst nicht erlebt hat (z.B. gewalttätige Eltern), gerät man schnell an seine (emotionalen) Grenzen. Ich nehme mir dann die Wut im Bauch vor, ein mir bekanntes Gefühl in anderen Gebieten, und übertrage es auf den/die Peiniger. So eine Art persönlicher Trick für Grenzgebiete. Und dann ist der Bezug zum Protagonisten hergestellt.

Wie sieht es aus mit den „eigenen Dingen in einer Geschichte sehen“? Thema mutiges/exhibitionistisches Schreiben. Bist du dahingehend schon mal an deine Grenzen gestoßen?

Daran will ich mich demnächst mal wagen. Das Experiment startet also noch.

Du hast jedenfalls schon mal Lust auf diese Reise.

Ja, aber ich fürchte mich auch. Zugegeben.

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Wie wichtig ist es dir als Leser, dich mit dem Protagonisten identifizieren zu können?

Oh das ist romanabhängig. Zum Beispiel kann ich Biographien lesen von Männern, denen ich nie nacheifern würde. Zum Beispiel Marylin Manson. Dessen Tagebuch war ultrainteressant, aber Identifikation gleich Null. Und auch diese Lektüre bietet viel Platz für Emotionen, eben die weniger schönen: Ekel, Widerwillen. Ansonsten sprechen mich traurige Märchen an, weil man Mitgefühl entwickelt und sich vorstellt, wie man wohl selbst reagieren würde. Da ist die Identifikation höher.

Denkst du, es gibt gewisse Kniffe, also Handwerkliches, mit dem man Emotionen beim Leser hervorrufen kann?

Ich glaube, das Geheimnis ist, über Dinge zu schreiben, die einem selber nahegehen. Das ist der Kniff an sich. Wenn den Autor etwas nicht berührt, wird er es vielleicht nicht wiedergeben können.

Die Anthologie war ja auch ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie fandest du diesen Prozess?

Obwohl alles virtuell stattfand, war es ergiebig und vor allem unser „Wortknecht“ sehr verständnisvoll und hilfreich. Mit einigen anderen hatte ich nicht so viel zu tun. Ihr Herausgeberinnen habt jede Frage beantwortet und uns immer motiviert. Das war schön. Sonst wird man ja eher allein gelassen.

Liebe June, ich danke dir für dieses sehr interessante Interview!

Ich danke euch! Für das interessante Projekt, die vielen netten Menschen, die ich dadurch kennenlernen durfte und natürlich eure Arbeit, die ihr neben allem anderen in diese Anthologie investiert habt und noch werdet.

Orangen, Schreibtisch und Verlust – Magret Kindermann im Gespräch.

 

 

Im Rahmen der Veröffentlichung der Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“ interviewen Nika Sachs und ich die Autoren und machen uns mit ihnen auf die Suche nach großen Gefühlen in Texten. Ich freue mich, heute das erste Interview präsentieren zu dürfen, welches ich mit der wundervollen Magret Kindermann geführt habe.

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Magret Kindermann,

Autorin des Romans Zwei Königinnen

themagret.com

@magretkind

 

 

 

 

Hallo liebe Magret! Wir freuen uns sehr, dich an Bord der Sehnsuchtsfluchten willkommen zu heißen!

Und ich freue mich, dabei sein zu können. Es ist mir eine Ehre mit so vielen tollen Autoren zusammenarbeiten zu können.

Emotionen. Ein großes Wort.

Vor allem etwas, das uns in jeder Minute unseres Lebens beeinflusst, selbst im Schlaf. Mich mehr als andere, denke ich manchmal. Ich gestalte selbst mein Essen emotional.

Moment. Du gestaltest dein Essen emotional? Erzähl!

Ich esse fast immer nach Gelüsten. Beim Aufwachen denke ich schon: Ich will eine Orange! Und ich bin verliebt in den Gedanken bis ich endlich eine bekomme und befriedigt die Schalen wegwerfe.

Oder auch andersherum. Wenn es mir nicht gutgeht, habe ich oft das Bedürfnis, Mist zu essen. Fettiges, mit viel Chemie. Weil ich möchte, dass ich meinen Körper genauso herabsetze wie sich mein Geist fühl. Dagegen kann ich aber auch steuern. Etwa mit Orangen! Dann trickse ich und zwangsläufig geht es auch meinem Geist besser.

Das verwende ich übrigens auch beim Schreiben viel, ist mir aufgefallen. Ständig kriegen Leser bei meinen Geschichten Appetit.

Das ist mir auch aufgefallen. Würdest du das als eine Verbindung zwischen dir und deinem Protagonisten beschreiben?

Puh. Du meinst, ob ich mich dadurch mit meinem Protagonisten identifiziere?

Nein.

Aber sie sind ein Produkt meiner Fantasie, meiner Weltanschauung. Dadurch entspringen sie natürlich meinen Vorstellungen von Menschen.

In meiner neuen Novelle etwa versuche ich die Protagonistin nichts mit Essen anfangen zu lassen. Hat nicht geklappt. Ich habe jetzt alles umgeschrieben und jetzt gibt es eine Schlüsselszene mit Pommes im Schwimmbad.

Das mit dem Gleichsetzen von Körper und Geist finde ich höchst interessant. Dieses Thema findet sich auch in deiner Geschichte „Ein Taschentuch aus dem nächsten Jahr“.

Ja. Weil Emotionen nie vom Körper zu trennen sind.

Kommen wir nochmal zur Identifikation zum Protagonisten. Welche Rolle spielt sie für dich? Gibt es hier einen Unterschied zwischen dir als Leser und dir als Autor?

Ich glaube, im Grunde kann sich jeder Mensch mit jedem Menschen grundsätzlich identifizieren. Denn irgendwo in unserem Erfahrungsschatz und Emotionschaos gibt es immer Überschneidungen. Die Kunst ist es für einen Autor, so zu schreiben, dass man sich als Leser mit jedem identifizieren kann. Mit einer Schickimickitussi mit YouTube-Kanal, mit Trump, mit einem Terroristen, mit Alice Schwarzer. Bestes Beispiel: Das Parfum von Patrick Süßkind. Da geht es um einen Mörder und jeder Leser identifiziert sich mit ihm.

Wenn ich also eine Geschichte lese, berührt sie mich, weil ich mich identifizieren kann. Weil ich auf emotionaler Ebene verstehe: Das könnte mir auch passieren. Wenn ein Autor das nicht schafft, lege ich als Leser das Buch weg.

Welch wunderbare Antwort! Du setzt allerdings hohe empathische Fähigkeiten voraus. Denkst du tatsächlich, dass jeder Mensch dazu in der Lage ist, eine gewisse Ebene zu finden, auf der er sich mit einem anderen Menschen identifizieren kann?

Nein. Aber jeder auf anderen Leveln. Deswegen sind manche Geschichten (vor allem Gedichte) nichts für mich oder erst viel später im Leben, wenn ich einen Zugang gefunden habe.

Dazu möchte ich noch einmal die Fähigkeiten des Autors hervorstellen.

Man kann es schaffen, heimlich den Leser etwas fühlen zu lassen, ohne dass er es beim Lesen merkt. Er wollte sich unterhalten lassen und beim Beenden merkt er: „Shit, was war das denn?“ Das sind die besten Bücher.

Das sagt uns viel über deinen Anspruch an einen Text. Hast du diesen Anspruch auch an dich selbst als Autor?

Oh ja. Und er steigt mit jedem Text. Meine Hauptansprüche sind eine fiktive Wahrheit zu erschaffen, dazu meine eigene Message zu finden und nicht zu kopieren. Ich interessiere mich sehr dafür, den Leser den Wahnsinn in ihm selbst entdecken zu lassen und diesen zu lieben. Und das ist nur der semantische Anspruch, dann kommt ja noch die Sprache!

Ein hoher Anspruch! Bringt er dich manchmal zum Hadern?

Nein, im Gegenteil. Er beflügelt mich. Weil ich damit Ziele habe, etwas zum Wachsen. Ich gebe mir damit als Autor selbst eine Bedeutung.

Ohne diesen Anspruch hätte ich keinen Stolz gegenüber meinen Texten. Denn warum auch? Worte aneinanderreihen kann jeder.

Du schreibst hauptberuflich?

Nein und ja. Ich habe es mir selbst ausgesucht, Autor zu sein und das kommt bei mir an erster Stelle. Geld verdiene ich damit bei Weitem nicht genug. Also arbeite ich als redaktionelle PR-Bloggerin, Lektorin, sogar Event-Planerin oder im besten Fall kreative Texterin.

Die Anthologie war zugleich ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Am schönsten war für mich, so viele Menschen kennenzulernen, die alle aus diesem fusseligen Begriff Autorenholz geschnitzt sind. Wir alle kennen wohl das Gefühl, der einzige Mensch unserer seltsamen Art zu sein. Gleichzeitig zeigte mir die Zusammenarbeit aber auch, wo ich selbst stehe. Ich begriff, woran ich noch arbeiten kann, weil ich von anderen inspiriert wurde. Vor allem von unserer Lektorin Michaela Stadelmann. Aber habe auch gelernt, dass ich in Vielem schon sehr gut bin. Die Anthologie wird dazu führen, dass wir als Autoren mehr Selbstbewusstsein haben werden. Gerade die jungen unter uns, die bisher noch nichts veröffentlicht hatten. Das ist für einen Autor Gold und ich bin mir sicher, jeder von uns wird dadurch beflügelt bald seine eigenen Sachen reißen.

In deiner Geschichte wählst du die Form des Ich-Erzählers und sprichst den Leser auch direkt an. Hast du dies bewusst gewählt oder war es eher ein Ausprobieren?

Das war bewusst. Denn der Ich-Erzähler ist nicht derjenige, der die Emotionen erlebt, sondern diese beobachtet und noch schlimmer: sie verdrängt, sie nicht begreift. Dadurch erreichen die Emotionen den Leser durch einen Filter, einen Transmitter. Dazu haben wir die befremdliche Reaktion des Ich-Erzählers, die dadurch beim Leser eine noch stärkere Empathie durch Trotz hervorrufen.

Unabhängig davon ist der Ich-Erzähler immer ein emotionaler Erzähler, da er diese direkt vermittelt. Oder direkter. Während es in der dritten Person immer mit mehr Abstand passiert. Das ging bei so einem wichtigen Thema wie Emotionen natürlich nicht!

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Eine sehr kluge und auch psychologische „Technik“. Diese setzt wiederum voraus, dass der Leser gewillt ist, sich darauf einzulassen. Man könnte es auch dahingehend ausweiten, dass es für den Autor auch eine Möglichkeit ist, sich vom Geschehen zu distanzieren. Symbole von Distanz schaffen, findet man einige in deiner Geschichte.

Du meinst den Erzähler.

Ich meine z.B. den Schreibtisch.

Der Schreibtisch ist die symbolische Grenze, die der Ich-Erzähler zwischen sich und den Gefühlen zieht, ja.

Darum geht es ja auch eigentlich im Text, nicht um Liebeskummer. Das macht das Ich natürlich noch deutlicher. DARUM GEHT ES. Und nicht um beide auf der gleichen Ebene.

Wobei das Ich auch einfach ein Bedürfnis vom anderen überlagern zu versuchen könnte. Es gibt sich einem blutigen Steak hin, als sich mit dem Schmerz des Verlustes auseinanderzusetzen. Beides ist vielleicht Selbstquälerei, eines mehr, das andere weniger.

Ich finde eher, die Frau stellt sich ihrem Liebeskummer direkt. Sie erlebt aktuell Qualen, aber nur dadurch wird sie sie überwinden. Während der Ich-Erzähler sich mit der Auseinandersetzung drückt. Er geht mit Emotionen so um, wie es von der Gesellschaft gelehrt und verlangt wird: weitermachen, nicht wichtig nehmen. Dadurch wird er ewig hängenbleiben, nie damit zurecht kommen, immer hinter seinem Schreibtisch stecken bleiben. Das ist für mich die viel größere Selbstquälerei.

Er geht mit den Emotionen rational um, fast klinisch. Während sie Emotionen unerklärt für das nimmt, was sie sind.

Das klingt enorm reflektiert.

Ja, aber Reflexion kommt durch Auseinandersetzung und Bewusstsein. Dazu braucht man eben diesen Mut.

Mut braucht es. Richtig! Nur so erreicht man Authentizität.

Liebe Magret. Ich danke dir für diese Reise in deine Gedanken. Du hast mich begeistert! Und den Lesern wird es sicher ganz genauso gehen.

Danke dir für das beflügelnde Gespräch!

 

 

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