Schlagwort-Archive: Trauer

Seele, Mut und Angst – Im Gespräch mit M.D. Grand

Standard

.

Seit gut einer Woche sind die Sehnsuchtsfluchten erhältlich, und heute stelle ich euch eine junge Autorin vor, die sehr unterschiedliche Geschichten für die Anthologie schrieb. Besonders eine von ihnen lässt nach diesem Interview noch länger innehalten.

DSC_0790

 

M.D. Grand

https://schatten-fantasy.jimdo.com

@md_grand

 

 

 

 

 

Liebe Marlen, Herzlich Willkommen bei  den Sehnsuchtsfluchten!

Danke, dass ich dabei  sein darf!

Das Thema ist groß. Emotionen!

Aber etwas, womit bestimmt jeder was anfangen kann.

So sollte es sein. Es aufzuschreiben ist vielleicht schwieriger. Es … festzuhalten. 

Das stimmt auf jeden Fall.

Deine Geschichte „Wörterbuch dessen, was bleibt“, hinterlässt einen nach dem Lesen in einer gewissen Schockstarre. Hast du sie extra für die Anthologie geschrieben?

Zum Teil. Ein Grundgerüst hat es gegeben, aber nicht als Geschichte, sondern als eine Art Tagebucheintrag. Also genau genommen hatte ich viele einzelne Sätze unzusammenhängend, eine Sammlung an Gedanken zum Thema, die ich nicht richtig zuordnen konnte, aber ich habe es nie geschafft, diese Satzfragmente in eine sinnvolle Ordnung zu bringen.

Zuerst wollte ich nur „Liebe Abby“ abgeben, aber dann habe ich meinen Laptop durchforstet, ob ich noch Geschichten finde und bin über diese Satzfragmente gestolpert. Zuerst war ich mir sehr unsicher, ob ich diesen Seelen-Striptease überhaupt hinlegen will oder ob ich das so hinbekomme, wie ich möchte … Zum Glück hat Nika mich motiviert, es ihr zu schicken.

Zum Glück hat sie das getan! Seelenstriptease – Da sind wir gleich beim Thema. Mich hat deine Geschichte ordentlich durchgerüttelt. Ich hatte Gänsehaut und einen Kloß im Hals.

Ich weiß nicht ob mich das freut oder ob es mir leid tut. Bisschen von beidem.

Glaubst du, es gibt so etwas wie eine Rechnung? So viel Emotionen, wie man in einen Text reinsteckt, so viel bekommt man wieder? Vom Leser, meine ich.

Das kann gut sein, aber dann tun mir die Leser sehr leid. Ich hoffe, ich transportiere nur halb so viel Leid, wie ich reingesteckt habe …

Was? Was für eine Antwort! Dann hast du dir also etwas von der Seele geschrieben. Kann man das so sagen? Oder würdest du einen anderen Begriff wählen?

Ich würde sagen ich habe ein Stück meiner Seele aufgeschrieben. Dieser Text ist der einzige, den ich jemals geschrieben habe, der „persönlich“ ist – und damit ist er auch der wichtigste für mich. Ich rede nicht viel über dieses Thema, weil es für jeden, der dabei war, sehr schmerzhaft war und niemand den anderen in einem guten Moment daran erinnern möchte. Insofern könnte man sagen, dass es ein Geheimnis ist, das ich den Lesern anvertraue. Er ist ehrlicher als alles, was ich jemals dazu sagen könnte oder würde. Man will niemandem weh tun, nicht die falschen Worte wählen… Aber der Text gibt einem sozusagen Immunität.

Wow. Danke für dein Vertrauen. Und deinen Mut! Ein Stück meiner Seele aufgeschrieben. Was für ein Satz!

Ich muss gestehen, ich habe ein bisschen Angst davor, was die Leute sagen werden, die dabei waren, aber auf der anderen Seite … Ich werde nicht dabei sein, wenn sie es lesen (hoffe ich) und die verspäteten Reaktionen sind immer nur halb so wild. Und sie können selbst entscheiden, ob sie bereit dazu sind, es zu lesen.

Du hast Angst vor den Reaktionen auf deine Emotionen?

Ja, irgendwo schon.

Hm. Dabei hat jeder doch das Recht auf seine Emotionen, oder? Und du hast dich dafür entschieden, es niederzuschreiben. War es eine Überwindung?

Das Aufschreiben nicht, aber das Veröffentlichen. So viel Ehrlichkeit zu Fremden – und noch schlimmer – zu denen, die ich kenne und die es lesen und wissen, worum es geht. Ich muss sagen, die Frage fällt mir sehr schwer zu beantworten. Wie kann ich das erklären …

Ich hab einfach Angst, dass der Text ein bisschen hart ist. Bisschen zu viel Ehrlichkeit. Aber auf der anderen Seite zwinge ich ja niemanden, es zu lesen.

Du hast ihn für dich geschrieben.

Genau! Das ist es!

Ich möchte auch noch etwas zu dem Gedicht am Anfang sagen. Also, dieses Gedicht ist mir fast noch wichtiger als die Geschichte. Es ist nicht von mir, sondern von der Person, um die es in der Geschichte geht. Ich habe ihr – oder eher mir – versprochen, dass ich dafür sorge, dass wenigstens ein Teil von dem, das er geschrieben hat, an die Öffentlichkeit kommt. Und damit ist der erste Schritt meines Versprechens erfüllt – etwas, das mir eben unglaublich wichtig war. Damit ist es sozusagen von uns beiden.

Wie lange ist es her?

2 Jahre im August.

Noch ganz frisch. Es tut mir leid.

Das seltsame ist, er ist bald länger tot, als ich ihn gekannt hab. Irgendwie…weiß nicht. Komisch.

Und ich weiß noch immer nicht was die korrekte Antwort auf „Es tut mir leid ist“… danke?

Das ist es tatsächlich. Ein merkwürdiger Gedanke.

Vielleicht gibt es keine Antwort auf Es tut mir leid.

Ja vermutlich.

Magst Du uns noch sagen, welche Anforderungen Du als Leser an einen Text hat, der Emotionen in Dir wecken soll?

Also um es böse zu sagen: die Vorlagen für „Wörterbuch dessen was bleibt“ sind ja nicht von mir, sondern fast zu unglaubwürdig-schön der Realität entnommen. Daher auch der Kapitelvergleich. Er hat einfach scheiß-gut-böse vorgelegt. Da gibts noch viel mehr noch bildhaftere Details aber das werde ich vielleicht mal in einer längeren Geschichte darlegen. Will ja keinen verstören.

Nun ja. Man kann von etwas berichten. Oder man kann etwas so erzählen, dass den Zuhörer fröstelt.

Emotionen weckt was glaubwürdig ist? Würde ich mal sagen.

Und glaubwürdig schreiben ist … ?

Haha. Okay. Jetzt hast du mich. Na gut. Also glaubwürdig ist, was ich mir als Leser vorstellen kann. Egal ob lustig oder traurig – wenn es in meinem Kopf Gestalt annimmt, bin ich auch emotional dabei. Deshalb weine ich immer bei traurigen Büchern und werde im Zug angeschaut, als wäre ich verrückt, wenn ich plötzlich zu lachen beginne!

Dito!

Der Helm auf den Schuhen.

Ja, irgendwie hat der mich am meisten traurig gemacht.

Ja, das war so er. Mit dieser Selbstverständlichkeit. Hatte es selbst vergessen, bis ich es wieder gelesen habe.

Ja. Genauso sehe ich ihn vor mir. Und das hast du beschrieben, ohne seine Person auch nur zu nennen. Mit einem Helm und Schuhen.

Klaus. So hat er geheißen.

Ein ungewöhnlicher Name.

So wie er.

Screenshot_2017-08-11-09-19-42

Kommen wir nun zur letzten Frage: Die Anthologie war ja auch ein Experiment, eine Art Gruppenarbeit. Wie empfandest du diesen Prozess?

Toll. Ich bin Karena sehr dankbar, dass sie mich da mit hinein geholt hat! Ich wusste nicht, dass ich Kurzgeschrichte schreiben kann – und ohne euch hätte ich keine der drei Geschichten jemals so geschrieben, noch veröffentlicht. Also falls ihr neue Ideen habt: bitte plant mich fix ein!

Machen wir sofort! Liebe Marlen! Ich danke dir für dieses ehr offene Gespräch und deinen Mut!

Liebe Julia, danke dir!

Die Ewigkeit dauert auch nicht mehr so lang wie früher.

Standard

IMG_6157

Dieser Schatz hat viel zu lange unberührt in meinem Regal gestanden, und als ich ihn dann endlich entdeckt habe, habe ich ihn förmlich verschlungen. In Ganz normale Helden sind viele wichtige Geschichten zu einer großen vereint, ohne den Leser zu erschlagen. Wohl aber, um ihm zu erzählen über das Leid, welches einen ereilen kann und wie es vielleicht zu heilen ist.

Das Ehepaar Delpe hat den jüngeren der beiden Söhne verloren. Jeff, achtzehn Jahre, versucht diese Lücke zu füllen, ahnend, dass die Familie droht auseinanderzubrechen. Da kein Mensch solch einer Aufgabe gewachsen ist, zieht er sich schließlich zurück und entgleitet den Eltern. Für die Mutter ist das ein Schock, immer wieder befürchtet sie, Jeff ebenso zu verlieren. Ihre Trauer kippt in einen Wahn; ein Strudel, der sie nach unten zerrt, und der alles droht mitzureißen; ihre Ehe, ihre Familie, ihr gesellschaftliches Leben, ihre Gesundheit. Der Leser taucht ein in die Abgründe einer Ehe, er sieht zu, zu was Menschen fähig sind; Menschen, die sich einmal geliebt haben, und sich nun gegenseitig verletzen, nur um sich noch spüren zu können. Der Autor Anthony McCarten schlägt sich eindeutig auf die Seite des Vaters, der sich in einer eher ruhigen Art mit seiner keifenden und nicht zufriedengebenden Frau konfrontiert sieht. Auch aus ihm holt der unfassbare Schicksalsschlag alles vermeintlich Schlechte heraus: Das Pragmatische wandelt sich in ein Nichtstun, in ein Aussitzen. Erst als Jeff verschwindet, reagieren die Eltern, und nicht mehr als Paar, sondern jeder von ihnen auf seine eigene Weise, die sich aufgrund ihrer geschundenen Seelen als eher ineffektiv bis sinnlos beschreiben lässt.

Diese schwere Kost kommt ganz ohne Pathos und Klischees aus, der Roman kommt sogar sehr erfrischend daher, und diese Tatsache möchte ich doch als ein Meistergelingen bezeichnen. Das menschliche Leid wird an Aktualität niemals verlieren, und da das Internet hier einen großen Teil des Schauplatzes darstellt, wird diese Aktualität noch verstärkt. Unabhängig voneinander suchen nämlich beide Eheleute Hilfe im Netz, Renata redet in einem Kirchenforum mit Gott, und Jim sucht in dem größten virtuellen Rollenspiel weltweit nach seinem verbliebenen Sohn. Stellen, an denen man lacht und dann wieder weint, wechseln sich rasant ab, und in vielen Monologen und Dialogen sind Perlen versteckt, Wahrheiten über das Leben, über die man lange nachdenken und philosophieren kann. Ganz normale Helden möchte ich sofort noch einmal lesen!

Warum erzählen wir Geschichten? Damit wir nicht vergessen, dass es unser Ziel ist, über uns hinauszuwachsen.

(Überschrift und letzter Satz: Zitat aus Ganz normale Helden von Anthony McCarten)

Der rückwärts fließende Fluss

Standard

-Eine Erzählung-

 Julia von Rein-Hrubesch

 

 fluss

Die Bäume neigten sich der Erde zu.

An diesem Platz gab es nur hängende Bäume. Zierkirschen, Blauzedern, Buchen und selbst Fichten. Doch am meisten beeindruckten natürlich die mächtigen Trauerweiden, die mit ihren das Wasser küssenden Haaren und den Himmel streichelnden Kronen die Welten der Lebenden und der Toten vereinte.

Die Geschichte über diesen Platz kannte er anders, doch das spielte nun keine Rolle mehr; nun würde er seine eigene Geschichte schreiben. Er war mit der Erzählung aufgewachsen, die Trauerweiden würden den Himmel und die Erde vereinen, doch nun waren es eben die Toten und die Lebenden.

Vielleicht war es auch genau dasselbe.

Der Fluss, der den See an diesem Platz speiste, war nicht besonders breit, doch tückisch. Es hieß, niemand könne ihn durchschwimmen. Und niemand sollte es tun. Der Fluss, an dessen Ufer er nun stand, war einer der wenigen rückwärts fließenden Flüsse im Reich der Lebenden.

Er zog seinen rechten Schuh und den Strumpf aus und hielt prüfend die Zehen in das Wasser. Das Reich der Toten schwamm verzerrt auf der Oberfläche.

Jene Flüsse, die rückwärts fließen, nehmen denjenigen, der sie durchquert mit zurück. Wohin genau, das scheint niemand genau sagen zu können.

Er bestimmte, dass es die Vergangenheit sein sollte. Denn wohin sollte man sonst jemand mit zurücknehmen? Und da er derjenige war, der sich darüber den Kopf zerbrach, sprach er sich das Recht zu, das bestimmen zu dürfen. Da er derjenige war, der den Fluss durchqueren wollte, durfte er bestimmen, wohin ihn das Wasser tragen solle.

Er erlaubte sich keinen Gedanken an den Tod. Tot war er bereits. Er hatte nicht vor, in dem rückwärts fließenden Fluss zu sterben.

Er blickte über das Wasser in die verschwommenen Augen der Toten. Wenn er den Fluss durchqueren würde, würde er ihn mit zurücknehmen in die Vergangenheit, in eine Zeit, in der sie noch am Leben gewesen war.

Er hatte diesen Platz lange Zeit beobachtet, ihn erkundet, ihn ausspioniert. Diese Stelle gehörte zu seinem Leben, tatsächlich nahm sie einen geraumen Platz darin ein; doch er versuchte die Erinnerungen aus der Kindheit abzuspalten und ihn mit den Augen eines erwachsenen Mannes zu sehen, der vorhatte, in den rückwärts fließenden Fluss zu steigen.

Es gelang ihm kaum; die Erinnerungen und die neuen Betrachtungen verschmolzen immer wieder miteinander. Und noch immer war ihm diese eine kühle Stelle inmitten jener hängenden Riesen, die schon damals Riesen gewesen waren und sich schützend über ihn gebeugt hatten, die liebste. Jene Stelle, an der man die Frische riechen konnte und das Lachen der Kinder hinter den Stämmen verhallte.

 

Nun wollte er keine Zeit mehr verschwenden, keine einzige Sekunde mehr. Er zog sich das Shirt über den Kopf, kämpfte sich aus Hose und einem Schuh und sprang.

 

Der Fluss empfing ihn mit einer wohligen Wärme. Doch nur bis er zu seinem Bett hinunter gezogen wurde.

Er war ein guter Schwimmer, und er erreichte recht schnell die Mitte des rückwärts fließenden Flusses. Doch dann packte ihn etwas an den Knöcheln und zog ihn sanft, aber unnachgiebig in die Tiefe.

Das Flussbett war mit Kies und Schlamm gefüllt, und als er panisch die Augen aufriss, konnte er die unzähligen Schlingpflanzen sehen. Er ruderte wild mit den Armen und strampelte mit den Beinen, doch die grünen Finger gaben nicht nach. Als er nach oben blickte, sah er in die Welt der Toten, und er dachte daran, dass er nun hinaufgehen würde. Und dann sah er sie. Vielleicht spielte ihm sein Gehirn einen Streich, geschwächt durch den Sauerstoffmangel und die Erinnerungen.

Sie sah genauso aus wie immer. Ihre Haare flossen langsam hin und her, als sie ihn anstarrte und den Kopf schüttelte.

Er streckte die Hand nach ihr aus, er wollte sie berühren, sie beruhigen; er wollte ihr sagen, sie müsse sich nicht sorgen. Sie schüttelte immer weiter mit dem Kopf, und er war sich sicher, dass sie ihn davon abhalten wollte, zu ihr zu kommen, zu ihr, in die Welt der Toten.

Er wusste nicht, dass es etwas anderes war, eine Gewissheit, über die sie verfügte, doch er nicht.

 

Ein Fluss, der rückwärts fließt, nimmt einen mit zurück. Er nimmt einen mit zurück in eine Zeit, in der die Geschehnisse noch nicht geschehen waren. Man könnte es als früher bezeichnen, wenn man es sich einfach machen wolle. Doch einfach ist es nicht.

Wie von einem Kern, dem man die über Jahre gewachsenen Schalen abzieht, zieht man von der Zeit eine Schale nach der anderen ab. Die Schalen wachsen nach, ja, doch in einer anderen Form. Und so entwickelt sich auch das Leben nicht auf genau dieselbe Art und Weise weiter, wenn man aus dem Fluss steigt.

 

All das wusste er nicht, als er nun an sein Vorhaben dachte, heute keinesfalls zu sterben. Nicht seine Muskelkraft, doch sein verzweifelter Wille befreite ihn schließlich aus den Pflanzen, schnitt sie durch mit einem Messer aus Trauer.

Er schwamm an die Oberfläche.

 

Als er dem rückwärts fließenden Fluss entstieg, war sie wieder da, doch sie war anders. Alles war anders, der Platz sah völlig verändert aus. Die Bäume neigten sich nicht mehr der Erde zu, sondern ragten kerzengerade in den Himmel. Sie ließen das Sonnenlicht hindurch und auf die Wiese fallen, die nun keine kühlen Geheimnisse und Schätze mehr barg.

 

Er erblickte all dies und wurde stumm, als sich die Gewissheit in ihn hereinfraß. Sein Vorhaben war ihm nicht geglückt, er starb, hier und jetzt an dieser Stelle des Ufers; es war ein anderes Sterben, und es fühlte sich viel schlimmer an, als er es sich je hätte ausmalen können.

 

Ende